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Leben und Gesellschaft - Religion, Islam, Atheismus Mama, Papa, ich bin nicht religiös

Wir sind unter euch. Sitzen in der Bahn neben euch. Stehen hinter euch in der Schlange im Supermarkt. Wir sind Muslime, die genau das eigentlich nicht sind: muslimisch. Das ist meine Geschichte.

Das ständige Umschauen, wenn man etwas Verbotenes tut. Sieht mich jemand? (Quelle: Finn Scheunert)

„Wissen deine Freunde nicht, dass du keinen Alkohol trinkst?“, fragt mich meine Mutter, als sie mir das Entschuldigungsgeschenk eines Freundes, darunter eine Tafel Schokolade, ein Brief und ein Jägermeister in Miniformat, auf meinen Tisch legt. „Doch, klar wissen die das“, sage ich und lache verlegen. Meine Hände zittern, meine Stimme ist laut, unkontrolliert. Ich weiche ihren Blicken aus. Sie sitzt noch einige Minuten bei mir. Mustert mich. „Was willst du jetzt damit machen?“, fragt sie mich schließlich. Ich schaue die kleine Flasche an. „Ich schmeiß das nachher weg“, sage ich und gucke sie an. Als ich allein bin, stopfe ich den Jägermeister ganz nach hinten in den Schrank. Vielleicht für später.

Als Kind zweier Muslime in Deutschland aufzuwachsen, ist nicht nur einfach. Das bringt Probleme mit sich. Den Islam, die beiden verschiedenen Kulturen und mein Sozialleben unter einen Hut zu bringen, scheint mir in meiner Jugend zunächst schier unmöglich. Wie soll ich mich bei dem Chaos selbst finden und herausfinden wer ich bin? Wer ich sein will und das ohne Paranoia, ohne ständiges Umschauen, bevor ich etwas Neues ausprobiere, damit mich bloß niemand, der mich an den Pranger stellen könnte, sieht? Die ständige Angst im Nacken. Mit der Zeit entwickle ich eine Strategie: Lügen, die Wahrheit vertuschen und vor allem das sagen, was meine Eltern, Verwandten und Bekannten hören wollen. Lügen tue ich zuerst nur gelegentlich, später fast täglich. Ich mache wirklich alles Erdenkliche, um das Geheimnis ja nicht auffliegen zu lassen: Mama, Papa, ich bin nicht religiös.

Haram – eine Sünde nach der anderen

Ich weiß, ich bin nicht die Einzige, jedoch fühlte ich mich damit immer allein. Laut einer Studie des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge bezeichnen sich vier Prozent der jungen Muslime in Deutschland als ,,gar nicht gläubig“. Anstatt fünf Mal am Tag zu beten, wie es der Koran vorschreibt, und in die Moschee zu gehen, trinken sie Alkohol, gehen nachts in Clubs feiern und sammeln, wie viele andere Heranwachsende auch, sexuelle Erfahrungen ­– vor der Ehe. Das ist Haram. Sünde – eine nach der anderen. Zu diesen vier Prozent gehöre auch ich. Diejenigen, die sich immer noch verstecken müssen, da so eine Lebensweise in vielen Familien weder toleriert noch akzeptiert wird.

Ich wachse wie jedes andere muslimische Kind auf. Werde früh zum Arabisch-Unterricht geschickt, um meine Arabischkenntnisse zu verbessern und mehr über den Islam zu erfahren. Ich bin eine gute Schülerin. Kann immer gut folgen und habe alles verstanden – zumindest, wenn es um das Sprechen, Lesen und Schreiben ging. Beim Islamteil des Unterrichts sah es anders aus. Uns wurde beim Lesen des Korans aufgetragen, nichts, also wirklich nichts, zu hinterfragen. Es sei denn, es sind simple Verständnisfragen. Ich bin verwirrt. Die Erwachsenen erzählen uns doch sonst immer, dass es wichtig ist zu hinterfragen und hier wird es nicht mehr geduldet? Mit der Zeit will ich nicht mehr hingehen. Hab um mich getreten, geweint und geschrien, wenn ich wusste, dass es wieder Zeit wurde hinzugehen. Meine Mutter willigt bald ein, unter der Bedingung zu Hause weiter zu lernen.

„Uns wurde beim Lesen des Korans aufgetragen, nichts zu hinterfragen.“

Die Religion begegnet mir immer wieder, oft ungewollt. In der Grundschule durfte ich am Anfang einige Zeit lang nicht am Sportunterricht teilnehmen, da die Umkleiden gemischt waren. Ein paar andere muslimische Mitschülerinnen und ich sollen währenddessen die ganze Zeit Matheaufgaben bearbeiten. Wahrscheinlich kommt davon mein heutiger Hass auf dieses Fach und alles, was mit Zahlen zu tun hat. Anstatt weiter an Werte und Normen teilzunehmen, führt meine Schule alternativ auch den Islamunterricht ein. Ich bin fleißig und melde mich oft. Am Ende des Jahres gehe ich sogar mit einer Urkunde nach Hause, worüber sich meine Eltern tierisch freuen.

Innere Kämpfe

Mit dem Alter werde ich neugieriger. Ich fange an, offen mit meiner Mutter über meine Fragen zu reden. Warum werden Schafe geopfert und warum steht im Koran, dass Frauen nur die Hälfte von dem erben, was Männer erben? „Sie kümmern sich um die Familie“, ist ihre Antwort. „Das kann die Frau doch auch? Das ist nicht gerecht“, sage ich. „So steht es im Koran.“ So endet fast jede Diskussion.

