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Leben und Gesellschaft - Kulturen Schwarztee zum Berliner

Deutsch-türkischen MigrantInnen, die schon seit mehreren Generationen in Deutschland leben, kann die Zugehörigkeit zu einer Kultur dennoch schwerfallen. Aber warum zwischen deutsch und türkisch entscheiden? Autorin Ebru schreibt über ihre eigene Identitätsfindung.

Gibt es nur ein Entweder-oder oder auch ein Nebeneinander zweier Kulturen? Die Entscheidung trifft jeder für sich individuell.

Ich bin Deutsch-Türkin und gehöre zu der berühmt-berüchtigten dritten Generation junger MigrantInnen. Die Generation, die man gar nicht so richtig charakterisieren kann. Es fängt schon mit dem Wort „MigrantIn“ an. Bin ich das überhaupt? Ich bin hier geboren und aufgewachsen. Mein Kindergarten an der Friedenskirche in Fredenberg machte regelmäßig Kinderbibelwochen. Morgens wurde uns etwas aus der Bibel vorgelesen und mittags gab es Eierkuchen mit Nutella. An Weihnachten kam der Weihnachtsmann zu mir nach Hause und an Ostern der Osterhase. Mein allerliebster Feiertag war jedoch der Martinstag. Nichts hat mir mehr gefallen, als mit meinem Vater an der Seite durch die Straßen zu ziehen und überglücklich inmitten der anderen Kinder meine Laterne zu halten, die die dunklen Winterabende erleuchtete.

Eines Tages wurde mir im Hort statt einer Schweinsbratwurst, die ich bis dahin immer aß, eine Geflügelbratwurst von einer Praktikantin gegeben, die davon ausging, dass ich ganz sicher kein Schwein essen würde. Das war der Moment, wo ich mich zum ersten Mal anders fühlte. Meine Eltern legten von Anfang an Wert darauf, dass wir genau so leben, spielen und essen sollten wie die deutschen Kinder. Die Türkei war für mich immer nur ein Urlaubsort und mit Verwandten aus der Türkei zu sprechen, klappte auch nur mit Händen und Füßen.

Als ich etwas älter wurde, hatte ich mehr mit Gleichaltrigen aus meinem Kulturkreis zu tun. Einige von ihnen schienen religiös zu sein, ich war es jedoch nie. Wir waren eine Gruppe bestehend aus türkischen Mädchen und Jungen. Meine Freundin erwähnte beiläufig, dass ich die einzige von uns sei, die nicht an Gott glaubt. Daraufhin kam einer der Jungen auf mich zu und fragte mich noch einmal explizit: „Du glaubst wirklich nicht an Gott?“, und ich antwortete „Nein, ich kann mir darunter nichts vorstellen“ und dann sagte er: „Du hast Glück, dass ich dich mag. Mit solchen Leuten habe ich eigentlich nichts zu tun“. Das hat mich verblüfft, so etwas kannte ich nicht. Und wenn man so etwas von zuhause nicht kennt, ist es umso seltsamer es draußen von Gleichaltrigen zu hören. Eine Zeit lang war ich so verunsichert deswegen, dass ich behauptete, es wäre alles nur ein Scherz gewesen und jedes Mal wenn ich sagte „Ja, ich glaube an Gott.“ kam ich mir albern vor, weil ich wusste, dass ich vor allem mich selbst anlog.

Herauszufinden, wer ich selber war und welcher Nationalität ich mich zugehörig fühle, gestaltete sich schwieriger als gedacht. Was bin ich für eine Türkin, wenn ich nicht einmal richtig der Sprache mächtig bin? Und wenn ich sage, dass ich deutsch bin, werde ich doch bestimmt auch nur belächelt. Ich wollte weder die Deutsche unter den Türken sein, noch die Türkin unter den Deutschen. Eigentlich wollte ich nur ich selbst sein und trotzdem verspürte ich immer wieder den Drang, mich beweisen zu müssen.

Wenn ich mich so umsah, wirkten all meine anderen türkischen Freunde ziemlich gefestigt in ihrer Identität, nur ich war mir unsicher. Für sie war es eindeutig: Die Türkei ist ihre Heimat. In einer Umfrage des Zentrums für Türkeistudie und Integrationsforschung (ZfTI) gaben knapp 43 Prozent der Türken aus der dritten Generation an, die Türkei als ihre Heimat zu sehen. Und das obwohl die Mehrheit von ihnen hier in Deutschland geboren ist. Religionssoziologe Detlef Pollack erklärt dieses Abgrenzungsverhalten der Deutsch-Türken durch Merkmale wie Nationalität, Religion oder Tradition so, dass man sich auf diese Art und Weise von der Mehrheitsgesellschaft absetzen könne und seine Andersartigkeit hervorhebt. Meist sind es dann Dinge wie ein Pass oder eine Flagge, an die viele sich hier festklammern, um den Halt ihrer Wurzeln nicht zu verlieren. Dabei ist das alles gar nicht nötig, man kann doch auch einfach einen Berliner zu seinem Schwarztee essen.

Es geht nicht darum, sich für eine Nationalität zu entscheiden und die andere abzulehnen. Es geht nicht um schwarz oder weiß. Es geht um Vielfalt, um Offenheit für das „Andere“ und vor allem darum, die Stühle, zwischen denen man steht, einfach mal zusammenzuschieben. Denn ohne Distanz lebt es sich viel besser – und gemütlicher ist es sowieso.