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Leben und Gesellschaft - Obdachlos Wie wenig ist genug? – Vom Leben außerhalb des Wohlstands

Deutschland gehört zu den 20 wohlhabendsten Ländern der Welt. Dennoch leben mehr als neun Prozent der Deutschen von der Mindestsicherung. Etwa 52.000 Menschen leben auf der Straße. Bobby war einer davon.

Mit Sicht auf die Mannheimer Wohnblöcke: Bobby ehemaliger Schlafplatz unter der Brücke. (Foto: Jannis Große)

„Viele Menschen gucken dich gar nicht an. Die meisten laufen einfach dran vorbei und beachten dich gar nicht. Vor allem die Schlipsträger. Ich habe noch nie von einer Person, die eine Krawatte anhatte, etwas bekommen. Noch nie.“ Menschen, die wenig haben, geben am meisten, erzählt Bobby. „Einmal kam eine 80-jährige Frau zu mir und hat mir ihr belegtes Brötchen gegeben, das sie gerade beim Bäcker gekauft hatte. Eigentlich wollte sie es mit nach Hause nehmen und selbst essen, aber sie hat es mir in die Hand gedrückt.“

Knapp anderthalb Jahre war Bobby obdachlos. „Ich hab von da an mal bei Freunden gewohnt, mal auf der Straße geschlafen. Über die ganzen Jahre habe ich versucht, eine Wohnung zu finden. Aber du bekommst nirgendwo eine Wohnung, wenn du in der Schufa mit Mietschulden stehst. Dann bist du gezwungen, auf der Straße zu leben, außer du gehst in ein Obdachlosenheim, wo du dann beklaut wirst. Das hab ich einmal gemacht und mir wurden meine Schuhe von den Füßen geklaut, als ich geschlafen habe.“ Gemeldet war Bobby in Braunschweig ohne festen Wohnsitz. Gelebt hat er aber an verschiedenen Orten in ganz Deutschland. So war er längere Zeit auch in Stuttgart, Mannheim und Flensburg. „Es war schlimm. Ich musste ja irgendwie überleben, also hab ich mich sieben bis acht Stunden am Tag auf der Straße hingesetzt oder in einer Fußgängerpassage und habe die Hände aufgehalten. Die ersten paar Wochen musste ich schon kämpfen und hab auch kein Wort rausgekriegt. Bis ich gemerkt habe: Moment mal, das ist lebensnotwendig. Wenn du jetzt nichts machst, hast du gar nichts.“

Da hatte ich das Gefühl, dass mein Leben bald vorbei ist“


„Von jetzt auf gleich auf der Straße, das war halt das Schlimmste. Nach einiger Zeit habe ich mich überwunden, hab mich hingestellt und die Leute direkt gefragt. Aber irgendwann wird es normal für dich, so zu leben. Einfach Alltag.“ Aber der Alltag auf der Straße ist hart. „Ich habe auch mitbekommen, dass Menschen, mit denen ich an einem Tag noch geschnorrt habe, am nächsten Morgen tot waren. Erfroren.“ Er selbst erlebte Momente, in denen er nichts mehr zu trinken hatte, und nicht wusste, wo er jetzt etwas hernehmen soll. „Da hatte ich das Gefühl, dass mein Leben bald vorbei ist.“

In der Zeit auf der Straße bekam er Klamotten aus Kleiderkammern – Hosen, Pullover, aber auch Socken und Unterwäsche. „Man kann sich aber nichts aussuchen. Wenn es da ist, ist es da. Dann bist du glücklich, dass du das nehmen kannst.“ Seine Isomatte bekam er von der Bahnhofsmission, seinen Schlafsack von der Caritas. Das Zelt, in dem er oft übernachtete, hat er sich von dem Geld gekauft, das er auf der Straße erbettelt hatte. Zwischen fünf und 60 Euro bekam er an einem Tag durch Betteln zusammen – je nach Zeitpunkt und Wetter. „Wenn man mal mehr Geld verdient hat, dann kann man am nächsten Tag Pause machen.“ Das Geld musste für Essen, Trinken und das Futter für seinen Hund reichen. Immer wieder war er bei Suppenküchen, wo er Mittagsessen für ein bis zwei Euro bekam. Natürlich geben Menschen auf der Straße auch Geld für Alkohol oder andere Drogen aus, erzählt Bobby, „Wir können uns doch auch ein bisschen Luxus gönnen, wenn wir so schon nichts haben. Man ist doch auch nur ein Mensch. Aber etwas zu essen zu haben ist erstmal viel wichtiger.”

Bobby kommt mit 12 Jahren ins Jugendheim


Heute hat Bobby den entscheidenden Schritt geschafft. Er wohnt jetzt in einer kleinen Wohnung in Salzgitter-Bad. Die Einrichtung ist spartanisch, wild zusammengewürfelt und vieles stammt aus Ebay-Kleinanzeigen. Er bezieht Sozialhilfe. Die Miete übernimmt das Sozialamt. Zur „Eingliederung in die Gesellschaft“ arbeitet er unentgeltlich als Tischler bei der Lebenshilfe. Für Bobby war die Wohnung ein entscheidender Fortschritt – endlich ein Dach über dem Kopf und einen Rückzugsort zu haben. Armut bleibt weiterhin Thema, aber er kennt es kaum anders.

