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Leben und Gesellschaft - Schulden Jeder zehnte Deutsche steckt im Schuldensumpf

Die Zahl der verschuldeten Deutschen steigt seit Jahren. Doch was heißt Überschuldung überhaupt, und wer ist davon betroffen? Lena Kolhosser erklärt, wie es zu Überschuldung kommt und wo Betroffene Hilfe bekommen.

Jeder zehnte Deutsche ist verschuldet. (Quelle: Pixabay)

Wer kennt es nicht: Der Monat ist noch lange nicht zu Ende, aber auf dem Konto herrscht schon gähnende Leere. Ein Problem, das gerade jungen Leuten nur zu bekannt vorkommen dürfte. Für viele Menschen ist dies aber ein dauerhaftes Problem, denn jeder zehnte Einwohner in Deutschland ist verschuldet.

Dies ergab die diesjährige Auswertung der Firma Creditreform, die jedes Jahr den SchuldnerAtlas für die Bundesrepublik veröffentlicht. Im Vergleich zum Vorjahr sank die Überschuldungsquote zwar leicht, auf jetzt 10,04 Prozent (Stand 01.10.2017). Die Zahl der verschuldeten Deutschen stieg aber trotzdem an. Die Überschuldungsquote drückt die Anzahl der überschulden Personen, im Verhältnis zu den volljährigen Personen der Bevölkerung (nicht der Gesamtbevölkerung), in Prozent aus. Unter anderem durch Zuwanderung konnte die Quote sinken, die Anzahl aber trotzdem steigen. Damit sind 6,91 Millionen, der 68,83 Millionen volljährigen Einwohner von Deutschland, verschuldet.

Zum vierten Mal in Folge ist die Verschuldung der Bevölkerung der Bundesrepublik Deutschland gestiegen. Verglichen werden im SchuldnerAtlas die Zahlen der letzten 13 Jahre. In den vergangenen Jahren gab es immer wieder ein auf und ab der Anzahl an überschuldeten Personen. Das Jahr 2007 war mit 7,34 Millionen Betroffenen das Jahr mit dem höchsten Wert der letzten 13 Jahre, was auch an der Finanzkrise gelegen haben dürfte. Im Jahr 2009 hingegen gab es nur etwa 6,19 Millionen Schuldner, was damit der tiefste Wert der letzten 13 Jahre ist. Obwohl es in der Bevölkerung weniger Männer als Frauen gibt, sind deutlich mehr männliche als weibliche Einwohner verschuldet und auch in der geografischen Verteilung gibt es Unterschiede. Im Westen der Republik sind 5,79 Millionen Menschen betroffen, im Osten sind es 1,12 Millionen. Dabei fällt die Überschuldungsquote im Osten (10,42 Prozent), also in den neuen Bundesländern, höher aus als im Westen (9,97 Prozent). Das durchschnittliche Schuldenvolumen pro Person beträgt 30.200 Euro. Dies ist die geringste Summe der im SchuldnerAtlas verglichenen Zahlen der Jahre 2006 bis 2017.

Was passiert, wenn man in die Schuldenfalle tappt?

So viel zu den Fakten, doch was genau sind die Gründe dafür, dass Menschen verschuldet sind? Was muss passieren, damit man in die Schuldenfalle tappt und was ist das eigentlich genau? Die Interessengemeinschaft Sozialrecht e.V. aus Berlin, definiert Überschuldung und Schuldenfalle folgendermaßen: „Wenn ein Schuldner nicht mehr pünktlich seinen finanziellen Verbindlichkeiten nachkommen kann, dann wird von einer Überschuldung gesprochen.“ Wenn die Ausgaben dann noch die Einnahmen übersteigen, zu den schon vorhandenen Schulden Zinsen und eventuell Zinseszinsen kommen und dadurch die Belastung immer höher wird, dann wird von der sogenannten Schuldenfalle gesprochen.

Gründe für eine Verschuldung gibt es sehr viele und auch ganz unterschiedliche. Der wichtigste Grund ist und bleibt laut SchuldnerAltlas allerdings, trotz sinkender Arbeitslosenzahlen, die Erwerbslosigkeit. Das sieht auch Ulrike Taige, von der Schuldnerberatung der Stadt Salzgitter so. Bei den jüngeren Altersgruppen sieht sie auch einen mangelnden Schulabschluss oder berufliche Qualifikation als Problem, da die Leute dadurch keinen Einstieg in das Berufsleben finden. Durch geringfügige Arbeiten und einen eventuellen Verdienst von knapp 1000 Euro pro Monat könne man nun mal keine großen Sprünge machen. Wenn die jungen Leute dann noch teure Konsumgüterwünsche haben und über ihre Verhältnisse leben, kann das mit der Überschuldung, laut der Interessengemeinschaft Sozialrecht e.V., ganz schnell gehen.

Doch die Arbeitslosigkeit ist nicht der einzige Grund. Unter den fünf wichtigsten Hauptverschuldungsgründen, die der SchuldnerAtlas ausmacht, sind auch Trennung, Scheidung und Tod, Erkrankung. Weite Gründe sind Sucht oder ein Unfall, eine unwirtschaftliche Haushaltsführung oder die gescheiterte Selbstständigkeit. „Wenn sich Ehepartner trennen und die Frau vielleicht nicht gearbeitet hat, dann muss Unterhalt gezahlt werden. Dann können Kredite nicht mehr bedient werden“, erklärt Taige. Aus der Praxis kennt sie aber auch durchaus Fälle, bei denen die Betroffenen ganz klar gesagt haben, dass sie einfach über ihre Verhältnisse gelebt haben. Ulrike Taige erzählt, dass auch ganz alltägliche Dinge, die wir alle kennen, dazu führen können den Überblick über seine finanzielle Situation zu verlieren.

