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Leben und Gesellschaft - Impfgegner Wie wichtig sind Impfungen?

Ob Mumps, Masern oder Tetanus: Der prophylaktische Weg zum Arzt ist für viele Kinder und Erwachsene unerlässlich, um sich vor Infektionskrankheiten zu schützen. Doch längst nicht alle Menschen befürworten die Impfung. Einige stellen sich sogar strikt dagegen.

Heute entscheiden sich viele Menschen gegen früher empfohlene Impfungen.

Aktuell propagiert unser Bundesminister für Gesundheit, Jens Spahn, Mitglied des Bundesvorstandes der CDU, für eine deutschlandweite Impfpflicht gegen Masern. Jedes Kind muss sich demnach gegen Masern impfen lassen, wenn es in eine Kindertagesstätte oder Schule gehen möchte. Diese Forderung bringt einen schwierigen Konflikt mit sich. Eltern, die eine Impfung ihres Kindes verweigern, verstoßen gegen die Schulpflicht in Deutschland. Ein möglicher Auslöser für eine Masernimpfpflicht ist die bedrohliche Anzahl von Neuinfektionen. Im April dieses Jahres hätten sich bereits 230 Personen mit den Masern angesteckt.

Dabei sind Masern keinesfalls zu unterschätzen. Eine ihrer möglichen Folgeerscheinungen ist die Krankheit subakute sklerosierende Panenzephalitis (SSPE). Zunächst scheinen die Masern besiegt, doch nach einer Infektion können Masernviren die Nervenzellen des Gehirns angreifen. SSPS ist vor allem für Kinder bis zum Alter von einem Jahr gefährlich, da sie noch zu jung für die Mumps-Masern-Röteln-Impfung sind. So auch Micha. Mit gerade sechs Monaten stand der Besuch beim Kinderarzt an. Noch zu jung für die MMR-Impfung, war der kleine, aufgeweckte Junge den Masernviren des ungeimpften Kindes im Wartezimmer schutzlos ausgesetzt. Micha erkrankte, wurde jedoch nach einiger Zeit wieder gesund. Fünf Jahre vergingen, bis die Erkrankung SSPS bei ihm ausbrach. Nach acht Wochen war er kaum mehr zu irgendetwas fähig. Er war nicht mehr in der Lage, Papa zu sagen, nicht mehr in der Lage, zu gehen. Nach neun Jahren im Wachkoma, verstarb Micha.

Impfgegner sehen mehr Risiko als Nutzen

Impfgegner und Impfskeptiker bestehen auf das Recht, frei darüber entscheiden zu können, ob ihr Kind geimpft wird oder nicht. Auch Mila steht Impfungen skeptisch gegenüber und lässt weder sich noch ihre Kinder impfen. Sie ist 50 Jahre alt und arbeitet an einer Hochschule in leitender Funktion. Zuletzt hat sie die damals gängigen Schutzimpfungen im Jugendalter erhalten – doch seither steht sie diesem Verfahren eher kritisch gegenüber. In ihren Augen hätten Impfungen nicht ausschließlich positive Effekte auf den Körper. Ganz im Gegenteil: Die Folgen seien „negative Begleiterscheinungen bis hin zu schweren Impfschäden“. Ihr Erstgeborenes ist – wie üblich – gegen Tetanus, Diphtherie und Polio geimpft. Nach der Injektion habe der Körper mit einer schweren Allergie auf die Impfung reagiert. „Anschließend habe ich mich äußerst intensiv und durch ärztliche Experten begleitet mit dem Thema auseinandergesetzt.“ Anschließend hat sie sich zunächst gegen Impfungen entschieden.

Zu dem Vorwurf, dass Impfungen Allergien und schwerwiegende Reaktionen auslösen, konnte bisher kein konkreter Zusammenhang festgestellt werden. Harmlose Reaktionen seien laut des Robert Koch-Instituts „Rötungen, Schwellungen und Schmerzen an der Impfstelle, auch Allgemeinreaktionen wie Fieber, Kopf- und Gliederschmerzen und Unwohlsein“. In Milas Augen gibt es jedoch deutlich mehr Nebenwirkungen, als vom Robert Koch-Institut behauptet. Begleitende Impfreaktionen seien neben Allergien „je nach Impfstoff beziehungsweise Trägersubstanz“ Erschöpfungszustände sowie schwere Hirn- und Nervenschädigungen. „Allerdings gibt es dazu selbstverständlich nur wenige Studien“, gibt Mila bedauernd zu. 

