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Leben und Gesellschaft - Jugend, Psyche, Krankheit Was stimmt mit der Jugend nicht?

Auf mentale Gesundheit wird heute mehr als zuvor Wert gelegt. Nichtsdestotrotz scheint es jungen Erwachsenen heutzutage psychisch insgesamt schlechter zu gehen – zumindest auf dem Papier.

Geht es jungen Menschen heute auf mentaler Ebene schlechter denn je? (Quelle: Pexels)

Die Jugend von heute: Sie ist rebellisch, laut, lässt sich den Mund nicht verbieten, teilt ihre Meinung über die sozialen Medien offen mit. Gegen politische Ungerechtigkeiten wie Artikel 13 protestiert sie. Für die Umwelt setzt sie sich ein. Die Jugend von heute kämpft für ihre Freiheiten, ist stärker denn je, hat mehr Möglichkeiten – und ist psychisch instabiler als die Generationen junger Leute vor ihnen? Laut einer Studie der „Barmer“ aus dem Jahr 2018 leiden ungefähr 26 Prozent der deutschen 18- bis 25-Jährigen an einer psychischen Erkrankung. Um diese Masse in Zahlen deutlich zu machen: Das sind ungefähr 1,6 Millionen junge Erwachsene. Dazu kommt, dass Jugendliche inzwischen häufiger eine psychische Störung aufweisen als andere Altersgruppen.

Eine psychisch besonders instabile Gruppe

Woran liegt das? Schließlich haben junge Menschen heute einen höheren Lebensstandard als je zuvor: Sie leben in einer modernen Welt, in der sich die Medizin und die technischen Möglichkeiten immer rasanter weiterentwickeln. Ihnen stehen unendlich viele Berufspfade zur Verfügung. Und durch die Digitalisierung haben sie die Möglichkeit, mit anderen Gleichaltrigen aus verschiedenen Kulturen in Kontakt zu treten und ihre Persönlichkeit in den sozialen Medien zu entfalten. Trotzdem ist die Anzahl der psychisch kranken Jugendlichen eher angestiegen.

Dabei gehören Jugendliche generell zu einer Gruppe, die psychisch besonders instabil ist. Dies ist damit zu erklären, dass junge Menschen noch lernen ihren Platz in der Gesellschaft zu finden. Sie entwickeln sich ständig weiter, versuchen sich anzupassen oder selbstständig zu werden. Gerade diese Zeit der ständigen Veränderung kann viel Druck auf einen Jugendlichen ausüben und ihn anfälliger für eine psychische Erkrankung machen, wie Psychologe Götz Berberich weiß. Er ist Chefarzt der Psychosomatischen Klinik Windach und beschäftigt sich speziell mit jungen Erwachsenen im Alter von 18 bis 25 Jahren.

Besonders typische Erkrankungen sind laut der „Barmer“ neurotische, Belastungs- und somatoforme Störungen. Einfacher gesagt: Angst- und Zwangsstörungen sowie scheinbar unbegründete Sorgen und Funktionsschwierigkeiten im Alltag. Am zweithäufigsten leiden junge Erwachsene an affektiven Störungen wie Depressionen oder einer bipolaren Störung. Solch eine bipolare Störung zeichnet sich vereinfacht ausgedrückt durch starke Stimmungsschwankungen ab, die im Laufe einer Episode manisch (übertrieben glücklich, erregt) oder depressiv sein kann.

Wie es sich mit einer psychischen Krankheit lebt

Eine Betroffene von gleich mehreren psychischen Störungen ist Maria (Name geändert). Sie leidet seit ihrer Jugend an verschiedenen Störungen und wurde im Verlauf der letzten 20 Jahre unterschiedlich diagnostiziert. Heute ist sie 42 Jahre alt, berentet und zufrieden mit ihrem Leben. Das war nicht immer so: Mit circa 16 Jahren wird Maria wegen Depression ins Krankenhaus eingeliefert. „Im Krankenhaus bin ich dann manisch geworden“, erzählt sie. Die Ärzte stellen ihre Medikamente um. Trotzdem hat Maria vor allem in ihrer Jugend und später während ihres Studiums mit Depressionen und massivem psychischen Druck zu kämpfen. Eine Erklärung für ihren damaligen Zusammenbruch hat Maria selber nicht. Sie ist der Meinung, dass sie immer schon psychisch sensibler war und es früher oder später zu einem mentalen Absturz gekommen wäre. Inzwischen hat sie allerdings eine Therapiemethode gefunden, die ihr hilft. Dazu sind ihre Medikamente passend für sie eingestellt, sodass sie nicht mehr mit den gleichen Beschwerden zu kämpfen hat wie in ihrer Jugend.

Trotzdem kann man nicht sagen, dass Maria geheilt ist. Sie hat zwar gelernt mit ihrer Krankheit zu leben und ist glücklich mit ihrer aktuellen Situation. Das heißt aber nicht, dass die Symptome ihrer manischen Depression komplett verschwunden sind. Begleitend dazu plagen Maria auch Angstzustände. Diese äußern sich bei ihr vor allem durch Versagensängste. Sie denkt, sie könne eine alltägliche Situation nicht meistern, auch wenn der Gedanke in dem Moment völlig irrational scheinen mag.

