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Leben und Gesellschaft - Rassismus, Black Lives Matter, Deutschland Wo Deutschland in Sachen Rassismus handeln muss

Der Tod des schwarzen US-Amerikaners George Floyd vergangenen Jahres sorgte für einen weltenweiten Aufschwung der Rassismusdebatte. Ob struktureller oder institutioneller Rassismus, die Probleme sind nicht nur in den USA präsent. Auch Deutschland muss sich die Frage stellen: Wo müssen wir gegen Rassismus ansetzen?

Dass Menschen aufgrund ihrer Hautfarbe anders behandelt werden, ist heutzutage immer noch ein großes Problem. (Quelle: Annika Abeler)

Man würde meinen, im 21. Jahrhundert wären wir schon so weit, dass die Hautfarbe von Menschen keine Rolle spiele, und doch werden wir immer wieder vom traurigen Gegenteil überzeugt. Der Tod von George Floyd im Mai 2020 ließ den Kampf gegen Ungleichheit und strukturellen Rassismus, welcher schon seit Jahrzehnten anhält, neu entfachen. Der Vorfall im US-Bundestatt Minnesota sorgte unter anderem dafür, dass Tausende auf die Straße gingen und unter dem Motto „Black Lives Matter“ protestierten. Die im Jahr 2013 entstandene Bewegung, die sich gegen die Gewalt von People of Color einsetzt, rückte so wieder in den Fokus der breiten Öffentlichkeit.

Infolgedessen entstanden weltweite Diskussionen über strukturellen Rassismus bei der Polizei. Die ganze Welt blickte nach Amerika. Der weltweite Aufruhr war groß – zurecht. Und mit den Ereignissen in den USA wurden auch Stimmen lauter, in Deutschland gehöre Rassismus ebenso zum Alltag. Denn besonders der Alltagsrassismus führt zu Diskriminierung, welcher oft subtil und schwer verfolgbar ist.

Doch ab wann kann von Rassismus gesprochen werden?

Rassismus findet in unserer Gesellschaft auf verschiedenen Ebenen statt. Von strukturellem Rassismus wird beispielsweise gesprochen, wenn die Benachteiligung einzelner Gruppen durch die Organisation der Gesellschaft zustande kommt. Unter anderem liegt das an den historisch etablierten Machtverhältnissen, die wir zum Beispiel aus der deutschen Kolonialgeschichte kennen und viele auch heute noch unbewusst – oder bewusst – weitergeben. Das bedeutet, dass Menschen sich nicht unbedingt bewusst dazu entscheiden, eine Gruppe von Menschen zu benachteiligen, sondern die Strukturen so tief in unserer Gesellschaft verankert sind, dass es für einige normal erscheint und somit auch nicht hinterfragt wird.

Diese strukturellen Benachteiligungen zeigen sich aber nicht nur in unserer Gesellschaft, sondern spiegeln sich auch in den staatlichen Einrichtungen wider. Hierbei wird von institutionellem Rassismus gesprochen. Das Büro zur Umsetzung von Gleichbehandlung e.V., beschreibt dies als „das kollektive Versagen einer Organisation […]“. Dieser institutionelle Rassismus zeigt sich zum Teil in unseren staatlichen Einrichtungen, wie beispielsweise der Polizei. Natürlich sind nicht alle Menschen innerhalb staatlicher Institutionen gleich Rassisten. Dennoch werden oft vorrangig Menschen kontrolliert oder beschuldigt, die nicht dem idealtypischen Bild der Gesellschaft entsprechen, auch Racial Profiling genannt. Obwohl Racial Profiling in Deutschland verboten ist, zeigt eine Studie der EU-Grundrechtagentur im Jahr 2017, dass 14 Prozent aller Befragten dies erlebt haben. Aktuellere Studien zur rassistisch motivierten Polizeigewalt oder auch Racial Profiling gibt es zum jetzigen Zeitpunkt nicht, da Bundesminister Seehofer (CSU) dies zunächst ablehnte. Er sah darin keine Notwendigkeit.

