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Leben und Gesellschaft - Resozialisierung, Gefängnis, Prävention Teufelskreislauf Gefängnis?

Menschen zeigen sich selbst an, begehen absichtlich Straftaten oder fahren bewusst schwarz. Immer wieder kommt es zu Einsätzen der Polizei, weil Menschen lieber im Gefängnis sitzen, als auf der Straße zu leben. Eine gelungene Resozialisierung dient dazu, diesen Kreislauf zu durchbrechen.

Jahrelang hinter Gittern – und dann? Die Resozialisierung soll Insassen auf das Leben außerhalb des Gefängnisses vorbereiten. (Quelle: iStock)

Im Gefängnis ist es warm, man bekommt genug zu essen und zu trinken und meistens sogar ein „Einzelzimmer“. Mehr Luxus als in jedem üblichen Obdachlosenheim. Dies wissen auch viele Straftäter in Deutschland. Denn nur, wer bereits im Gefängnis saß, hat bereits erlebt, wie „schön“ es dort ist. Das ist ein Resultat einer gescheiterten Resozialisierung und des versagenden deutschen Rechtssystems.

Resozialisierung ist die stufenweise Wiedereingliederung von Straftätern in die Gesellschaft. Ziel ist es, Rückfälle zu vermeiden und eine Art Prävention zu leisten. Aber kann jemand der Jahre oder Jahrzehnte hinter Gittern verbracht hat, sich überhaupt wieder in die Gesellschaft eingliedern?

Michael Peters wurde 1993 wegen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt und kam 2007 nach 15 Jahren wieder frei. Er tritt nun hinaus in eine neue Welt: Ein Knopfdruck reicht aus, um dank Kaffeekapselmaschinen morgens jegliche Arten von Kaffee zu erhalten. Telefone sind nun Smartphones, mit denen man unterwegs telefonieren, schreiben, surfen und posten kann. Posten? Was ist das überhaupt? Und was ist das für ein Gerät, welches einem im Auto oder zu Fuß sagt, wo man sich befindet und einem sogar den Weg weist? All diese Fragen, würde sich Michael Peters nach 15 Jahren in der Parallelwelt „Gefängnis“ womöglich stellen.

Präventionsarbeit der Organisationen

Um Menschen wie Michael Peters bei der Wiedereingliederung in die Gesellschaft zu unterstützen, gibt es deutschlandweit Straffälligenhilfen. In Niedersachsen existieren heute 14 solcher sozialen Einrichtungen, unter anderem in der Münzstraße 5 in Braunschweig. Welche Aufgaben die Sozialarbeiter dort bewerkstelligen müssen und welche Art der Sozialarbeit dort geleistet wird, erzählt Henning Voß, der Leiter der Anlaufstelle in Braunschweig:

Strukturelle Probleme und Herausforderungen

Laut einer Studie der Universität Göttingen aus dem Jahr 2014 wird jeder zweite Straftäter rückfällig. Thematisiert wird, wie die Art der Straftat mit der Rückfälligkeit zusammenhängt.

(Infografik: eigene Erstellung, Quelle: Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz. (2016). Legalbewährung nach strafrechtlichen Sanktionen, https://www.bmjv.de/SharedDocs/Archiv/Downloads/Legalbewaehrung_strafrechtliche_Sanktionen_kommentierte_Rueckfallstatistik.pdf?__blob=publicationFile&v=2)

Diesen hohen Rückfallquoten versuchen Sozialarbeiter wie Henning Voß vorzubeugen. Ein großes Hindernis ihrer Arbeit ist die Wohnungsproblematik der Straffälligen. Gefangenen ist es nur begrenzt möglich, sich während der Haft um eine Wohnung zu kümmern. Bezahlbarer Wohnraum ist in den Städten nur noch selten gegeben, auf dem Land jedoch schon. Allerdings fühlen sich Randgruppen, wie Straffällige, in der Anonymität der Großstadt wohler und sind somit oft nicht bereit diese zu verlassen.

