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Leben und Gesellschaft - Van, Vanlife, Reisen Vanlife – ein Leben in Freiheit?

Überall zuhause sein und die ganze Welt bereisen ist ein Lebenstraum, den sich immer mehr Menschen erfüllen. Doch was genau reizt die Menschen an einem Leben im Bus? Wie gestaltet sich das Leben auf engstem Raum? Und ist das Reisen im Van wirklich so märchenhaft, wie es sich anhört? Unsere Autorin Mandy hat mit Lene und Tobi gesprochen, die ihren Traum vor der Corona-Pandemie verwirklicht haben.

Lene und Tobi haben sich ihren Traum vom Vanlife erfüllt und lassen ihre Instagram-Follower daran teilhaben. (Foto: @lunalene_ / Instagram / https://www.instagram.com/lunalene_/)

Die Welt bereisen, jeden Tag neue Orte entdecken, den Wunsch nach absoluter Freiheit verwirklichen – wer träumt nicht davon?

Lene und Tobi leben in ihrem VW Bulli Elma und reisen gemeinsam durch Europa. In ihrem Zuhause auf vier Rädern erleben sie viele kleine und große Abenteuer und lernen dabei viel über sich selbst. Sie haben sich den Instagram-Account lunalene_ aufgebaut und werden mit ihrer Authentizität, der guten Laune, den schönen Bildern und wegen ihrer ehrlichen Texte immer erfolgreicher.

Sie haben das Reisen mit dem Zuhause auf Rädern bereits in einem viermonatigen Aufenthalt in Australien kennen- und lieben gelernt. Lene fand die Zeit in Australien „unfassbar magisch“ und hat gemerkt, wie schön es ist, auf minimalistischem Raum zu leben, jeden Tag in der Natur zu sein und direkt am Strand zu schlafen. Nachdem sie wieder zuhause waren, wollten sie sich ihren größten Wunsch erfüllen: „Endlich wieder jeden Morgen den Sonnenaufgang beobachten, Nudeln aus dem Topf essen und das Meeresrauschen beim Schlafen hören“, schwärmt Lene.

Das hört sich erstmal magisch an. Ganz so einfach ist es aber nicht, sich den Wunsch zu erfüllen. Das Leben im Van ist nicht so günstig, wie man vielleicht denkt. Wenn man nicht selbstständig ist, verdient man während der Reise kein Geld und braucht genug Rücklagen. Auch das Fahrzeug und eventuelle Reparaturen haben ihren Preis. Wer den Traum hat, im Van zu leben, muss sich also vorher ausreichend Gedanken über die Finanzierung machen. Lene und Tobi haben sich Geld angespart und sich dazu entschieden, ihren eigenen Bulli zu kaufen. Sie haben viel gearbeitet: gekellnert, im Lager und auf dem Weihnachtsmarkt ausgeholfen, auf Messen gearbeitet oder Fotos für eine Kampagne geschossen. Sie haben an Sonn- und Feiertagen Geld verdient, bis sie sich ihren Traum erfüllen konnten. Monatelang suchten sie nach einem passenden Fahrzeug, bis sie endlich ihren beigefarbenen T3 Bus Elma kauften.

Den Umbau von Elma haben sie selbst in die Hand genommen. Sie waren optimistisch und wollten eigentlich direkt los, Richtung Süden. Sie haben komplett unterschätzt, wie viel Zeit ein Umbau in Anspruch nimmt und was alles gemacht werden muss, damit der Bulli zu einem gemütlichen Zuhause wird. Also ging es nicht auf Reisen, sondern erstmal ans Auseinanderpflücken und Umbauen des neuen Zuhauses. Auch hier können wieder Kosten entstehen, die vorher nicht eingeplant waren. Die Beiden haben nicht aufgegeben und Elma bis zur letzten Schraube mit ganz viel Liebe und Geduld umgebaut. Es hat länger gedauert als geplant, aber irgendwann ging es dann im November los Richtung Spanien.