Eine häufige Begründung gegen Impfungen ist die Unwirksamkeit der Impfstoffe. Die Behauptung und Feststellung, Patienten seien trotz einer Impfung erkrankt, stärkt diese These. Nach Aussagen des Robert Koch-Instituts könne nicht jede Impfung alle geimpften Personen ohne Ausnahme schützen. Allerdings habe auch nicht jedes Medikament eine Wirkung auf alle Patienten. Dennoch verhelfen Impfungen dazu, die Wahrscheinlichkeit einer Infektion in großem Umfang zu vermindern. Bei Impfungen ist es wichtig, die Kosten gegenüber dem Nutzen abzuwägen. Ungeimpfte Menschen erkranken bei einer Epidemie zu 97 bis 98 Prozent an den Masern. Menschen mit einem Impfschutz erkranken lediglich zu zwei bis drei Prozent.

Einer der weit verbreitetsten Vorwürfe gegen Impfungen ist wohl der, dass die MMR- Impfung zu einer Entwicklungsstörung oder gar zu Autismus bei Kindern führe. Im Jahr 1998 veröffentlichte Andrew Wakefield im Fachmagazin „The Lancet“ eine Studie, die einen Zusammenhang zwischen der MMR-Impfung und Autismus herstellt. Untersucht haben Wakefield und sein Team zwölf Kinder. Gemäß der Studie ständen die autistischen Züge von acht dieser Kinder in direkter Verbindung mit der Impfung. Die britische Ärztekammer General Medical Council hat die Studie geprüft und für unzureichend erklärt. Grund dafür seien die „unethischen Forschungsmethoden“ sowie die Falschheit von Teilen der Studie.  Als Resultat hat „The Lancet“ die Studie im Jahr 2010 eingezogen. Dennoch haben diese Vorwürfe vor geraumer Zeit in den Köpfen vieler Menschen Zweifel gesät, die bis heute bestehen.

Impfung als Gemeinschaftsschutz

Eine Impfung hat die Funktion, die Menschen vor dem Angriff krankmachender Erreger zu beschützen. Die gebildeten Gedächtniszellen können schnellstmöglich die körpereigene Immunabwehr aktivieren, um die Erreger auszulöschen. Ein weiterer wichtiger Grund sich einer Impfung zu unterziehen, ist jedoch der sogenannte Gemeinschaftsschutz, der auch Herdenimmunität genannt wird. Treffend wird in diesen Begriffen die Bedeutung von Impfungen beschrieben: Sie beugen vor, dass sich schwerwiegende Krankheiten in unserer Gemeinschaft ausweiten können. Diese Art von Herdenschutz ist speziell für Menschen wichtig, die sich aufgrund eines schwachen Immunsystems selbst nicht impfen lassen können, oder wie der kleine Micha noch zu jung für bestimmte Impfungen sind.

Einige Erkrankungen werden als Kinderkrankheiten bezeichnet. Dazu gehören unter anderem Masern und Keuchhusten. Das liegt daran, dass sich, bedingt durch die hohe Ansteckungsgefahr, vor allem ungeimpfte Kinder damit infizieren. Die Krankheitsbilder dieser Erkrankungen sind durch traurige Einzelschicksale geprägt. Analysen des Robert Koch-Instituts zeigen, dass im Jahr 2015 2.465 Menschen an Masern erkrankt sind. Selbst im Jahr 2017 sind es 929 Erkrankte in Deutschland gewesen. Im Jahr 2018 ist die Zahl der an Masern erkrankten Menschen auf 543 gesunken. Diese Daten werden anhand der Meldepflicht von Neuerkrankungen ermittelt.

