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Leben und Gesellschaft - Gendergerechte Sprache Studentx?

Studenten und Studentinnen? StudentInnen? Studenten*innen? Student_innen? Oder doch Studierende? An der gendergerechten Sprache scheiden sich die Geister. Ist sie wirklich notwendig?

Gleichberechtigung ist wichtig, auch in der Sprache. (Quelle iStock/alexsl)

Eigentlich ist alles ganz einfach: Nach Studien der Freien Universität Berlin, ist in der formalen Schriftsprache gendergerechte Sprache relativ weit auf dem Vormarsch. Doch schaut man genauer hin, wird es kompliziert. So ist bereits umstritten, wie genau man richtig gendert und inwieweit die neuen Sufixe wie etwa -ierende unseren Alltag verändern sollen. So fordern manche gar eine Änderung der Deutschen Nationalhymne. Eine Sparkassenkundin streitet für die genderneutrale Formulierung bis vor das höchste Gericht. Und seit dem Entscheid des Bundesverfassungsgericht 2017, dass auch ein drittes Geschlecht im Geburtenregister erlaubt ist, gestaltet sich diese Frage zukünftig eher noch schwieriger. Der Vormarsch der weiblichen Ansprache in Formularen zumindest scheint in der Privatwirtschaft eingedämmt. So hat der Bundesgerichtshof (BGH) entschieden, dass Frauen zunächst kein Recht auf eine weibliche Ansprache haben. Geklagt hatte die 80-jährige Marlies Krämer. Sie fühlt sich mit männlichen Formulierungen wie Kunde oder Kontoinhaber nicht angesprochen und wollte die Sparkasse Saarbrücken dazu verpflichten, in ihren Formularen auch von Kontoinhaberinnen und von Kundinnen zu sprechen. Das BGH sieht das anders. Demnach erlitten Frauen keinen Nachteil, wenn sie in Vordrucken als Kunde angesprochen werden, die Formularsprache dürfe im so generischen Maskulinum bleiben. Das oberste deutsche Zivilgericht wies damit die Revision einer Sparkassen-Kundin aus dem Saarland zurück. „Es ist mein verfassungsmäßig legitimes Recht, dass ich als Frau in Sprache und Schrift erkennbar bin“, sagte dagegen Krämer. Obwohl Marlies Krämer nun unterlegen ist, will sie weiterkämpfen bis vor das Bundesverfassungsgericht. „Ich sehe das überhaupt nicht mehr ein, dass ich als Frau totgeschwiegen werde“. Und hat sie damit nicht recht? Heißt es also, man kann nur als Mann ein Konto bei der Sparkasse besitzen? Die Begründung, des Landgerichts Saarbrücken, dass das generische Maskulinum geschlechtsneutral seit 2000 Jahren verwendet wird, erscheint kaum zeitgemäß. Der Deutsche Sparkassen- und Giroverband weigert sich und will weiter am generischen Maskulinum festhalten, also an der verallgemeinernden Form, die grammatikalisch zwar eindeutig männlich ist, aber nach herkömmlichem Verständnis alle umfassen soll. Mit der Nennung beider Geschlechter werde alles noch komplizierter, so die öffentliche Argumentation. Damit dürften auch die Kosten einer möglichen Umstellung gemeint sein, die der Verband scheuen dürfte. Ob Kleinigkeiten wie eine Ansprache in einem Formular nicht einfach Erbsenzählerei ist, darüber sollte man sich selbst eine Meinung bilden.

Heimatland statt Vaterland?