Die Kapazitäten von Obdachlosenheimen und weiteren Hilfsangeboten dieser Art sind meist vollkommen ausgeschöpft. In den meisten Großstädten liegt die Auslastungsquote oft über 100 Prozent. Daher stehen viele Häftlinge nach ihrer Entlassung vorläufig auf der Straße und landen immer häufiger erneut in einem kriminellen Milieu. Dieses und vor allem strukturelle Probleme stehen einer gelungenen Resozialisierung häufig im Weg und führen in den „Teufelskreislauf Gefängnis“, wie Henning Voß erklärt:

Ein großes Problem, das von Henning Voß angesprochen wird, ist die lange Dauer der Auftragsbearbeitung im Jobcenter. Dadurch fehlen den Straffälligen die finanziellen Mittel, um sich auf legalem Wege um eine Wohnung, Lebensmittel etc. kümmern zu können. Deutschlandweit gibt es ungefähr 410 Jobcenter. Die Bearbeitungszeit ist regional sehr unterschiedlich und kann in Großstädten und Ballungsräumen sogar bis zu drei Monate dauern. Diese bürokratische Hürde steht vor allem denen im Wege, die auf Sozialhilfe angewiesen sind und, wie die meisten Straffälligen, auch nicht auf Rücklagen oder auf Hilfe der Familie zurückgreifen können.

Dies ist aber nicht nur ein bürokratisches, sondern vielmehr ein politisches Problem. Nicht nur Straffällige, sondern auch andere Randgruppen werden in Artikel 2 des Sozialgesetzbuches gar nicht berücksichtigt und somit auch bei der Lösung ihres sozialen Problems behindert. Straffällige sind aufgrund der Wohnungsproblematik zunächst meist anschriftslos. Dies erschwert es, die bürokratischen Angelegenheiten vernünftig und zeitnah zu regeln. Auch hier helfen soziale Angebote wie die Straffälligenhilfe Braunschweig. Klienten können sich hier eine Art Postfach einrichten und unter bestimmten Auflagen, wie zum Beispiel dem täglichen persönlichen Erscheinen, mit Hilfe der Sozialarbeiter ihre Post bearbeiten und abholen.

Gesellschaftliche Hindernisse

Eine Vielzahl der Menschen, die hinter Gittern sitzen oder saßen, entspricht äußerlich nicht dem oder der „normal“ gepflegten BürgerIn. Viele sind suchtkrank und körperlich heruntergekommen. Für solche Menschen ist es in der Gesellschaft nicht immer leicht. Sie kämpfen häufig mit Misstrauen und Vorurteilen, was ihre Wiedereingliederung deutlich erschwert.

Ein Beispiel für eine besser gelungene Resozialisierung bieten uns die skandinavischen Länder, vor allem Norwegen. Hier wird nur ein Fünftel der Straftäter rückfällig. Es wird nach dem Grundsatz der Humanität gehandelt- Denn nur, wer gut behandelt wird, spiegelt dieses Verhalten später auch gegenüber seinen Mitmenschen wider. Außerdem wird in Norwegen der Gefängnisalltag so frei und normal wie möglich gestaltet: Die Straftäter arbeiten, haben verschiedene Freizeitmöglichkeiten und führen ihren Haushalt selbst.

Ein weiterer Faktor, der hier zur gelungenen Resozialisierung beiträgt, ist das 3-Stufen-System. In Norwegen kommt zunächst jeder in ein Hochsicherheitsgefängnis, dann in eine Anstalt mit weniger Sicherheitsvorkehrungen und letzten Endes in den offenen Vollzug, der auch zeitweise verlassen werden kann. Wer versucht, zu fliehen oder die gegebenen Freiheiten ausnutzt, kommt sofort zurück ins Hochsicherheitsgefängnis. In Norwegen ist der Strafvollzug also viel realitätsnaher und die Gefangenen werden gar nicht erst richtig von der Gesellschaft isoliert. Die Konsequenz: Straffällige sind motivierter straffrei zu leben und die Gefangenenzahlen nehmen ab. Im Rahmen von Hilfsangeboten und Bewährungshilfe kann sich mehr auf den Einzelnen konzentriert und dadurch können die Rückfallquoten gesenkt werden.

Um dem Vorbild der skandinavischen Länder zu folgen, muss sich in Deutschland in vielen Bereichen etwas tun. Nicht nur in der Gesellschaft, sondern auch in der Politik. Das gesamte Rechtssystem müsste mehr auf eine erfolgreiche Resozialisierung hinarbeiten. Die Justizvollzugsanstalten sollten nicht mehr nur zur Strafe und zur Abschreckung dienen, sondern vor allem die Häftlinge auf ein sozialisiertes Leben danach vorbereiten, um Rückfälligkeit und die damit einhergehende Kriminalität nachdrücklich zu verhindern.