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Leben und Gesellschaft - Coming Out Mutprobe: Coming Out!

Auch wenn es heute schon einfacher ist, sich zu outen als vor 20 Jahren, erfordert die Sache immer noch viel Mut. Noch heute gibt es, zum Teil versteckte, Homophobie in unserer Gesellschaft. Jannis Brunsmann spricht in einer Kolumne über seine eigenen Erfahrungen.

Jannis hat bisher nur positive Erfahrung mit Coming Out gemacht. Das geht leider nicht allen so. (Quelle: Jannis Brunsmann)

Braunschweig. Mein Herz schlug so schnell wie vor einem Fallschirmsprung, als ich mich das erste Mal bei meinen Freunden geoutet habe. Angst vor Zurückweisung ließ mich oft genug erzittern. Denn auch wenn es heutzutage schon einfacher ist, sich zu outen als vor 20 Jahren, ist die Lage in Deutschland noch immer nicht optimal.

Warum das Coming-out Angst einjagt!

Warum hatte ich selbst so viel Angst vor meinem Coming-out? Ganz einfach: Weil es immer schwer ist öffentlich „Anders“ zu sein! Besonders in der Zeit der Pubertät, in der jeder Teenager eine Selbstfindung durchlebt. Bevor ich ein Teenager war, hatte ich stets nur das Gefühl irgendwie nicht ganz in die Gruppe hineinzupassen. Als mir dann bewusst wurde, was genau „anders“ an mir ist, hatte ich wie die meisten LGBT (kurz für: Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transgender)-Jugendlichen Angst davor nicht akzeptiert, von Mitschülern gemobbt oder von der Gesellschaft ausgeschlossen zu werden. Diese Art von Angst und Druck löst in LGBT-Jugendlichen oftmals psychische Probleme aus. Die Suizid- und Depressionsraten von LGBT-Teenagern sind deutlich höher als bei heterosexuellen Jugendlichen. 
Was es für mich schwer gemacht hat, zu meiner Homosexualität zu stehen, ist die noch immer bestehende Homophobie in einigen Teilen der Gesellschaft. Wenn der Papst als Oberhaupt der katholischen Kirche Homosexualität als Mode bezeichnet und keinen Platz für schwule Männer in kirchlichen Ämtern sieht, beweist dies die Intoleranz in einer Institution, die von Nächstenliebe predigt. Auch politische Parteien, wie die AfD, werfen offen mit Homophobie um sich. Vor kurzem hat sich AfD-Abgeordneter Jens Meier im Bundestag über die Ziele der Magnus-Hirschfeld-Stiftung, die Diskriminierung gegen alle LGBT zu stoppen, lustig gemacht.  Und leider habe auch ich jeden Tag mit versteckter Homophobie in der Gesellschaft zu kämpfen: die Benutzung meiner Sexualität als Beleidigung oder Stoff für unnötige „harmlose“ Witze ist noch immer Alltag.

Heutzutage ist es einfacher sich zu outen als zuvor!

Doch trotz der noch vorhandenen Homophobie ist es heutzutage glücklicherweise schon viel einfacher sich zu outen als vor etwa 20 Jahren. Der größte Teil der Gesellschaft hat sich weiterentwickelt und geht viel offener mit dem Thema Homosexualität um. Ich persönlich habe bisher keine negativen Erfahrungen in Verbindung mit meinem Coming-Out gemacht.
Was mir die Stärke und den Mut gegeben hat mich zu outen, waren Vorbilder in den heutigen Medien. Gerade Soziale Netzwerke wie YouTube oder Instagram boten mir eine Anzahl von LGBT+-Vorbildern, die ich bis dahin nicht hatte. Ich hatte nun die Möglichkeit in das authentische Leben von geouteten Homosexuellen zu blicken und von ihren Erfahrungen zu hören. So bekamen ich und viele andere Jugendliche in meinem Alter den Einblick in die Welt als geouteter Mensch, den es vor zehn, 20 Jahren in dem Ausmaß noch nicht gab. Das nimmt einen Teil der verinnerlichten Angst. 
Ein weiterer hilfreicher Faktor ist der Wandel der traditionellen Medien. Vor 20 Jahren war es skandalös, wenn sich ein Charakter in einer TV-Show als homosexuell geoutet hat. Und wenn ein Charakter schwul war, wurde er oft stereotypisch übertrieben dargestellt. Das gab vielen Homosexuellen die Angst in eine bestimmte Schublade gesteckt zu werden, ohne etwas daran ändern zu können. Heutzutage sorgt mehr Vielfalt für Akzeptanz und Toleranz. Immer mehr TV- Shows und Filme wie Love, Simon (2018), Call me by your Name (2018) und „Glee“ (2009-2015) thematisieren LGBT-Mitglieder, ohne auf Stereotypen herumzureiten. Sie zeigen, dass es zwischen LGBT-Mitgliedern und Heterosexuellen kaum Unterschiede gibt und normalisieren die „Andersartigkeit“. Auch in der Musikwelt gibt es Künstler wie Halsey und Troye Sivan, die offen über ihre Sexualität singen und für Toleranz und Akzeptanz kämpfen. 
Meine eigene Erfahrung mit dem Coming-out war stets positiv. Es gab nie direkte negative Konfrontationen oder ähnliches, was allerdings bei vielen anderen nicht der Fall ist. Und gerade für diese Menschen muss gegen die zum Teil versteckte Homophobie in der Gesellschaft mehr unternommen werden. Es fängt schon im eigenen Verhalten an. Kleine Veränderungen, wie die Vermeidung, das Wort schwul abwertend zu nutzen, haben einen großen Einfluss und vermindern die Angst bei LGBT-Jugendlichen.