Auch vor dem Deutschlandlied macht die Diskussion nicht halt. Die Gleichstellungsbeauftragte des Bundesfamilienministeriums, Kristin Rose-Möhring, hat im Vorfeld des internationalen Frauentages vorgeschlagen, den Text der deutschen Nationalhymne geschlechtergerecht umzuformulieren. Der Text sei zu männlich. So soll also nach ihren Forderungen das Wort Vaterland durch Heimatland ersetzt werden und das Wort couragiert das Wort brüderlich ersetzen. Somit würden die männlichen Wörter durch ungeschlechtliche Begriffe ausgetauscht werden. Unlängst hatten bereits Kanada und Österreich ihre Hymnen geschlechtsneutral gemacht. Und wer, wenn nicht Deutschland, sollte nachziehen? Eine genderneutrale Hymne, die dafürsteht, dass ein Land vereint die Gleichberechtigung unterstützt. Auch Frauen wollen in der Hymne angesprochen werden und sich mit ihr identifizieren können. Als August Heinrich Hoffmann von Fallersleben die Hymne 1841 zur Melodie von Haydns Kaiserlied („Gott erhalte Franz den Kaiser“) textete, war die Hervorhebung des männlichen Geschlechts, aber sicherlich als normal akzeptiert. Im 21. Jahrhundert jedoch, nach Frauenquote und mit einer deutschen Bundeskanzlerin, vertritt weiterhin eine rein männliche Hymne das Land. Ein Vorgang, der längst überholt scheint – eine Veränderung, die keinem weh tut und ein starkes Zeichen setzt. Oder hat die Frau per se in Deutschland vielleicht ganz andere Sorgen als das Kulturgut der deutschen Geschichte zu ihren Gunsten zu verändern? Wird die Hymne nicht doch nur noch im Fußballstadion gesungen und Frauenfußball sowieso kaum angeschaut? Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sieht jedenfalls keinen Bedarf, den Text der deutschen Nationalhymne zu ändern. Sie sei mit der Hymne in ihrer jetzigen Fassung „sehr zufrieden“, gab sie zu Protokoll. Hauptsächlich trifft der Vorschlag von Rose-Möhring auf Kritik und Ablehnung. In sozialen Medien wird die Forderung heiß diskutiert. Sehr drastisch drückt es die Junge Union München-Nord auf ihrer Facebook-Seite aus. Dort heißt es: „Finger weg! Von unserer Nationalhymne. Bei der Union, hier offenbar in ihrem konservativen Mark getroffen, stößt die Idee mehrheitlich auf Ablehnung.“ Die CDU-Politikerin Julia Klöckner twitterte sogleich: „Mir fielen andere Themen ein, die wichtiger für Frauen wären als die Nationalhymne zu ändern“. Richtig, denn solange die Frauenquote erfüllt wird, kann die Frau in Deutschland ruhig weiter in der Sprache diskriminiert werden, oder nicht? Andere Nutzer entgegnen mit ironischen Gegenforderungen, dass das Wort Muttersprache dann ebenso angepasst werden sollte. Doch das zielt am Kern vorbei: Das Wort Vaterland soll nicht aus dem allgemeinen deutschen Wortschatz verändert werden, sondern nur in der Nationalhymne, damit eben beide Geschlechter sich mit dieser angesprochen fühlen.

