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Leben und Gesellschaft - Methadon Kann Geld mehr bedeuten als ein Menschenleben?

Ja, ein Mensch mit der Diagnose Krebs im Endstadium darf auf ein Wundermittel hoffen. Denn ein solches Wundermittel wurde möglicherweise mit dem Medikament Methadon gefunden. Ist das der Durchbruch in der Krebstherapie?

Methadon - eine Perspektive für KrebspatientInnen? (Quelle: Carolin Giesser)

Die durch die Medien angestoßene Aufmerksamkeit auf das Schmerz- und Drogensubstitutionsmittel Methadon sorgt nach wie vor für Gesprächsstoff. Seit rund zehn Jahren wird in Deutschland an einer unterstützenden und verstärkenden Wirkung von Methadon in der konventionellen Krebstherapie geforscht. Die Ulmer Forschungsgruppe um Dr. Claudia Friesen konnte 2008 diese Wirkung erstmalig an Leukämiezellen nachweisen: Sie starben durch Zugabe des Opiats ab. Daraufhin erhielt Friesen einen finanziellen Zuschuss von der deutschen Krebshilfe, um ihre Forschung fortzusetzen. Mithilfe dieser Fördermittel führte das Forscherteam eine Studie mit 24 Hirntumor-PatientInnen durch, bei denen die Ergebnisse positiv ausfielen. Zwei der Patienten waren nach einem halben Jahr komplett tumorfrei.

Die deutsche Krebshilfe und das Uniklinikum Ulm erklärten daraufhin in einer öffentlichen Pressemitteilung, dass in Zukunft nun auch Hirntumore geheilt werden könnten. Jedoch folgten entgegen dieser positiven Aussichten keine weiteren Fördergelder. Im Gegenteil: die Studien von Friesen wurden eingefroren. Dem setzten sich die ForscherInnen jedoch entgegen und gingen mit folgenden Forschungsergebnissen an die Öffentlichkeit: von 27 Hirntumor-Patienten erlitten lediglich neun Patienten einen Rückfall. Alle nahmen zusätzlich zur Chemotherapie Methadon ein. Damit war die Diskussion sowohl in der Expertenwelt als auch auf Seiten der PatientInnen eröffnet.

Bei der Jahrestagung der deutschen Gesellschaft für Hämatologie votierten die über 1.000 anwesenden MedizinerInnen und ForscherInnen gegen Methadon als potentielles Krebsmedikament. Die Begründung: Es mangele an wissenschaftlichen Nachweisen, es gäbe zu wenig Fallzahlen und die Nebenwirkungen seien zu gefährlich.

Keine falschen Hoffnungen machen?


Diese Worte hört und liest man immer wieder im kritischen Gegenlager. Die Patienten hingegen, die aufgrund dieser Ergebnisse Hoffnungen geschöpft haben, können es nicht verstehen. Warum ist das Medikament, welches in der Drogensubstitution zum zehn- bis 20-fachen eingesetzt wird, plötzlich so gefährlich? Dann, wenn es möglicherweise Krebs heilen und Menschenleben retten könnte.

In Spezialistenkreisen heißt es dazu, dass man davor warnt, falsche Vorstellungen von der Wirkung des Methadons zu vermitteln. Die Angst, dass die PatientInnen gut etablierte Therapiemethoden ablehnen würden, nur weil sie auf ein Wundermittel hoffen, sei zu groß. Gut etablierte Therapiemethoden? Stellt sich hier nicht eher die Frage, ob an dieser Stelle nicht deutlich lukrativere Therapien für die Pharmaindustrie gemeint sind? Sieht man sich hierzu die in den letzten zehn Jahren neu erforschten Krebsmedikamente an, verlängerten lediglich 20 von 30 die Lebenszeit um vier bis sechs Wochen. Die Jahreskosten: 30.000 bis 200.000 Euro. Die Kosten für Methadon bei einer Anwendungsperiode belaufen sich hingegen auf gerade einmal rund 24 Euro.

Das Profit-Problem


Nicht nur der finanzielle Aspekt spricht hier für sich, auch die einfache Einnahme stellt für PatientInnen keine Hürde dar. Bislang wird das Schmerzmittel in Tropfenform verabreicht. Gerade in der Palliativmedizin kommt es den PatientInnen zu Gute. In einem Hospiz bei Iserloch konnte der Leiter nach 20-jähriger Erfahrung Folgendes feststellen: Die 3.000 PatientInnen, denen er bei Tumorschmerzen Methadon verabreichte, lebten deutlich länger, als es die Diagnose zugestand. Bloßer Zufall oder besteht da tatsächlich ein Zusammenhang zwischen der Einnahme von Methadon und dem veränderten Krankheitsverlauf? Ja, in diesem Punkt muss der Fachwelt Recht gegeben werden. Um eine solche Wirksamkeit von Methadon, die sich bislang nur auf einige Fallbeispiele und Tests mit Laborratten stützt, großflächig medizinisch anzuerkennen, bedarf es evidenzbasierten klinischen Studien. Diese lassen sich jedoch nur durch Forschungsgelder realisieren. Gelder, die den Forschungsteams bis heute verwehrt bleiben.

Muss hier von einem Interessenkonflikt ausgegangen werden? Zum einen bemüht man sich in der Krebsforschung, stetig neue Therapiestrategien zu entwickeln, andererseits scheint die Erforschung eines bereits geführten Medikaments eine Herausforderung darzustellen. Offensichtlich könnte die Pharmaindustrie mit einem großflächigen Einsatz von Methadon in der Krebstherapie nicht so viel Profit wie mit kostenintensiveren Methoden machen.

Übelkeit oder den Krebs besiegen?


In sämtlichen Stellungnahmen von Fachgesellschaften und Institutionen werden die Forschungen von Friesen wahrgenommen, aber auch hier heißt es wieder, dass ein positiver Therapieerfolg ohne ausreichend fundierte Belege nicht mit Methadon in Verbindung gebracht werden sollte. Oft wird im selben Atemzug auf die Nebenwirkungen verwiesen, welche Müdigkeit, Übelkeit, Benommenheit und selten Verstopfungen sein können. Muss an dieser Stelle tatsächlich darüber nachgedacht werden, wofür sich der oder die KrebspatientIn mit einer geschätzten Restlebenszeit von sechs Monaten entscheiden wird? Für die möglichen Nebenwirkungen, die auch in einem ähnlichen Ausmaß bei der Einnahme einer Paracetamol-Tablette eintreten könnten oder für ein mögliches Ende im Kampf gegen den Krebs? Die Antwort liegt wohl auf der Hand: Natürlich entscheiden sich die PatientInnen für die Variante, die ihnen ein längeres Leben ermöglichen könnte.

Aber auch hier muss gesagt sein, dass die ExpertInnen zurecht vor falschen Hoffnungen warnen und davon absehen, ihren PatientInnen das Medikament für diesen Gebrauch zu verschreiben. Bislang wird Methadon in der Krebstherapie im Off-Label-Use, also außerhalb des zugelassenen Gebrauchs, vom Arzt verschrieben. Folglich haftet der oder die MedizinerIn. Verständlich, dass sich die Ärzte absichern wollen – schließlich geht es um ein Menschenleben. Geht es aber nicht in der gesamten Debatte – Methadon gegen Krebs – um viele Menschenleben? Um Männer, Frauen und Kinder, die gerettet werden könnten? Ja, genau um diese Menschenleben geht es und deswegen sollten die Pharmaindustrie, die Ärzte und ForscherInnen im Sinne der Patienten zusammen und nicht gegeneinander arbeiten.