Auch Adama Logosu-Teko, vom Haus der Kulturen in Braunschweig, wurde Zeuge davon wie tief die Strukturen in unserer Gesellschaft verankert sind.

„Der erste Schritt in die Richtung einer Lösung ist, dass wir erstmal zugeben, dass es ein Problem gibt!“ (Adama Logosu-Teko, Geschäftsführer Haus der Kulturen in Braunschweig)

Menschen werden täglich damit konfrontiert oder bekommen dies durch die Strukturen unserer Gesellschaft zu spüren. Jedoch wird es von vielen nicht als ein Problem angesehen. Nicht nur Bundesminister Seehofer lehnte zunächst eine Studie ab, so sagt auch CDU-Politiker Friedrich Merz, dass es keinen latenten Rassismus bei der Polizei in Deutschland gebe. Doch wie können wir uns da so sicher sein, wenn keine aktuellen Studien zu dem Thema erhoben werden?

Anhand des Jahresberichts der Antidiskriminierungsstelle des Bundes (ADS) kann verzeichnet werden, dass die Diskriminierungsfälle innerhalb der letzten Jahre gestiegen sind. Es werden dementsprechend immer mehr, statt weniger Fälle. Während im Jahr 2015 noch 545 Fälle gemeldet wurden, sind es im Jahr 2019 bereits mehr als doppelt so viele. Insgesamt handelt es sich dabei um 1.176 Fälle, ganz zu schweigen von der Dunkelziffer von Menschen, die aufgrund ihrer ethischen Herkunft im Alltag oder Arbeitsleben diskriminiert werden.

Wie viele Zahlen und Berichte aus vergangenen Studien sind also nötig, damit in Deutschland reagiert wird? Rassismus ist ein Problem, das ständig präsent ist. Im Alltag, bei einer Polizeikontrolle oder auch bei der Wohnungssuche. Als Weiße/r ist es schwer nachzuvollziehen, wie sich „people of color“ fühlen oder wie stark die Strukturen und die damit einhergehenden Benachteiligungen noch in unserer Gesellschaft verankert sind. In einem weiteren Interview berichtet der angehende Chemikant Aijay, wann er das erste Mal mit Rassismus konfrontiert wurde.

Doch ist Deutschland vergleichbar mit Amerika?

Bei dem Vergleich der Intensität von Rassismus zwischen den beiden Ländern, hält sich Adama Logosu-Teko zurück. Jedoch ist er der Meinung, dass beide Länder ein Rassismusproblem haben. Der spürbare Unterschied liegt laut ihm darin, dass in Amerika alles aufgezeichnet wird. So bekommen die Leute mit, dass so etwas überhaupt noch passiert. Der wohl bekannteste Fall in Deutschland ist Oury Jalloh, welcher in einer Polizeistation angeblich ohne Fremdeinwirkung in Flammen aufging und starb. Laut der Polizei hieß es das der Afrikaner sich selbst angezündet hatte, jedoch fanden die Ermittler kein Feuerzeug. Hinzu kam das Oury Jalloh mit Handschellen gefesselt war und sich somit schwer selbst anzünden konnte. Bis heute ist der Fall von 2015 nicht wirklich geklärt.

Zudem betont Adama Logouso-Teko, dass es notwendig sei, grundlegende Strategien zu entwickeln, um effektiv etwas gegen den strukturellen sowie institutionellen Rassismus zu unternehmen. Es sollten juristische Konsequenzen gezogen werden und nicht damit entschuldigt werden, dass es ein Ausrutscher war. In Deutschland werden Menschen aufgrund ihrer Hautfarbe oder Herkunft benachteiligt. Sie werden bevorzugt aus dem öffentlichen Personenverkehr gezogen. Ihnen werden Wohnungen und Jobs verwehrt. Das alles passiert und es werden keine juristischen Konsequenzen gezogen. Aber wieso? Es muss sich etwas tun. Egal, ob der Blick sich auf Deutschland oder Amerika richtet. Rassismus darf nicht als Lappalie abgestempelt werden, weil es einfach keine ist. Wir müssen etwas tun!