Die Schuldnerberaterin warnt aber auch vor Bestellungen im Internet: „ Ich kann alles gleich bestellen und muss es nicht gleich bezahlen“, sagt sie. „Also die Verleitung mit dem Internet empfinden wir hier schon gerade bei den jüngeren Leuten, wesentlich höher als bei den älteren.“ Man darf aber auch laufende Kosten, wie ein Zeitungsabonnement oder die monatliche Fahrkarte nicht vergessen, die meistens wie selbstverständlich gezahlt werden. Ein weiterer Punkt ist, sich zu überlegen, wie viel Geld eventuell für das Rauchen - im wahrsten Sinne des Wortes - verbrannt wird oder ob man wirklich alle sechs Monate zur Kosmetikerin gehen muss. Durch Zahlung der kleinsten Beträge mit der EC-Karte verliert man schnell den Überblick und weiß nicht mehr, wo das Geld geblieben ist. Aber Kleinvieh macht eben auch Mist. „Schulden sind ja auch schon, wenn ich bei dem Energieversorger meine Jahresendabrechnung vielleicht nicht in einer Summe zahlen kann oder beim Vermieter eine Nebenkostenabrechnung“, macht die Schuldnerberaterin klar.

Hilfe am besten sofort holen

Wer in der Schuldenfalle sitzt, findet bei einer Schuldnerberatung Hilfe. Wie läuft so eine Beratung ab? Wie sieht der Alltag der Berater aus und welche Menschen kommen zu ihnen? Campus38 hat mit Ulrike Taige, einer Schuldnerberaterin der Stadt Salzgitter, darüber gesprochen.

Die meisten Schuldner sind laut dem SchuldnerAtlas der Firma Creditreform zwischen 30 und 39 Jahren alt. Das entspricht einem Anteil von 18,93 Prozent des Gesamtwertes. Am wenigsten betroffen ist die Altersgruppe ab 70 Jahren. Hier liegt der Anteil bei 1,50 Prozent, wobei dieser in den letzten fünf Jahren immer gestiegen ist. Das bestätigt auch die Schuldnerberaterin der Stadt Salzgitter. Für sie liegt die Dunkelziffer in dieser Altersgruppe aber deutlich höher. „Die Älteren trauen sich, denke ich, nicht“, sagt Taige. „Es gibt auch viele alte Leute, die verschuldet oder überschuldet sind, aber da ist der Prozentsatz relativ gering. Die haben noch eine andere Scham, zu sagen ich komme mit meinem Geld nicht klar, als die 21-Jährigen.“ Die zweitgrößte Schuldnergruppe sind die unter 30-Jährigen, ihr Anteil an der gesamten Schuldnerquote beträgt 14,06 Prozent.

Sollte man mal in die Situation geraten höhere Rechnungen, wie oben schon angesprochen, zum Beispiel vom Energieversorger oder Vermieter nicht zahlen zu können, hilft laut Frau Taige nur „Briefe aufmachen, ganz klar!“ und mit den Gläubigern in Kontakt zu treten. Aus Erfahrung weiß sie, dass die wenigsten sich quer stellen und nicht mit sich reden lassen würden. Man kann versuchen eine Ratenzahlung zu vereinbaren oder sich anders zu einigen. Es sollte aber nicht zu lange mit der Kontaktaufnahme gewartet werden. Kein Gläubiger freut sich, erst nach zehn Anschreiben und einem Besuch vom Gerichtsvollzieher von den Betroffenen zu hören. Auch sollte man nicht zu lange damit warten, eine Beratungsstelle aufzusuchen. „Also sich rühren und nicht warten, ja bis dann der Druck so groß ist und die Leute kriegen nirgendswo, wenn sie zu einer Beratungsstelle gehen, morgen einen Termin. Nirgendswo“, rät die Schuldenberaterin zur Terminvergabe bei Beratungsstellen.

So klappt der Finanzüberblick

Der Monat ist noch nicht vorbei, aber Portemonnaie und Konto sind schon leer? Wohin das ganze Geld verschwunden ist, ist nicht mehr nachvollziehbar? Diese vier Tipps helfen den Überblick über seine Finanzen nicht zu verlieren.

Hilfe können Betroffene bei den Beratungsstätten der Städte und Gemeinden, bei gemeinnützigen Organisationen, wie zum Beispiel der Caritas, bei Anwälten oder auch bei unabhängigen, meistens kostenpflichtigen Schuldnerberatungsstellen finden.

Der SchuldnerAtlas gibt auch einen kleinen Ausblick in die Zukunft. So wird davon ausgegangen, dass auch in Zukunft ein Rückgang der Überschuldung unwahrscheinlich ist und viele Betroffene weiterhin verschuldet bleiben. Er schlägt auch einige Maßnahmen vor, durch die die Schuldensituation in Deutschland angegangen werden sollte. Unter anderem wird dort der Aufbau zur Vollbeschäftigung genannt oder höhere Bildungsinvestitionen, damit die Finanzkompetenz der Bevölkerung gefördert wird. Gefordert wird aber auch eine stärkere politische Sensibilisierung für die Belange von überschuldeten Personen und eine Stärkung, beziehungsweise der Ausbau von Beratungsstellen, bei denen Betroffene Hilfe finden.