 

Bobby wuchs schon in armen Verhältnissen auf. Als er drei Jahre alt war, trennten sich seine Eltern. Er lebte abwechselnd bei seinem Vater und seiner Mutter. Jeder Umzug bedeutete auch einen Schulwechsel. Beide Elternteile hatten schon Bobbys gesamtes Leben lang unter psychischen Probleme gelitten und sind nach wie vor auf Sozialleistungen angewiesen. Die Mutter leidet bis heute unter dem Messie-Syndrom, Alkoholproblemen und Depressionen, der Vater unter Depressionen und Psychosen.

Bobby musste aufgrund der familiären Situation mit elf Jahren von der Realschule auf die Hauptschule wechseln. Er litt unter den Problemen der Eltern, da sie wenig Zeit und Energie für ihn hatten. Auch bei ihm wurden später Depressionen und eine generalisierte Angst- und Panikstörung diagnostiziert. Mit 12 Jahren kam er in ein Jugendheim. Mit 16 zog er dann in eine Außen-WG des Jugendheims. Nach dem Hauptschulabschluss fing er eine Ausbildung als Maler und Lackierer an, schaffte es aber nicht über die Probezeit. Bis 19 lebte er in der Außen-WG und arbeitete ehrenamtlich beim technischen Dienst im Schäferstuhl, dem Jugendheim in Salzgitter. Mit 19 zog er dann in ein Internat der LaVie-Reha in Königslutter, eine Art Erwachsenen-WG mit Betreuer. Bei LaVie fing er eine überbetriebliche Ausbildung als Tischler an. Die Trennung von seiner damaligen Freundin, die er in Königslutter kennen gelernt hatte, belastete ihn sehr. „Ich bin in ein ganz tiefes Loch gefallen und niemand hat mir geholfen. Und dann habe ich alles abgebrochen. Aus Trotz und weil ich nicht mehr konnte.“

Ich renne gern vor Problemen weg“


Er versuchte eine eigene Wohnung in Salzgitter zu finden. Nach drei Monaten gelang ihm das schließlich. Das Arbeitsamt zahlte aber nicht die Miete, wie Bobby angenommen hatte. Daher wurde ihm nach einem Monat wieder gekündigt. „Ich habe die ganzen Briefe beim Amt vorgelegt. Aber es hieß immer nur ‚Wir können nichts machen, wir können nichts machen‘. Und das, obwohl die Wohnung abgesegnet war.“ Mit den Mietschulden aus der Wohnung und ohne wirkliche Perspektive zog er ab und ließ die Wohnung einfach zurück. „Ich renne gern vor Problemen weg.“ Also landete er auf der Straße.

„Wenn du ein Kind hast, interessieren sich plötzlich alle für dich. Überall wird dir Hilfe angeboten.“ Auf der Straße war Bobby damit beschäftigt zu überleben und mit diesem Leben zurecht zu kommen. Gedanken, wie er dieser Situation entfliehen kann, machte er sich lange nicht. „Irgendwann hat es bei mir zum Glück Klick gemacht.“ Er setzte sich wieder mit seinem Vater auseinander. Mit seiner Hilfe fand er die Kraft, eine Wohnung zu suchen. Der Schritt war nicht leicht. Viele Absagen. Oft das Argument der Schulden für Miete, Gas und Strom. Diese Schulden waren durch Mahnungen und andere Gebühren in den eineinhalb Jahren auf mehr als 3.000 Euro angewachsen. In Salzgitter-Bad stieß er auf Wohnungsangebote, für die er keinen Schufa-Nachweis brauchte. Er nahm gleich die erste Wohnung, die ihm gezeigt wurde und beantragte wieder ALG II, sodass er von der Straße wegkam und nicht mehr betteln musste. Kaum ein halbes Jahr später wurden seine Panikattacken so stark und häufig, dass er in eine Psychiatrie kam und drei Monate lang eine Therapie machte. Ein Betreuer der Psychiatrie half ihm danach, Sozialhilfe nach Sozialgesetzbuch XII zu beantragen. Das verbesserte seine Lebenssituation, da er nun nicht mehr an Maßnahmen des Jobcenters teilnehmen musste. So konnte er anfangen sein Leben in den Griff zu bekommen.

In dieser Zeit bezog Bobby keine Sozialleistung. Beim Jobcenter wurde ihm gesagt, dass er erst wieder eine Wohnung bräuchte, um weiter Arbeitslosengeld II (ALG II) beziehen zu können und dass man sonst leider nichts für ihn machen könne. „Man wird von einer Stelle zur nächsten geschickt, nur um am Ende wieder da zu sein, wo man am Anfang war – ohne Geld zu bekommen.“ An die Tagessätze für Obdachlose zu kommen ist, nach seinen Erzählungen, in der Praxis viel schwieriger. Immer wieder wurde ihm gesagt, dass das Amt vor Ort nicht für ihn zuständig sei. Oftmals war es ihm aber auch einfach zu anstrengend, ständig Anträge auszufüllen und sich darum zu kümmern. Und so fing er an zu betteln.

