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Leben und Gesellschaft - Basketball, Sport, Randsport Lasst den Korb nicht hängen

Weltweilt spielen oder verfolgen knapp 800 Millionen Menschen Basketball. In Deutschland ist das Interesse am Basketball im Vergleich zu anderen Ländern aber eher gering. Fußball beherrscht die nationale Aufmerksamkeit und lässt Randsportarten kaum Platz, sowohl am Bildschirm als auch auf den Freiflächen.

Immer mehr Basketballplätze in Deutschland verkommen. Dabei braucht es nicht viel, um sie wiederherzurichten. (Quelle: iStock)

Links, rechts, beide Arme hoch, die rechte Hand klappt nach vorne, Wurf, Treffer. Die kleine Berührung des Balls mit dem Metallring schallt noch kurz nach, als er sofort vom Asphalt aufgehoben wird. Links, rechts, Fehlwurf. Den ganzen Tag steht sie dort auf dem einzigen Freiplatz weit und breit. Sie trägt viele Namen. Sie könnte jeder Basketballer auf Deutschlands Straßen sein. Manchmal findet sich ein Junge aus der Nachbarschaft, um ein Eins-gegen-Eins zu spielen. Nebenan auf dem mit neuem Kunstrasen ausgestatteten Fußballplatz ist lautes Geschrei, ein Dutzend Jugendlicher stürmen dem Ball hinterher. Sie denkt nicht weiter nach, sondern wirft weiter auf den Korb, den die Zeit schon schwer gezeichnet hat. Die Schrauben, die den Ring am Brett halten, haben bereits viele Jahre hinter sich. Der Ball kommt ungünstig auf, der Ring fällt klirrend herunter. Sie stapft enttäuscht nach Hause und meldet den kaputten Korb bei der Stadt. Mittlerweile wurde der Ring mitgenommen, aber noch kein neuer montiert. Ändern wird sich das nicht. Sie muss von nun an mit dem Zug fahren, um ihrer Leidenschaft, dem Basketballspielen, zu folgen.

Basketball in Deutschland

Fußball ist der Sport-Primus in der Bundesrepublik. Schaltet man den Fernseher ein und will Sport schauen, landet man meistens beim Fußball. Wenn es kälter wird, steht der Wintersport noch hoch im Kurs. Beide Sportarten machen circa 50 Prozent der Übertragungen in Deutschland aus. Anderer Sport muss hintenanstehen oder wird gar nicht erst gezeigt. Meistens muss der bekennende Anhänger von Randsportarten den Weg ins Internet wählen oder Abonnement von Pay-TV-Sendern werden. Basketball ist hierbei keine Ausnahme. In jeder 300. Stunde der deutschen Sportübertragung sieht man ihn in irgendeiner Form. Im Free-TV beschränkt sich das auf die Olympischen Spiele. Dass damit Menschen auf den Plan gerufen werden, die sich dadurch mehr für den Sport interessieren, ist sehr unwahrscheinlich. So bleiben Interessierte meist unter sich. Paul Gudde, der als Basketballcoach bereits mit einigen NBA-Spielern zusammenarbeitete, sieht ebenfalls einen starken Wandel in den letzten Jahren: „Vor 20 Jahren gab es die NBA noch im Free-TV. So sind viele andere und ich damals am Basketball hängen geblieben. Diese Möglichkeit gibt es für den deutschen Basketball und auch für die NBA derzeit nicht.“ Für die, die bereits Fans sind, sei das Angebot zwar konstant besser geworden, dafür müsse jedoch Geld in die Hand genommen werden, um ein Abo abzuschließen. Er wünscht sich, dass in Zukunft auch vermehrt ein Publikum angesprochen wird, das noch nicht mit Basketball vertraut ist. Dabei sind auch die Städte und Kommunen in der Pflicht, mehr Möglichkeiten zu schaffen.

Der Bau und die Sanierung von Freiplätzen ist in Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern dürftig. Dabei bedarf es nicht viel Aufwand, einen bespielbaren Platz zu errichten. „Dass die Körbe auf der richtigen Höhe hängen und auf dem Boden kein Gras oder Asche ist, reicht schon. Deutschland ist leider spezialisiert darin, Freiplätze ohne Sinn zu bauen“, so Gudde. Wenn man dann einen der seltenen Plätze gefunden hat, kann man jedoch kaum vernünftig spielen. Kaputte Bretter, zerrissene Netze, umgefallene Körbe. Viele Basketballfelder geben kein schönes Bild ab. Sie werden teils durch Vandalismus verwüstet und die Körbe durch die zuständigen Behörden demontiert. Neu aufgebaut werden sie danach meistens nicht. So verlieren Jugendliche immer mehr Chancen, Basketball zu spielen und dadurch an die frische Luft zu gehen.

