Direkt zu den Inhalten springen

Leben und Gesellschaft - Podcast, Streaming, Radio Podcast – der Nachfolger des Radios?

Immer und überall abrufbar – Podcast sind im Gegensatz zum Radio flexibel und gerade deshalb bei jungen Menschen so beliebt. Die erfolgreichsten werden von Prominenten betrieben. Radiomacher der alten Schule haben den Trend verschlafen.

Das Streamen von Podcasts ist gerade bei jungen Menschen sehr beliebt. (Quelle: iStock)

„So sehen also Menschen aus, die sich Karten für eine Veranstaltung holen, auf der sich zwei Menschen unterhalten“, sagt Tommi Schmitt ironisch bei einem Liveauftritt seines Podcasts in Köln. Der TV-Autor bildet zusammen mit dem Comedian Felix Lobrecht das Duo „Gemischtes Hack“ - der erfolgreichste Podcast Deutschlands. Innerhalb von Sekunden war der Auftritt ausverkauft. Nach einer kurzen Publikumsbefragung seitens Lobrechts fällt eins auf: Im Publikum sitzen vor allem junge Menschen, wie Studierende.

Eines spiegelt dieser Auftritt wider: Podcasts sind besonders bei der jungen Generation im Kommen. Ganz im Gegensatz dazu das Radio. Es verschwindet immer mehr aus dem Alltag vieler junger Erwachsener. Aber warum ist das so? Und was ist eigentlich das Medium Podcast, welches das lang bestehende Radio langsam ablöst?

Zwei Menschen, die sich unterhalten

„Zwei Menschen, die sich unterhalten“, wie Schmitt eingangs erklärt, ist die simpelste Definition für einen Podcast. Es gibt jedoch verschiedene Arten: Die meisten Podcasts bestehen aus zwei Protagonisten, die über das reden, was in ihrem privaten Leben passiert oder sich austauschen, wie sie aus ihrem Blickwinkel über das Weltgeschehen denken. Manche Podcasts lassen sich einem bestimmten Genre zuordnen, wie Rasenfunk und MML die sich dem aktuellen Geschehen in der Fußballwelt widmen. Aber auch aktuelle Nachrichten finden sich in der Podcast-Welt wieder, wie in Steingarts Morning Briefing oder in der Tagesschau in 100 Sekunden.

Während die Hörerschaft bei Podcasts immer weiter ansteigt, geht sie beim Radio weiter zurück –besonders bei jungen Erwachsenen, wie der Online-Audio-Monitor der Bayrischen Landeszentrale für neue Medien aus dem September 2019 zeigt. Die Studie stellt unter anderem das Ergebnis einer Umfrage zur Nutzung von Plattformen dar, welche Podcasts und Radiosendungen auf Abruf anbieten. Zu diesem Zeitpunkt beziehen knapp 71 Prozent der Befragten zwischen 14 und 29 Jahren Podcasts von Musikstreaming-Diensten. Gerade einmal 15 Prozent nutzen hierfür Radioplattformen. Ein klares Zeichen, dass das Radio immer mehr an Bedeutung bei den jungen Erwachsenen verliert.

Ein ungezwungenes und flexibles Hörerlebnis

Generation Y, Millenials oder Generation MTV: Wer zu dieser Generation gehört, kann die Stille nicht ertragen, ist ständig Online und kommuniziert 24/7. Sie ist mit digitalen Medien aufgewachsen und nutzt ihre Vorteile aus. So auch beim Thema Radio oder Podcasts.

Die meisten Podcasts sind auf Spotify zu finden. Viele davon werden sogar von der Streaming-Plattform produziert oder vermarktet. Spotify bietet mit seiner unendlichen Auswahl an Musik, Hörspielen und Podcasts eine Vielfalt an verschiedenen auditiven Medien und macht es leicht auf alle zuzugreifen. Mit rund 248 Millionen Nutzern weltweit, ist Spotify der größte Streaming-Dienst der Welt. Gerade die Generation, der nachgesagt wird, sie könne nicht mehr ohne ihr Smartphone, hat also täglich Zugriff auf sämtliche Medien. Und das auf unkomplizierter Art und Weise. Podcasts sind jeder Zeit abrufbar und es gibt keine bestimmte Uhrzeit, an der spezielle Inhalte konsumiert werden können. Alles steht einem rund um die Uhr offen. Ganz im Gegensatz dazu das Radio. Um einen bestimmten Beitrag zuhören, muss um eine festgesetzte Uhrzeit das Radio eingeschaltet werden. Die Flexibilität, die bei Streaming-Diensten vorhanden ist, geht verloren und schränkt das Hörerlebnis stark ein.

Die Themen, die im Verlauf eines Tages im Radio behandelt werden, sind oft auf die breite Masse zugeschnitten. Darunter fallen Themen wie E-Autos oder der Fachkräftemangel, mit denen sich zum Beispiel der Radiosender NDR2 einen ganzen Nachmittag beschäftigt. Da schaltet die junge Generation ab, denn sie sucht sich Podcasts nach Themen und Persönlichkeiten aus. Im Gegensatz zum Radio berichtet ein Podcast nicht über ein bestimmtes Thema, sondern er behandelt mehrere Themen und geht mehr in die Tiefe. Es findet eine stärkere, uneingeschränkte Meinungsäußerung statt: „Wenn einer Völkermord erkennt, wenn er ihn sieht, dann ist es ein Deutscher“ oder „Wenn du dich nur aufregst, wenn der Täter 'ne Hautfarbe hat, die dir nicht passt, dann bist du kein besorgter Bürger, dann bist du einfach Rassist“. Zwei Beispiele aus dem Podcast „Fest & Flauschig“ von Jan Böhmermann und Olli Schulz zeigen, dass der Mix aus den richtigen Themen, uneingeschränkte Meinungsäußerung und auch Satire zum Erfolg führen kann.

Ein Radiosender, der die Zeile „Vincent kriegt kein‘ hoch, wenn er an Mädchen denkt“ nicht sendet, um ein Statement gegen Homophobie zusetzen, passt nicht in das offene Weltbild vieler junger Erwachsene, die so stark wie schon lange nicht mehr für ihre Meinungen und Prinzipien einstehen. 

Zurück nach Köln zu Tommi und Felix. Nach anderthalb Stunden zusehen, wie sich zwei Menschen unterhalten, verlassen die beiden unter Applaus die Bühne. Das Format Podcast hat Erfolg und ist eben nicht nur eine Unterhaltung zwischen zwei Menschen. Podcasts informieren, tragen zur Meinungsbildung bei und unterhalten Millionen von Hörern. Und das alles auf eine ungezwungene, flexible und einfache Art und Weise. Eine neue Art des Hörerlebnis ist damit angebrochen.