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Leben und Gesellschaft - Streaming Und was guckst du?

Was ist heutzutage der beste Eisbrecher für eine Konversation auf WG-Partys? Kleiner Tipp: Small Talk über das Wetter ist es nicht. Selina Bauer mit einer Glosse über die Allzweckwaffen Netflix und Amazon Prime.

Morgens in der Uni über die neuesten Serien auf Netflix sprechen und abends weiterschauen: der ewige Kreislauf. (Quelle: Picture Alliance/NurPhoto)

Hast du schon die aktuelle Riverdale-Folge geschaut? Oder die neuste Staffel Suits? Nein? Dann aber sicher Stranger Things? Netflix, Amazon Prime und Co.: Die wohl größte Versuchung, seit es das Web 2.0 gibt. Hoher Suchtfaktor. Ein scheinbar unbegrenztes Angebot. Schnell und immer zugänglich. Die Watchlist wird immer länger. Die Zeit, die man vor dem Screen verbringt, ebenso. Den Alltagsstress einfach hinter sich lassen. Scheinbar für viele nur mittels Streaming-Diensten möglich. Wer geht schon noch ins Kino, wenn man mit dem Partner oder der Partnerin lieber ganze Staffeln durchsuchten kann, wer kocht schon, oder unterhält sich? Es gibt ja Streaming-Dienste. Gott sei Dank. Wer will schon über das Wetter plaudern, wenn man stattdessen lieber über die neuste Netflix-Eigenproduktion reden könnte? Small Talk.

Aber nur über die wirklich wichtigen Dinge im Leben wie die Frage, bei welcher Staffel man ist. Paare streiten, welche Serie als nächstes zusammen angeschaut wird: Vampire Diaries oder Haus des Geldes? Und wehe jemand wagt es, die nächste Folge alleine zu gucken oder währenddessen einzuschlafen. Da wird die Beziehung zeitweise auf eine harte Probe gestellt. Singles hingegen freuen sich, weil sie in den Serienfiguren neue Freunde finden. Netflix als Wundermittel gegen Einsamkeit und Langeweile. Lachen und weinen. Freude und Leid. Mitfiebern und hoffen. Der Serienmarathon als Achterbahn der Gefühle. Stirbt eine Figur *ACHTUNG SPOILER ALERT* wie Lexie Grey und Mark Sloan in Staffel 8 von Grey’s Anatomy, trauert man noch Tage danach. Auch den Tod von Derek Shepherd alias Dr. McDreamy haben viele Grey’s-Fans noch nicht verdaut.

Endet eine Serie, muss man sich von geliebten Charakteren verabschieden. In solchen Momenten kommt einem das eigene Leben nur noch trist und sinnlos vor. Also schnell eine neue Droge. Netflix schlägt sicher etwas Passendes vor. Nur noch eine Folge und am Ende ist es wieder vier Uhr morgens. Man darf ja schließlich nichts verpassen. Außer die Vorlesung am nächsten Morgen. Wahrscheinlich sowieso unwichtig, genau genommen Zeitverschwendung. Sicher sind die Inhalte nicht klausurrelevant.

Das eigene Leben wird hintenangestellt. Das Kaffee-Date mit einer Bekannten morgen? Kann warten. Wichtige To-Dos und Verabredungen mit Freunden kann man doch mal aufschieben. Morgen ist ja schließlich auch ein Tag. Kaum vorstellbar, dass das Ganze vor einigen Jahren noch komplett anders aussah. Mit der ganzen Familie sonntagabends zusammen Lindenstraße gucken? Spieleabende? Endlos lange im Auto vor dem Haus sitzen und mit einer guten Freundin über den Sinn des Lebens debattieren? Im Zeitalter von Netflix und Co. quasi ausgeschlossen.