In der Stadt Salzgitter gibt es nicht einmal eine Handvoll Freiplätze. Und diese liegen auch noch alle im selben Stadtteil. Allerdings sind genau diese Plätze der einzige Ort zum Basketballspielen in der Freizeit. Vereine und Schulen stellen ihre räumlichen Angebote für Außenstehende häufig nicht zur Verfügung. Doch warum zeigen die Zuständigen so wenig Interesse daran, mehr Möglichkeiten zu schaffen? Immerhin steigen die Mitgliederzahlen des Deutschen Basketball Bunds (DBB) seit 2015 kontinuierlich an. Statistiken belegen, dass das Interesse an Basketball in Deutschland ansteigt. Dennoch ist Basketball bis heute keine weit verbreitete Sportart. Mehr als ein Dutzend Sportverbände haben mehr Mitglieder als der DBB. Hinzu kommt, dass es ohne Vereinszugehörigkeit oft nicht möglich ist, den Sport auszuüben. In anderen Ländern, wie den USA, bieten Schulen nach dem Unterricht die Möglichkeit, das Basketballfeld zu benutzen. Und den Luxus, einen Freiplatz ohne Suche bei Google Maps zu finden, gibt es in Deutschland nicht. Dabei zeigt vor allem das Spielen auf der Straße, in den USA als Playground Basketball bekannt, viel Potenzial, Jugendliche in den Bann zu ziehen.

Im Vergleich ist Deutschland noch Entwicklungsland

Ausreichend körperliche Bewegung ist besonders für Heranwachsende wichtig. Sie kann Übergewicht verhindern und stärkt die Konzentrationsfähigkeit. Das Bundesgesundheitsministerium beschreibt, dass körperliche Aktivität sowohl geistige als auch physische Merkmale eines Menschen verbessert. Die Knochengesundheit und die Blutdruckwerte können längerfristig positiv beeinflusst werden. Gleichzeitig ist aber auch ein Anstieg des Selbstwertgefühls zu beobachten. Allerdings haben Jugendliche nicht immer die Möglichkeit, sich sportlich zu betätigen. Auf dem Land hat man genug Platz zum ausufernden Laufen oder Radfahren. In der Stadt gibt es diesen Platz meist nur begrenzt. Dafür findet man dort oft mehr Spiel- und Sportplätze. Diese sind in Dörfern rar. Auch kleinere Städte bieten teilweise nicht genug Gelegenheiten, sich auszupowern. Laut Gudde ist auch das ein Grund für den fehlenden Basketball-Boom in Deutschland. „In anderen Ländern, zum Beispiel in Kroatien oder Frankreich, ist eine ganz andere Infrastruktur vorhanden. Da gibt es deutlich mehr Freiplätze. Dort haben auch die Profis ihre Basics gelernt und sind mit der Streetball-Kultur vertraut. Das fehlt in Deutschland komplett.“ Gudde ist der Ansicht, dass in Deutschland der Vereinssport stark im Vordergrund steht. „Je mehr Möglichkeiten es gäbe, Basketball in seiner Freizeit draußen zu spielen, desto mehr wird es von der Gesellschaft angenommen. So kommen Kinder auf die Idee, einen Ball in die Hand zu nehmen. Wenn man das weder draußen, noch im Fernsehen sehen kann, ist es schwer neue Zielgruppen zu erschließen.“ Dabei hat der Sport im Freien noch viel mehr Vorteile.

Basketball auf der Straße bietet Jugendlichen nicht nur sportliche Aspekte. Laut dem DBB ist es mehr als nur Sport an der frischen Luft. Inzwischen habe es sich als Teil der Jugendkultur etabliert und stärkt bei Spielern soziale Kompetenzen. Probleme wie Drogenmissbrauch, Rassismus oder Gewalt sollen beim Spielen kein Thema sein. Jeder kann einen Ball in einen Korb werfen. Dabei ist es egal, wo man herkommt oder welche Hautfarbe man hat. Außerdem ist eine Vereinsmitgliedschaft nicht für jede Familie möglich. Sozial schwache Personen können die Kosten möglicherweise nicht tragen. Diese beschränken sich nicht nur auf die Mitgliedskosten, sondern erweitern sich auf Fahrkosten und Geld für Ausrüstung. Beim Spielen auf der Straße ist deutlich günstiger. Der DBB spricht vor allem davon, dass junge Menschen Toleranz sowie Konflikt- und Frustrationsbewältigung auf dem Freiplatz erlernen können. Gleichzeitig sind diese Orte auch ein Angebot für Mädchen und Frauen. Immerhin ist jedes vierte Mitglied im DBB weiblich. Zum Vergleich: Im Deutschen Fußball-Bund nur jedes zehnte.

