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Leben und Gesellschaft - Kirche, Glauben, Sexualität „Mit 17 war ich das erste Mal verliebt“ – Interview mit einer Nonne

Vor über 66 Jahren hat sich die heute 87 Jahre alte Schwester Maria Josefo zum Eintritt in den Franziskanerorden entschieden. Im Interview mit Campus38 spricht sie über Sexualität, Gotteserfahrungen und Wimpernverlängerungen.

Schwester Josefo mit selbstgetöpferten Tonfiguren. (Quelle: Jens Lintel)

Warst du schon einmal verliebt?
Mit 17 Jahren war ich das erste Mal verliebt - das war total schön. Aber als ich 45 war, war es viel ernster. Er war ein Witwer, dessen Kinder ich betreut habe. Das war ein harter innerer Kampf aber mein Ja zu Jesus war stärker.

Laut der Aussage des Berliner Therapeuten Joachim Reich, der überwiegend Priester betreut, halten sich schätzungsweise 95 Prozent der Priester nicht an das Zölibat. Wie sind deine eigenen Erfahrungen damit?
Meine eigene Sexualität ist immer geschützt gewesen durch das Gelübde der christlichen Ehelosigkeit. Auch die schwesterliche Liebe, die Geborgenheit und Schutz gibt, trägt einen ganz wesentlichen Teil dazu bei, dass man ein erfülltes Leben ohne Sexualität führen kann. Dazu muss ich sagen, dass ich später durch meine Tätigkeit als Erzieherin in der Heim- und Heilpädagogik gute therapeutische Hilfe erfahren habe. Der Verzicht auf Sexualität bleibt aber trotzdem anstrengend und auch sehr schwer. Zu den Priestern kann ich nur wenig sagen. Ich habe vorbildliche und tolle Priester kennengelernt, die mich über Jahre hinweg begleitet haben, auch was den Verzicht auf Sexualität betrifft. Ich persönlich denke, dass Priester selbst entscheiden sollten können, ob sie heiraten möchten oder zölibatär leben. Aber das wird noch einige Zeit dauern, bis wir da so weit sind.

Zölibatär zu leben, meint die aus religiösen Gründengewählte Ehelosigkeit katholischer Geistlicher (lat. caelibatus m. = eheloser Stand, Ehelosigkeit des Mannes).

Du sprachst gerade von therapeutischer Hilfe hinsichtlich des Verzichts auf Sexualität. Ist das etwas Normales?
Früher war es das nicht, da war es eigentlich ein Tabuthema. Inzwischen aber schon. Heutzutage haben wir mehrere Schwestern, die eine Langzeittherapie anbieten oder auch klinische Hilfe in Anspruch nehmen. Zusätzlich war über Jahre hinweg regelmäßig ein Therapeut deswegen bei uns. Hier, aber auch in anderen Bereichen, ist der Orden in den letzten Jahren sehr offen geworden.

Werden Verstöße gegen das Zölibat thematisiert und falls ja, wie geht der Orden damit um?
Mir ist es nicht bekannt, dass Verstöße solcher Art thematisiert wurden, sie wurden eigentlich nicht bekannt. Es ist des Öfteren passiert, dass Schwestern, die im Krankenhaus gearbeitet ha­ben, sich in einen Arzt verliebt haben. Die sind dann ausgetreten. Früher haben wir bei solchen Situationen den Atem angehalten, mittlerweile ist das eine normale Geschichte geworden.

Was denkst du von Ordensschwestern, die aus der Kirche aussteigen?
Das toleriere ich. Jeder sollte sein Leben so leben können, wie es einem guttut.

Hast du dir schonmal ein anderes Leben gewünscht, zum Beispiel mit einem Partner und Kindern? Welche Gefühle kommen bei dieser Vorstellung in dir auf?
Ein Leben mit Mann und Kind konnte ich mir gut vorstellen und auch der Wunsch zu heiraten war von Zeit zu Zeit da, der Wille jedoch nicht. Ich wollte mein Leben mit Jesus führen. Ich kann aber sagen, dass ich während meiner Arbeit als Heimerzieherin oft mit Kindern in Berührung kam und ihnen eine große Liebe schenken konnte. Das hat einen guten Ausgleich gegeben.