Mit dem Frauenbild des Islams und der Kultur habe ich ein enormes Problem. Ich finde es altmodisch und unsinnig, vor allem in der heutigen Zeit. Männer erben mehr, sie dürfen interreligiöse Ehen eingehen, sogar Gewalt gegen Frauen wird im Koran gebilligt (Sure 4, Vers 34: Und diejenigen, deren Widersetzlichkeit ihr befürchtet, – ermahnt sie, meidet sie im Ehebett und schlagt sie.). Mir wird eingetrichtert, dass die Frauen nicht mehr sind als der Besitz des Mannes. Sie sollen den Haushalt schmeißen, sich um die Erziehung der Kinder kümmern, ihren Ehemännern, ohne Wenn und Aber, gehorchen, sich angemessen kleiden und verhalten. Für meinen Onkel war es schon schlimm genug, dass ich Nagellack auftrug. Es gab als Frau eines zu beachten: Bloß nicht auffallen und Ärger machen. Das konnte und wollte ich so nicht hinnehmen, denn ich bin in einem Land aufgewachsen, in dem die Frau emanzipiert ist und eigene, selbstbestimmte Entscheidungen treffen kann. Sie keinem Mann unterworfen ist, anziehen und machen kann, was sie will, ohne dafür verurteilt zu werden.

Nach diesem Leben sehne ich mich. Eines ohne Vorschriften und Einschränkungen. Ich genieße meine Freiheit. Jedoch hat sie ihren Preis. Ich kann unmöglich zu meinen Eltern gehen und ihnen sagen, dass ich das tun möchte, was mir die Religion verbietet. Dass ihre Erziehung bei mir nicht den gewünschten Effekt hatte: ehrfürchtig zu leben. So hat alles schließlich angefangen: mit dem Lügen, dem Heimlichtun. Die Wahrheit konnte ich ihnen einfach nicht sagen. Dass ich mit meinen deutschen Freunden feiern ging und durch die Nächte tanzte, Alkohol trank, auf Dates ging. Gewissensbisse, innere Kämpfe. Darf ich das? Mache ich das Richtige, lohnt sich das? Will ich diese Person sein? Was würde passieren, wenn es ans Licht kommt? Und bin ich bereit, alles aufs Spiel zu setzen?

Nach diesem Leben sehnte ich mich“

Reden kann ich mit keinem. Meine Freunde kann ich nicht fragen, da sie nicht in meinen Schuhen stecken. „Warum wissen das deine Eltern nicht? Sag‘s ihnen doch einfach. So schlimm ist es nicht.“ Hätte ich die Absicht gehabt, meiner Mutter einen Herzinfarkt zu verpassen, dann sicherlich, jedoch wollte ich niemandem und erst recht nicht meiner Mutter das Gefühl geben, in ihrer Erziehung versagt zu haben. Natürlich hatte sie das nicht, nicht mal ansatzweise, aber so wie ich meine Mutter kannte, wäre das höchstwahrscheinlich ihr erster und einziger Gedanke gewesen. Ob es jemanden gab, der in der genau gleichen Situation gefangen war? Ich kannte niemanden. Darüber redet ja kaum jemand. Niemand wollte sich als ungläubig outen. Warum auch? Es bringt mehr Risiken als Vorteile. Wenn man Glück hat, findet man tief im Internet Chatforen, in denen Einzelne darüber sprechen, die dort Rat suchten und ihre Erfahrungen teilten. Natürlich alles anonym, ohne etwas über sich zu verraten. Man fühlt sich schon beim Tippen ertappt.

Die Schuld trägt man ein Leben lang

Zu groß ist die Angst davor, dass jemand darauf stoßen könnte. Angst vor der Reaktion der Familie und der Bekannten, vor schrägen Blicken, üblen Nachreden und Ausgrenzung, weil man Schande über die Familie bringt. Und als wäre das nicht genug, haben Frauen noch mehr hinzunehmen. Denn anscheinend tragen diese die ganze Verantwortung für das gesellschaftliche Ansehen der Familie. Während bei Jungen oft ein Auge zugedrückt wird, geht die Welt unter, sollte ein Mädchen wagen etwas zu tun, was nicht in das Bild des braven muslimischen Töchterchens passt. Oft werden sie dann von der Außenwelt abgeschottet, bis sie gelernt haben, dass sie nichts tun dürfen, was auch nur annähernd dazu führen könnte, dass andere Menschen auch nur ein schlechtes Wort über sie verlieren.

Von ihnen kommt der größte Druck. Und da für fast alle die Familie an erster Stelle steht, entscheiden sich genau deswegen viele für das versteckte Leben, unterdrücken es gar und versuchen ihr Bestes: Jemand zu sein, der sie nicht sind. Wer möchte schon riskieren, sie bloßzustellen und zu verlieren? Und tut es doch jemand, trägt man die Schuld ein Leben lang mit sich rum. Viele unterschätzen den enormen familiären und sozialen Druck, der auf unseren Schultern lastet. ,,Du bist in Deutschland. Du darfst tun und machen, was du willst. Niemand kann dich dafür bestrafen.“ Man kann. Von anderen Menschen verurteilt zu werden, moralisch verdammt, ist eine Bestrafung. Auf Unverständnis zu treffen und mit Ausgrenzung konfrontiert zu sein, ist eine Bestrafung. Genauso wie sich verstecken zu müssen. Da ist das Dilemma. Wofür man sich auch entscheidet, man kann nicht gewinnen. Wie man es dreht und wendet, es gibt keine Lösung, mit der alle Betroffenen zufriedengestellt werden könnten. So ist es. Noch. Vielleicht wird es irgendwann mal möglich sein, ehrlich zu sich selbst zu sein und das ohne schlechtes Gewissen. Mit der Unterstützung, oder wenigstens der Toleranz der eigenen Familie. Vielleicht ist es nur Wunschdenken meinerseits, aber ein Hoffnungsschimmer, so klein er auch sein mag, ist besser als nichts.