Das Licht am Ende des Tunnels

Sport wird in Deutschland umfangreich subventioniert. Diese Verteilung von Fördermitteln richtet sich jedoch nicht nach der Beliebtheit des Sports oder der aktiven SportlerInnen. So erhielten beispielsweise der Deutsche Fechter-Bund und der Deutsche Hockey-Bund jeweils knapp drei Milliarden Euro Fördergelder im Jahr 2019. Der DBB erhielt im Vergleich knapp ein Drittel dieser Summe. Und das, obwohl er knapp doppelt so viele Mitglieder hat, wie die beiden Sportverbände zusammen.

Basketball zu subventionieren könnte eine Möglichkeit sein, den Sport beliebter zu machen. Für Amateurvereine wäre es einfacher, Trainer und Ausstattung zu bezahlen und so attraktiver für neue Mitglieder zu werden. Zudem würde es helfen, wenn Gemeinden und Bund mehr Geld in die Instandhaltung von Freiplätzen investieren würden. Damit wäre auch dem Problem der fehlenden Bewegung von Kindern und Jugendlichen ein Stück weit geholfen.

In Österreich beschwert sich der dort ansässige Basketball-Verband (ÖVB) schon längst über eine ungerechte Ausschüttung von Fördergeldern. Im Nachbarland soll vor allem das neue Spielkonzept „Drei gegen Drei“ dabei helfen, den Sport mehr in den Fokus zu rücken. Dieses wird bereits bei der nächsten Sommerolympiade in Tokio olympisch vertreten sein. Bei diesem Format wird nur auf einen Korb gespielt und die Zeit, die eine Mannschaft für einen Angriff besitzt, halbiert. Damit soll es auch für den Basketball auf der Straße geeignet sein, schreibt der DBB. Man besinne sich so auf die Anfangszeit des Basketballs, bei der ebenfalls nach Möglichkeiten gesucht wurde, den Sport im Freien zu betreiben. Auch in Deutschland plant der Verband, die Popularität von Basketball dadurch zu steigern. Denn „Drei gegen Drei“ lässt sich überall spielen, nicht nur in der Halle. Man benötigt dafür nur sechs Mitspieler, anstatt zehn wie beim regulären Basketball. Zudem wird nur ein Korb benötigt. Die Anforderungen sind also deutlich leichter und ein vernünftiges Spiel einfacher möglich.

Auch die deutschen Profivereine aus der Basketball-Bundesliga haben erkannt, dass sie eine Begeisterung für den Sport bereits früh bei Kindern entwickeln können. So nimmt Alba Berlin beispielsweise viel Geld in die Hand, um die Nachwuchsförderung zu unterstützen. Das umfasst auch, dass Jugendtrainer fest angestellt sind und Geld verdienen. Viele Profis kommen heutzutage aus dem Jugendprogrammen. Andere Vereine wollen diesem Modell folgen und die Beliebtheit des Sports in Deutschland nachhaltig steigern. Ohne die Initiative von Behörden oder freiwilligen Sponsoren, die Infrastruktur für Basketball zu steigern, ist es fraglich, ob dieser Weg erfolgreich ist.

 

Der Weltbasketballverband Federation Internationale de Basketball (FIBA) zählt rund 450 Millionen aktiv spielende Basketballer. Schafft man es als Spieler in die US-amerikanische Profiliga, die NBA, winken Jahresgehälter in Millionenhöhe. Selbst gestandene Fußballspieler in der Bundesliga können da kaum mithalten. Stephen Curry von den Golden State Warriors verdient beispielsweise circa 40 Millionen Euro pro Jahr. Dies geht aus einem Bericht des Portals Spox hervor. Basketball ist Nationalsport in den Vereinigten Staaten. Neben der National Football League und der Major League Baseball ist die NBA die größte Profisport-Liga des Landes. Das liegt unter anderem daran, dass Kinder bereits in der Schule an den Sport herangeführt werden. In der Saison 2018/2019 spielten knapp eine Million High-School-Schüler Basketball.