Auf der Straße fand Bobby Freunde. Punks, die auch auf der Straße lebten. Für ihn eine Ersatzfamilie und wichtige Gemeinschaft. „Und ich hatte ja noch meinen Hund. Alleine, glaube ich, wäre ich kaputt gegangen.“ Bobby fand wieder eine Freundin, während er auf der Straße lebte. Zusammen haben sie „Platte gemacht“. Unter anderem unter einer Neckar-Brücke in Mannheim, wie das Titelbild zeigt. Das bedeutet in der Szene unter Brücken, in Parkanlagen oder in Hauseingängen zu schlafen. Die beiden bekommen ein Kind. Unbeabsichtigt. Mittlerweile ist ihr Sohn ein Jahr alt. Die Beziehung hat nicht gehalten. Seiner Ex-Freundin bot das Kind eine Perspektive, eine Chance, aus der Obdachlosigkeit herauszukommen. Sie lebt jetzt in einem Mutter-Kind-Haus in Mannheim.

Jeder hat Ansprüche – theoretisch

Wer auf der Straße lebt und mindestens drei Stunden am Tag arbeiten kann, hat einen gesetzlichen Anspruch auf Arbeitslosengeld II (ALG II), umgangssprachlich Hartz IV. Für alle Menschen, die aus physischen oder psychischen Gründen nicht erwerbsfähig sind, tritt Sozialgesetzbuch XII in Kraft – die Sozialhilfe oder Grundsicherung. Die Leistungen nach SGB II und SGB XII können auch in Tagessätzen ausgezahlt werden. Rein theoretisch steht also niemand in Deutschland ohne Geld da, unter der Voraussetzung, man setzt sich mit den Ämtern auseinander und beantragt Hilfe vom Sozialstaat – wofür es auch Unterstützung bei Organisationen wie der Caritas gibt. Bei ALG II muss man zusätzlich an sogenannten Maßnahmen des Jobcenters teilnehmen.

Heute lebt Bobby von rund 300 Euro im Monat. Die restlichen 100 Euro der Grundsicherung zahlt das Sozialamt für Strom- und Gasrechnungen sowie monatliche Raten für Bobbys Schulden. Die Wohnung ist einfach eingerichtet. Wenige Regale, ein Sofa an der einen Wand und ein selbstgebautes Bett aus Paletten auf der anderen Seite. Mit einem Grinsen erzählt Bobby vom Kauf der Musikanlage und des Fernsehers. Zusammen weniger als 200 Euro. Er ist stolz auf seine kleine Wohnung und lädt auch gerne Freunde zu sich ein. Der Glastisch in der Mitte zeugt davon. Ein paar leere Flaschen, ein voller Aschenbecher.

Wer Grundsicherung bezieht, darf nicht erwerbstätig sein oder auf anderen Wegen Geld dazu verdienen. Das Geld reicht ihm meistens aus, um über die Runden zu kommen. Für mehr aber nicht. Eine Monatskarte für den ÖPNV oder gar ein Auto wären zu teuer. Er bekommt Stempelkarten für den ÖPNV, um an den Wochentagen zu seiner Arbeitsstelle und wieder nach Hause zu fahren. Wenn etwas Teures kaputtgeht oder er aus anderen Gründen eine hohe Rechnung bezahlen muss, fehlt am Ende des Monats das Geld für Essen. Deshalb musste er auch schon Freunde anbetteln, ihm Geld zu leihen. Auch ein Zugticket zu seinem Sohn kann er sich nicht leisten.

Mittlerweile hat Bobby eine Perspektive: Im August 2018 fängt er zum dritten Mal eine Ausbildung an. Diesmal als Lagerlogistiker in Vechelde. Für ihn eine große Hoffnung. Die Zeit auf der Straße ist für ihn heute trotzdem eine wichtige Erfahrung. Sie hat auch sein Weltbild geprägt: Wer mal ganz unten war, sieht die Welt mit anderen Augen. Sein Sohn ist eine wichtige Motivation für ihn, weiter zu kämpfen und aus seiner Situation herauszukommen. Für Bobby ist klar: das Wirtschaftssystem und der Kapitalismus haben wenig mit Gerechtigkeit zu tun. „Ich bin komplett gegen das System. So wie die Welt jetzt gerade ist, läuft es falsch. Es sollte vielmehr darauf geachtet werden, nicht die Reichen noch reicher zu machen, sondern da zu fördern, wo es wirklich gebraucht wird.“ Jeder sollte seiner Meinung nach genug Geld zur Verfügung haben, um anständig davon leben zu können. Einfach nur, weil man Mensch ist.