Über die kalten Wintermonate ein paar schöne Wochen am Meer verbringen und die letzten Sonnenstrahlen aufschnappen, war das Ziel. Ein genaueres Ziel hatten sie nicht. Die Reise ging los durch Schnee und Nebel, geschlafen haben sie nachts bei 5 Grad mit vier Pullovern und drei Paar Socken, von der Sonne und dem Meer war nichts zu sehen, dafür aber unendlich schöne Landschaften in Österreich und Frankreich. Ein paar Tage später waren sie da, mit ihren Füßen im kalten Meer, in Spanien.

Mit dem Van reisen bietet einige Vorteile. Bei einer Reise außerhalb der Saison sind nur wenige Touristen im Land und sonst überfüllte Strände meist menschenleer. Besonders gut gefallen hat es dem Paar in Portugal, da das Meer auch noch im Oktober/Herbst angenehm warm ist und das Wetter zu ausgiebigen Sonnenbädern einlädt. Besonders schön sind die Sonnenuntergänge, wenn die Sonne langsam hinter den Klippen verschwindet. Währenddessen wird bequem im Van das Abendessen gegessen, bei Lene und Tobi gibt es oft Nudeln aus dem Topf. Da der Platz nicht ausreicht und nur zwei Herdplatten vorhanden sind, ist es oft nicht möglich aufwendig zu kochen. 

Das hört sich alles erstmal traumhaft an, aber so ein Alltag im Bulli, zusammen auf engstem Raum, bedeutet nicht nur pures Abenteuer und schöne Momente. Ab und zu herrscht Chaos oder auch mal schlechte Stimmung. Auch nach einem Blick aufs Meer oder einer Dusche am Strand sind nicht immer alle Sorgen vergessen. Manchmal, wenn es in Strömen regnet, wird es nass im Bus. Es tropft durch die Decke und man hat keinen anderen Zufluchtsort. Mit solchen oder anderen Strapazen muss man in seinem Alltag rechnen. Lene und Tobi nehmen es gelassen, sie leben getreu dem Motto: Nach jedem Regen kommt Sonnenschein. Wenn es also wieder in Strömen regnet und durch die Decke tropft, bleiben die beiden optimistisch, schauen den Wetterbericht an und glauben fest daran, dass nach ein paar Tagen die Sonne wieder scheint.

Auch das Zusammenleben zweier Menschen auf so engem Raum an sich, kann die Beziehung auf die Probe stellen. Nicht immer herrscht Harmonie. Lene liegt morgens oft grummelig im Bett, während ihr Freund schon aktiv ist. „Tobi lässt immer seine Ärmel vom ausgezogenen Pullover von der Decke hängen, „das macht mich wahnsinnig“, sagt Lene. Die beiden gehen sich öfter mal gegenseitig auf die Nerven, streiten aber nie richtig. Sie führen lange Diskussionen darüber, wer als nächstes den Bulli fährt, wer sich um die Tagesplanung kümmert oder wer den Internetstecker ziehen muss, wenn beide schon im Bett liegen.

„Wenn man auf so engem Raum zusammenlebt, ist es vorprogrammiert, dass es die ein oder andere Meinungsverschiedenheit gibt“, so Tobi. Für Lene ist es wichtig, dass die Beiden möglichst schnell über Probleme oder Sorgen reden, und dass sich jeder täglich Zeit für sich nimmt. So hängt man dann auch nicht den ganzen Tag aufeinander. Wichtig ist, dass jeder seine eigenen Hobbys und Interessen beibehält. Die oberste Regel ist, dass sie sich spätestens vor dem Schlafen gehen aussprechen, damit am nächsten Tag alles wieder gut ist. Aber trotz kleiner Meinungsverschiedenheiten wachsen die beiden immer weiter zusammen und über sich hinaus.

