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Leben und Gesellschaft - Dialekte, Deutschland Servus, Moin und Tach - deutsche Dialekte

Dialekte haben in Deutschland Tradition. Fast jeder Deutsche spricht Mundart. Doch das Hochdeutsch ist auf dem Vormarsch. Verschwinden bald alle Dialekte?

Wie viele Dialekte es in Deutschland genau gibt, ist bis heute nicht beziffert (Darstellung: Rebekka Renk)

„Der Dialekt ist ein Gefühl der Heimatverbundenheit, der Vertrautheit, der Kindheit, die damit verbunden ist“, sagte Wolfgang Klein, Vizepräsident der deutschen Akademie für Dichtung und Sprache, 2017 in einem Interview gegenüber dem Deutschlandfunk.  Und teilweise gibt ihm die deutsche Bevölkerung Recht. Während der Dialekt für einige ein Zeichen von Identifikation und Heimatgefühl darstellt, können sich andere auch ein Leben mit einer einheitlichen, deutschen Standardsprache vorstellen. Dabei gibt es einige Aspekte, derer sich viele bis heute nicht bewusst sind.

Von Nieder- bis Hochdeutsch

Grundsätzlich lassen sich Dialekte in zwei Regionen einteilen: Nieder- und Hochdeutsch. Die Begriffe lassen sich leicht voneinander unterscheiden. So meint Niederdeutsch die Regionen, die im Flachland angesiedelt sind, also Richtung Norden. Hochdeutsch sprechen dementsprechend die Leute, die in südlichen Bergregionen leben und aufgewachsen sind. Während die Menschen im hochdeutschen Bereich die zweite Lautverschiebung miterlebt haben, fiel diese bei der niederdeutschen Mundart weg. Dabei spielt die sogenannte „Benrather Linie“ eine zentrale Rolle. Sie teilt den deutschen Sprachraum in Hoch- und Niederdeutsch und verläuft von Benrath bei Köln, über Göttingen bis nach Frankfurt Oder. Die zweite Lautverschiebung ist grundlegend dafür verantwortlich, dass es nördlich der Benrather Linie „maken“ und in der hochdeutschen Aussprache „machen“ heißt, also ebnete sie somit den Verlauf der Aussprache „k“ zu „ch“. Deshalb wird die Benrather Linie auch oft „Maken-Machen-Linie“ genannt. So haben sich auch die Konsonanten „p“, „t“ und „k“ durch die zweite Lautverschiebung verändert. Allerdings nicht im norddeutschen Raum. Darüber wandelte sich unterhalb der Benrather Linie auch die Nutzung des Konsonanten „t“ zu „s“ und „z“.

Ein Produkt, viele Begriffe

In Bayern heißt es „Stenzle“. In Hessen isst man das „Knärzje“ und in Hamburg nennt man es „Knust“. Es geht um das Brot-Ende. Laut des US-amerikanischen Medienunternehmen Buzzfeed gibt es für das Lebensmittel in Deutschland über 200 unterschiedliche Begriffe. Und das ist allein dem Dialekt zu verdanken. Dass die Menschen unterschiedliche Ausdrücke für ein und dieselbe Sache nutzen, führe laut Student Hannes früher oder später zu Verständigungsproblemen oder amüsanten Missverständnissen. Aber es erweitere auch den sprachlichen Horizont. Laut Studentin Jessica komme es oft vor, dass sie in ihrem derzeitigen Wohnort Braunschweig von ihren Freunden und Kommilitonen nicht verstanden wird, weil sie Wörter verwendet, die in ihrer Heimat, nahe Nürnberg, tagtäglich genutzt werden. Neben verschiedenen Wörtern gebe es aber auch einfache Unterschiede in der Aussprache und Lexik. Je nach Dialekt mehr oder weniger stark ausgeprägt.        Genau davon berichten Studenten, die in Niedersachsen leben und studieren, aber ursprünglich aus anderen Regionen beziehungsweise Bundesländern kommen.