Sprache prägt das Denken

Durch Sprache entstehen Bilder in unseren Köpfen. Werden nur Männer genannt, spiegelt sich das in unseren gedanklichen Vorstellungen wider“, heißt es auf der Internetseite geschicktgendern.de - einer Internetseite, auf der Alternativbegriffe bereitgestellt werden, die kein spezifisches Geschlecht ansprechen. Aber ist das überhaupt notwendig? Wenn ein Chef zum Treffen aller Abteilungsleiter bittet, gehen doch auch nicht nur die Männer oder? Oft wird die maskuline Form geschrieben, die feminine nur mitgemeint. Tatsächlich zeigte eine Studie zur Auswirkung einer geschlechtsgerechteren Sprache, wie wichtig die Erwähnung der weiblichen Personengruppe ist. Befragt wurden SPD-Mitglieder, wen sie sich für das Amt des Bundeskanzlers vorstellen könnten. Die Gruppe, die nur nach einem potenziellen Bundeskanzler befragt wurde, nannte auch nur Männer. Die Gruppe, die nach einem potenziellen Bundeskanzler oder einer Kanzlerin befragt wurde, nannte Männer und Frauen. Also wird zwar unbewusst, aber doch auffallend die weibliche Personengruppe ausgegrenzt. Wenn also das generische Maskulin verwendet wird und dann um eine weitere weibliche Form ergänzt wird, werden Frauen zweifach erwähnt, argumentieren die Verfechter des Status quo. Da die Grammatik der deutschen Sprache sich eben genau so entwickelt habe. Mit dem Handwerk des Bäckers sind eben alle gemeint, die dieses Handwerk ausüben, ob Männer oder Frauen. Also wird bei der Benennung von Bäckern und Bäckerinnen die weibliche Personengruppe, die das Backhandwerk ausübt, doppelt angesprochen. Was zwar grammatikalisch richtig ist, jedoch unnötig um sich gendergerecht auszurücken. Wer entscheidet also, was richtig und was falsch ist, wer hat schließlich das Recht eine Sprache zu verändern? Peter Eisenberg, Linguist an der Universität Potsdam, versucht das Gendern einfach zu machen: Man könne das grammatische Geschlecht vermeiden. „Das ist sowas, wie wenn man sagt, hier ist eine Professur zu besetzen.“ Zu Ausweichmöglichkeiten, wie dem Binnen-I, äußert er sich jedoch kritisch: Diese sei frei erfunden und habe sich zudem problematisch entwickelt. „Wir haben heute nicht nur das große I, sondern wir haben den Schrägstrich, wir haben den Unterstrich und wir haben vor allen Dingen das unsägliche Gender-Sternchen [...]. Entweder man spricht ganz personenunabhängig oder man macht sich die Mühe, wenn es darauf ankommt, die Personen zu benennen, und spricht dann von weiblichen Studenten. Dagegen ist gar nichts zu sagen. Ich würde sogar so weit gehen zu sagen, Studentinnen und Studenten ist akzeptabel, weil es sich immerhin noch innerhalb der deutschen Grammatik bewegt.“ Dass es besser sei, sich mit einem komplizierten Binnen-I oder Gendersternchen rumzuschlagen, als jemanden zu diskriminieren, findet auch die Mutter, die von der bayerischen Grundschule ihres Kindes per Brief über einen bevorstehenden Klassenausflug informiert wurde. Der Inhalt des Schreibens war für sie Grund genug, es auf ihrer privaten Facebook-Seite zu posten, versehen mit dem Kommentar: „In Deutschland 2018 – überrascht.“, denn in dem Elternschreiben werden ausdrücklich nur die Mütter angesprochen. So ist in den Köpfen scheinbar immer noch das klassische Rollenbild der Hausfrau vorhanden, die sich um die Angelegenheiten der Kinder kümmert. Das es auch alleinerziehende Väter und Hausmänner gibt, kam der Schule scheinbar nicht in den Sinn. Was die Notwendigkeit und auch die Ausführung der gendergerechten Sprache angeht, gibt es kein richtig oder falsch. Solange grammatikalisch die richtige Form verwendet wird, gibt es also keinen Grund zum Aufschrei. Oder hat es viel weniger mit Grammatik und Sprache zu tun, als mit der Diskriminierung eines Geschlechts? Zu unterscheiden ist, dass Begriffe wie Vaterland oder auch Muttersprache zum festen deutschen Wortschatz gehören – Ausdrücke, die mit einem Geschlecht verbunden werden. Eine Frau kann aber tatsächlich in einem Vaterland leben und ein Mann kann vermutlich auch seine Muttersprache sprechen. Ein Geschlecht jedoch auf Grund von einem Rollenverständnis zu diskriminieren hat im 21. Jahrhundert nichts mehr zu suchen. Jeder Beruf kann von jedem Geschlecht ausgeführt werden, also sollten diese Berufe auch dementsprechend benannt werden.