Wie jeder andere Mensch auch, hat Maria gute und schlechte Tage. Bloß, dass diese bei ihr anders aussehen, als bei einem psychisch stabilen Menschen. An einem schlechten Tag steht Maria auf, fühlt sich alleine und hat ein schweres Gefühl von Angst im Bauch. Sie telefoniert mit ihren Eltern, fühlt sich nicht verstanden, denkt sie wird abgelehnt. „Dabei lehnt mich niemand ab, aber ich denke, alle lehnen mich ab“, erklärt Maria. Negativen, aber kleineren, nebensächlichen Ereignissen gibt sie mehr Gewicht, als es ein gesunder Mensch tun würde. Der Tag zieht sich in die Länge, scheint gar kein Ende zu finden. An einem guten Tag verläuft der Alltag reibungslos. Maria macht sich keinen Kopf um mögliche, alltägliche Schwierigkeiten. Außerdem hat sie eine besondere Wahrnehmung für ihre Umwelt und weiß diese zu schätzen.

Wenn innere Konflikte zu Krankheiten werden

Gerade diese affektiven Erkrankungstypen, wie Maria sie aufweist, sind auch besonders umweltabhängig, im Gegensatz zu Psychosen wie zum Beispiel Schizophrenie, die oftmals vererbt werden. Das heißt, dass affektive Störungen durch das persönliche und gesellschaftliche Umfeld getriggert werden können. Götz Berberich macht ein Beispiel: Ein Patient steht im Konflikt mit seinen Eltern, die zwar sehr fürsorglich sind, aber nicht akzeptieren können, wenn das Kind seinen eigenen Weg geht. Darüber hinaus hat der Patient generell Schwierigkeiten, mit Konflikten umzugehen, kann diese nicht verarbeiten, ignoriert sie. Seine Gefühle kann der Patient weder einordnen, noch ausdrücken.

Sicherlich geht jeder mal durch eine schwierige Phase und wie wir schon festgestellt haben, sind gerade junge Menschen öfter mit Situationen konfrontiert, die sie herausfordern, weil sie neu und ungewohnt sind. Das führt natürlich zu inneren Konflikten. Dabei kann es auch zu starken Selbstzweifeln, Angst oder Frustration kommen. Und nicht jeder kann immer sofort seine Gefühle einordnen und Konflikte lösen. Solche negativen Phasen oder auch Befindlichkeitsstörungen sind teilweise nicht so leicht von echten psychischen Erkrankungen zu unterscheiden. Laut Götz Berberich ist eine Befindlichkeitsstörung von einer psychischen Erkrankung abzugrenzen, „wenn das Befinden des Patienten oder seine Funktionsfähigkeit im Alltag so sehr gestört ist, dass es zu einem erheblichen Leiden von ihm selbst und/oder der Umwelt kommt.“

Doch keine gestörtere Generation Jugendlicher?

Solche Fälle werden durch die Digitalisierung inzwischen mehr wahrgenommen. Das ist damit zu erklären, dass immer mehr Leute durch die digitalen Medien eine Plattform bekommen, um ihre persönlichen Erfahrungen zu teilen. Außerdem ist durch das Internet der Zugang zu vielen seriösen Quellen wesentlich leichter. Allerdings ist immer noch nicht ganz klar, ob zurzeit wirklich mehr junge Menschen unter psychischen Krankheiten leiden als noch vor 30 Jahren. Tatsache ist, dass heute mehr junge Menschen mit einer psychischen Krankheit diagnostiziert werden. Die sozialen Umstände haben sich verändert und junge Menschen fühlen sich womöglich mehr unter Druck gesetzt, wie die Professorin für Gesundheitsförderung und öffentliche Gesundheit, Margaret Barry, erklärt. Allerdings haben sich innerhalb der letzten 30 Jahre psychologische Diagnosemethoden auch stark weiterentwickelt. Schon in den Bundesgesundheitssurveys aus dem Jahr 1998 wird von einfacheren Diagnosemethoden und genaueren Definitionen der verschiedenen psychischen Krankheiten erzählt. Zuvor wurden psychische Krankheiten eher in ein Störungsspektrum geworfen und waren schwieriger zu diagnostizieren. Außerdem sind laut einer Analyse des Psychiaters Georg Schomerus inzwischen generell mehr Menschen dazu bereit, sich bei mentalen Beschwerden professionelle Hilfe zu holen.

Vor 30 Jahren hatten Jugendliche wahrscheinlich genauso mit psychischen Problemen zu kämpfen wie junge Erwachsene heute. Allerdings waren diese eben von anderer Natur. Ein Jugendlicher stand damals vor einem höheren Druck, sich den gesellschaftlichen Normen anzupassen. Ein Jugendlicher heute stehe vor einem höheren Druck, seinen eigenen Weg zu gehen, wie Götz Berberich erklärt.

Allem Anschein nach ist die Jugend also nicht unbedingt anfälliger für psychische Krankheiten als noch vor 30 Jahren. Es haben sich nur die sozialen und medizinischen Umstände geändert. Weniger Menschen ignorieren ihre mentale Gesundheit. Die Wissenschaft hat wesentlich mehr über die menschliche Psyche herausgefunden und psychische Störungen lassen sich inzwischen leichter diagnostizieren.