Akzent ≠ Dialekt

Bis heute nutzen fälschlicherweise immer noch viele Menschen das Wort Akzent als Synonym für den Dialekt. Dass die beiden Begrifflichkeiten aber unterschiedliche Bedeutungen haben, ist vielen nicht bewusst. So liegt der Unterschied darin, dass ein Akzent nur die Aussprachegewohnheiten eines Muttersprachlers ausdrückt, die in einer anderen Sprache zu hören sind. Spricht beispielsweise ein Deutscher in England Englisch, wird er meist darauf hingewiesen, dass er einen starken deutschen Akzent besitzt. Der Dialekt hingegen wird nicht nur durch die Aussprache charakterisiert. Auch die Lexik und die Grammatik spielen eine entscheidende Rolle. Darüber hinaus spricht man bei Dialekten von Sprachvarietäten innerhalb eines Landes. Diese sind meist regional und heimatgebunden und können zum Teil von Dorf zu Dorf variieren. Für Jessica sei dieser Aspekt auch einer der Gründe, warum Identifikation für sie teilweise ein schwieriges Thema ist. Zumindest, wenn ein paar Kilometer weiter schon ein anderer Dialekt gesprochen wird als in ihrem Heimatort. Deshalb sei es laut Oliver Schallert, Professor für germanistische Linguistik an der Universität München, auch besonders schwer zu erfassen, wie viele Dialekte in Deutschland gesprochen werden.

Stigma Dialekt

Dass das Sprechen von Dialekten nicht immer mit positiven Assoziationen verbunden ist, ist bekannt. Laut einer Studie des deutschen Online-Portals Statista aus dem Jahr 2015 gaben knapp 30 Prozent der Befragten an, dass ihnen der bayerische Dialekt am besten gefalle. Auch Kölsch und Norddeutsch seien bundesweit sehr beliebt. Auf der anderen Seite sieht es sogar noch deutlicher aus: so seien sich knapp 55 Prozent der Befragten einig, dass Sächsisch mit großen Abstand der unbeliebteste Dialekt der Bundesrepublik ist. Das Kontroverse an den Ergebnissen: in Deutschland scheint man sich im Hinblick auf den Bayerischen Dialekt nicht einig zu sein. Denn auch bei den unbeliebtesten Mundarten reiht sich Bayerisch direkt hinter Sächsisch ein. Zum Teil erleben die Menschen heute immer noch in alltäglichen Situationen, dass ihnen gewisse Dialekte Vor- oder Nachteile verschaffen.

Oliver Schallert weist außerdem darauf hin, dass Stigmata teilweise sogar einen Einfluss darauf haben sollen, dass regional gesprochene Dialekte durchaus im Verschwinden sind. So seien manche Dialekte so stark stigmatisiert, dass sich die Menschen bewusst von ihnen distanzieren. Besonders im sächsischen und thüringischen Bereich falle es ihm auf. Und auch die Personen, die selbst Dialekt sprechen, können sich oft nicht von Vorurteilen freisprechen. Für Hannes sei es beispielsweise ein Problem, den ostdeutschen Dialekt ernst zu nehmen. Aber auch in seinem Umfeld sei man vor Vorurteilen nicht verschont geblieben, so der Student.

Verfall oder Wandel?

Unter diesen Gesichtspunkten muss man sich fragen, ob der Dialekt überhaupt noch zeitgemäß ist. Dass die Standardsprache im Begriff ist, den Dialekt zu verdrängen, ist kein Geheimnis. Doch ob in der heutigen Zeit wirklich schon von einem Dialektverfall gesprochen werden kann, ist nicht klar. Für Oliver Schallert sei es in gewisser Weise „eine fehlgeleitete Wahrnehmung, weil es ja auch generell so ist, dass Sprache sich wandelt und wenn Sprache sich wandelt, warum sollen sich nicht auch Dialekte wandeln.“ Und auch die Menschen, die bis heute noch Mundart sprechen, sind der Überzeugung, dass es unerlässlich sei, den Dialekt aufrechtzuerhalten. Auch wenn er sich im Rückzug befinde. Der Ausdruck „Kulturgut“ fällt in diesem Zusammenhang sehr oft. Auch Jessica hält den Dialekt für ein kulturell, wichtiges Produkt der deutschen Sprache. Und mit dieser Meinung steht die Studentin aus Bayern nicht allein da.