Der Orden der Franziskaner:
Gegründet im Jahre 1181 vom heiligen Franz von Assisi, ist der Franziskanerorden einer der ersten Bettelorden in der Kirchenhistorie. Der Orden, dessen Mitglieder sich der Armut verpflichten, stellt die Armen und Ausgegrenzten in den Mittelpunkt ihres Wirkens. Dies zeigt sich bis heute an dem starken sozialen Engagement der Mitglieder, insbesondere in den Bereichen der Obdachlosen-, Kranken- und Heimerziehungspflege sowie der Seelsorge.
Weltweit sind auf allen Kontinenten insgesamt 13.507 FranziskanerInnen vertreten (Stand Dezember 2015). Der Großteil derer ist in Afrika und im mittleren Osten angesiedelt (12.210 Mitglieder), wo der Orden aktuell ein großes Wachstum erlebt. Nach Deutschland kamen die ersten Franziskaner im Jahr 1221. Heute leben hier circa 300 FranziskanerInnen in mehr als 35 Klöstern. Das durchschnittliche Alter liegt in Deutschland bei über 70 Jahren.

Wird über Sex oder Selbstbefriedigung gesprochen?
Früher wurde kaum oder auch gar nicht darüber gesprochen. Erst im Erzieherberuf habe ich erfahren, dass darüber geredet wurde und ich denke auch, dass das sehr wichtig ist.

Gibt es etwas, das du vermisst hast oder gerne erlebt hättest, was dir durch deinen Lebensweg nicht möglich war?
Im Kloster habe ich ein gesundes, offenes, menschliches Miteinander vermisst. Strenge Regeln und Satzungen waren oft grenzwertig, das muss ich sagen. Wir haben aber auch viel Spaß zusammen gehabt und ganz viel gelacht. Man darf nicht außer Acht lassen, dass es schon in den Sechzigern viele positive Veränderungen gab. Da ich immer sehr gerne getöpfert, modelliert und gemalt habe, war von der Ordensleitung angedacht, dass ich zur Kunsthochschule sollte. Ich hatte sogar schon die Zusage, aber das hat sich leider aufgrund von Personalmangel in der Heimerziehung zerschlagen. Trotzdem habe ich die Kunst immer geliebt und konnte mich wirklich gut ausleben, indem ich viel getöpfert habe.

Wie konntest du dir mit 19 Jahren bereits so sicher sein, dass du deinen jetzigen Lebensweg einschlagen möchtest? Was hat dich dazu bewegt oder was war der ausschlaggebende Einfluss?
Schon als Kind suchte ich die Nähe Gottes. Beten und singen war mir immer eine große Freude. Damit habe ich die Ängste, die der Krieg verbreitete, überwinden können. Es wurde sehr viel bombardiert und wir mussten häufig in den Luftschutzkeller, das war keine schöne Zeit. Damals lag bei uns im Schrank, unten tief in der Ecke, eine dicke alte Bibel. Und da es sonst kaum Bücher gab, habe ich mich darin immer sehr vertiefen können. Außerdem waren in der Bibel wunderschöne Bilder. Somit bin ich Jesus irgendwie auf die Spur gekommen. Und dann hatte ich wirklich eine tiefe Gotteserfahrung, die zu meinem Wunsch führte, in den Franziskaner-Orden einzutreten. Nach einem langen und intensiven Gespräch nahm mich die Ordensleitung auf.

Was war das genau für eine Gotteserfahrung?
Auf den Satz „Du bist mein geliebter Sohn“ aus dem Evangelium habe ich geantwortet: „Ich bin deine geliebte Tochter“. Das hat mich unfassbar frei gemacht und mich zum Eintritt in den Orden bewegt.

Wie war das Gefühl, dich zum ersten Mal in deiner Tracht zu zeigen?
Ich habe mich gerne in der Tracht gezeigt, so richtig stolz war ich da.

Dürfen Ordensmitglieder ins Solarium, zur Maniküre oder sich eine Wimpernverlängerung machen lassen? Falls nein, würdest du es gerne mal ausprobieren?
Wir dürfen natürlich ins Solarium und Saunen auch. Das, was der Gesundheit und Körperpflege dienlich und gut ist, ist erlaubt. Was Schminke betrifft: Ich bin da für Natürlichkeit. Ich bin ein Naturprotz. (lacht)