Ihr Zuhause hat also vier Räder und ungefähr 1m² Stehfläche, einen ziemlich unebenen Boden, eine unbequeme Matratze, einen quietschenden Tisch, eine undichte Fensterscheibe und ein zu kleines Sofa. Das klingt nicht unbedingt einladend und dennoch lieben sie es genauso wie es ist und haben alles was sie brauchen, um ihren Traum zu leben.

Trotz der schwierigen Seiten, die das Leben im Van mit sich bringt, vermissen die beiden ihr kleines Zuhause sofort, wenn sie mal nicht in ihrem Bulli Elma leben. Lene kann Tobi nicht mehr so oft auf die Füße treten und es gibt keinen Nachmittagskaffee mit Meerblick. Lene vermisst sogar die von der Decke hängenden Pulloverärmel und das Chaos in Elma. Einige Dinge können trotzdem belastend sein, zum Beispiel, wenn man lange keine warme Dusche oder eine richtige Toilette hatte.

Auf längeren, minimalistischen Reisen kann man unglaublich viel lernen. Auch mal wieder für die kleinen Dinge im Alltag dankbar sein. Eine warme Dusche ist nicht selbstverständlich, genauso wenig wie eine Toilette vor der Nase zu haben, frisch gewaschene Wäsche, einen Backofen oder leckeres Trinkwasser. Die beiden haben gelernt, viele Dinge mehr zu schätzen und sehen die Welt mit anderen Augen.

„Wenn mir vor 5 Jahren jemand gesagt hätte, wie mein Leben jetzt aussieht, hätte ich wahrscheinlich erstaunt aufgeblickt. Ich war damals so unzufrieden und planlos, was ich mit meinem Leben anstellen soll und hätte im Traum nicht daran geglaubt, dass ich nur ein paar Jahre später mit der Liebe meines Lebens in einem alten Bulli durch Europa reise. Und jetzt sind wir hier in Portugal und ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal so glücklich war – es ist so wunderschön hier und das Wetter ist ein Traum, das erste Mal seit wir Elma haben, fühlt es sich so an, als wären wir wirklich angekommen.“ - Lene

Lene wird oft gefragt, ob es ihr keine Angst mache, mit ihren 23 Jahren so spontan und leicht durchs Leben zu gehen und ob sie sich denn keine Gedanken über ihre berufliche Zukunft mache. Aber am meisten Angst hat sie davor, in zehn, 30 oder 60 Jahren auf ihr Leben zurückzublicken und sagen zu müssen, dass sie nicht das Leben geführt hat, welches sie leben wollte. Ihr liegt wahnsinnig viel daran, das Leben zu erschaffen, was sie sich erträumt hat und diese kostbare Zeit auf der Erde vollkommen auszukosten. Sie sagt: „Alles andere wäre Kokolores“.

Der letzte Tag in Portugal ist schnell angebrochen, die Vögel haben gezwitschert, die Wiese war feucht vom Morgentau und die Blumen haben noch schläfrig ihre Köpfe hängen lassen. Die Stimmung während des Sonnenaufgangs war magisch und dafür ist sogar Lene, als Morgenmuffel, früh aufgestanden. Alle schönen Dinge müssen irgendwann zu Ende gehen, so musste auch das Paar ihre weiteren Pläne aufgrund der Corona-Krise aufschieben. Aber sie machen irgendwann genau da weiter, wo sie jetzt aufgehört haben: Im Van durch Europa reisen.

Auch eine Krise bringt sie nicht dazu, das Vanlife zu beenden. Sie mussten Portugal zwar schweren Herzens verlassen und zurück nach Deutschland fahren, aber seitdem führen sie ihr Vanlife einfach im Garten weiter, auf einer grünen Wiese unter einem blühenden Apfelbaum. Im Hintergrund ist ein leises Plätschern des kleinen Teiches zu hören und nur ein paar Meter vom Bulli entfernt, gibt es ganz viel Holz für schöne Abende am Lagerfeuer. Eine warme Dusche und eine richtige Toilette haben sie nun auch. 

Wer hätte nicht gerne einen so gemütlichen Schlafplatz unterm blühenden Apfelbaum?