Impflücken ausgleichen

Unter 95 Prozent der Bevölkerung sind laut dem Bundesministerium für Gesundheit geimpft. Das erscheint auf den ersten Blick ziemlich beachtlich. Viele Menschen scheinen bereit zu sein, sich für die eigene Gesundheit und die der Allgemeinheit impfen zu lassen. Auch aus diesem Grund stehen viele Impfbefürworter Personen kritisch gegenüber, die sich gegen Impfungen aussprechen. Mila hat damit bereits Erfahrungen gemacht, obwohl sie ihres Erachtens eher zurückhaltend mit diesem Thema umgeht. „Die Gesellschaft reagiert sehr kritisch, verschließt sich oftmals komplett einer kritischen Betrachtung beziehungsweise einer offenen Diskussion.“

Mila ist der Auffassung, dass Impfungen nur im äußersten Notfall Anwendung finden sollen. Dabei sind Annahmen im Umlauf, dass sich die Ausweitung von Masern ab einer Impfquote von über 95 Prozent verhindern ließe. Die Zweitimpfung macht diese Umsetzung jedoch schwer. Ob aus Bequemlich- oder Vergesslichkeit, vielleicht sogar durch absichtliche Verweigerung: Einige Menschen nehmen die Zweitimpfung nicht wahr. Doch ohne sie ist der vollständige Impfschutz häufig nicht gewährleistet.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) eiferte bereits 2010 einer europaweiten Eliminierung der Masern entgegen. Diese Zielsetzung ist offensichtlich gescheitert. Auch dieses Jahr sieht die Umsetzung weniger blühend aus. Dabei konnten durch Impfungen bereits einige Krankheiten eingedämmt werden. Die WHO hat die Pocken 1979 für eliminiert erklärt. Polio gilt samt schwerwiegender Folgeerscheinungen auch als überstanden. Um einen vollen Gemeinschaftsschutz zu gewährleisten, ist es deshalb wichtig, Impflücken zu vermeiden. Ärzte sollten auf die Notwendigkeit der zweiten Impfung aufmerksam machen. Für Impfskeptiker gilt das Motto: Anstatt Menschen zur Impfung zu zwingen, soll es die Devise sein, sie aufzuklären. Bevor eine Zulassung der Impfstoffe für den pharmazeutischen Markt vorliegt, werden die Präparate auf ihre Wirksamkeit und Verträglichkeit getestet. Danach überwachen Spezialisten regelmäßig ihre Sicherheit.

Letztlich ist eine Impfung ein kleiner Stich mit der Nadel, der für einige Millisekunden schmerzt. Vermutlich wird die Stelle ein wenig dick und der Körper fühlt sich geschwächt. Impfgegner sind oft von Einzelschicksalen geprägt. Doch dafür können nicht zwingend Impfungen verantwortlich gemacht werden. Schlussendlich sollte sich jeder mit der Thematik auseinandersetzen, um über die Chancen und Risiken von Impfungen aufgeklärt zu sein. Insgesamt brachten und bringen uns Impfungen immer noch viele Vorteile. Sie haben bereits dazu beigetragen, Krankheiten in großem Umfang zu eliminieren – mit nur einem kleinen Stich. Ein kleiner Stich mit großer Wirkung.

Unser Retter, das Immunsystem

Treffen die Erreger auf unseren Körper, werden Abwehrzellen tätig. Dazu zählen unter anderem Fresszellen, dendritische Zellen, T-Zellen sowie Plasmazellen, die Antikörper produzieren. Zuletzt entstehen sogenannte Gedächtniszellen. Sie speichern die Information über den bekämpften Erreger. Dieser Erreger wird bei einem erneuten Eindringen in den Körper sofort wiedererkannt. Die Impfung greift eben dieses natürliche Prinzip der menschlichen Immunabwehr auf: Laut Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung injiziert der Arzt abgeschwächte oder tote Erreger in den menschlichen Organismus. Durch diese Erreger entstehen Antikörper und Gedächtniszellen. Ist keine Zweit- oder Auffrischungsimpfung vorgesehen, so ist der Körper ab diesem Zeitpunkt für seine gesamte Lebzeit immunisiert.