Wie denkst du über Homosexualität? Sollten homosexuelle Paare Kinder adoptieren dürfen?
Ich kenne gleichgeschlechtliche Paare - aufrichtige, gute Menschen. Mit einem Paar habe ich 15 Jahre lang zusammengearbeitet. Es ist bedauerlich, dass die Kirche gleichgeschlechtlichen Paaren den Segen verweigert. Das Antidiskriminierungsgesetz, nach dem niemand aufgrund der Herkunft, des Geschlechts, der Hautfarbe, Rasse oder sexueller Ausrichtung benachteiligt werden darf, hat die Kirche nicht wahrgenommen. Das ist sehr schade. Bei gleichgeschlechtlichen PartnerInnen, die eine liebevolle Ehe führen, sind Kinder gut aufgehoben. Kinder brauchen authentische, ehrliche Bezugspersonen, die immer für sie da sind und ich bin mir sicher, dass die sexuelle Orientierung dabei eine geringe Rolle spielt. Es ist dasselbe wie bei der Ehe zwischen Mann und Frau: da gibt es auch zerrüttete und kaputte Ehegemeinschaften, in diesen Familien sollten keine Kinder aufwachsen.

Gegen die Segnung homosexueller Paare hat sich die römische Kongregation im März 2021 ausgesprochen.

Hast du Missbrauchsfälle in deinem persönlichen Umfeld erlebt und wurden solche Vorkommnisse zur damaligen Zeit thematisiert?
Eigentlich war es kein Tabuthema, nein! Es wurde zu Hause und auch unter uns Mädchen darüber gesprochen. Es hat auch Lehrer in unserem Umfeld gegeben, die Missbrauch begingen. Das war einfach ein Kavaliersdelikt – konnten sie ja machen. Für uns war das einfach so. Dieses Unrecht ist sehr erschreckend. Ich weiß noch, dass eine Nachbarsfrau mal gesagt hat: „Was da passiert, das schreit zum Himmel.” Und erst jetzt weiß man, was für Schäden dadurch bei jungen Frauen entstanden sind.

Ist dir selbst schon einmal so etwas passiert?
Ja, mir ist das passiert. Leider. Das ist aber nicht im Zusammenhang mit der Kirche gewesen. Die Kirche hat mir im Umgang damit sehr geholfen.

In der katholischen Kirche dürfen Frauen keine Weiheämter übernehmen. Wie ist deine Meinung dazu?
Die Frauen in der Bibel haben einen hohen Stellenwert. Sie standen am Grabe Jesu und hielten die Tragödie aus, sie flohen nicht. Sie sind aus Liebe zu seinem Grabe gegangen, um ihn zu salben. Jesus zeigte sich Maria und gab ihr den Auftrag, den Jüngern seine Auferstehung zu verkünden. Wir werden als katholische Kirche nicht daran vorbeikommen, das Weiheamt auch Frauen zu öffnen.

Ist die wachsende Anzahl von Kirchenaustritten in den vergangenen Jahren für dich nachzuvollziehen?
Ja, die Kirche wird gesiebt. Wir leben in einer Welt mit vielen Veränderungen und Krisen, vielen Herausforderungen. Natürlich entstehen mit diesen Veränderungen auch Irrwege, die Kirche ist da nicht ausgenommen. Die Austritte sind schmerzlich. Wer nur Mitglied ist, sollte die Kirche verlassen. Wer sich einbringt und weiß, dass wir Kirche sind, der bleibt um Jesu Willen.

542.771 Kirchenaustritte gab es in Deutschland im Jahr 2019. Verzeichnet sind 272.771 Austritte aus der katholischen und 270.000 aus der evangelischen Kirche.

Bereust du etwas in deinem Leben?
Ich glaube schon, dass ich manchmal zu viel gearbeitet habe und manchmal zu wenig an mich gedacht habe.

Du gehst mittlerweile auf die 90 zu – was ist das Wichtigste, das du in deinem Leben gelernt hast und was würdest du jungen Menschen mit auf den Weg geben?
Ich glaube, das Wichtigste ist im Leben, dass man nicht so sehr bei sich hängen bleiben darf. Dass man versuchen muss, ein Leben der Nächstenliebe zu lieben. Man sollte sich auch nicht zu stark von den Sorgen des Alltags lähmen lassen. Und ich kann jedem, der sich im Leben in einer Sackgasse befindet, empfehlen, die Bibel zur Hand zu nehmen. Da sind wahre Lebensschätze drin. Was noch ganz wichtig ist: auf keinen Fall sollten die Menschen am Rande der Gesellschaft vergessen werden.