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Leben und Gesellschaft - Essen, Insekten Insekten gegen den Welthunger?

Seit der Novel-Food-Verordnung im Jahr 2018 ist die Vorstellung von Insekten auf dem Teller gar nicht mehr so unrealistisch. Was für viele bisher eher Ekel hervorgerufen hat, kann sich in Zukunft als nachhaltige Alternative etablieren.

Außergewöhnliche Delikatessen: gebratene Mehlwürmer (Quelle: Lisa-Marie Meyer)

Der Kellner hastet mit erhobenem Arm entlang der Restauranttische. Auf seinem Teller befinden sich frittierte Wüstenheuschrecken, gewürzt mit Thymianstängeln und Ingwer. Ein nussiger Geruch liegt in der Luft. Frittierte Maden, geröstete Schwarzkäferlarven oder gebratene Mittelmeergrillen – die Variationen sind dabei vielfältig ... Laut Welternährungsorganisation der Vereinten Nationen zählen 1.900 Insektenarten zur potenziellen Nahrung für Menschen. Frank Ochmann ist Koch und befasst sich bereits seit 16 Jahren mit der Verarbeitung von Insekten. Er ist der Überzeugung: „Eine Welt ohne Hunger durch Insekten ist möglich.“ Der Koch bezieht sich hierbei auf die Aussage des Bundesentwicklungsministeriums: „Um eine wachsende Weltbevölkerung mit geringerem Ressourcenverbrauch satt zu bekommen, können auch traditionelle Alternativen helfen.“ Gemeint sind damit die Insekten, welche in der Grünen Woche 2018 in der Halle des Entwicklungsministeriums angeboten wurden.

Ressourcenschonende Produktion

Fakt ist: Insekten liefern als Lebensmittel eine Reihe von Vorteilen. Vor allem enthalten sie jede Menge Proteine. Dabei sind die kleinen Krabbler äußerst freundlich zu unserer Umwelt. Für die gleiche Menge an Proteinen wie in Fleisch wird deutlich weniger Futter gebraucht. Zudem enthalten sie Nährstoffe wie Eisen, Kalzium, Zink, Vitamin B und ungesättigte Fettsäuren. Dies könnte es fortan jedem erleichtern, Mangelerscheinungen vorzubeugen. Der Wasserverbrauch von Insekten steht in keinem Verhältnis zu dem, was für die Produktion herkömmlichen Fleisches benötigt wird. In freier Wildnis ist ihr natürliches Habitat auf engem Raum. Umstritten ist, ob eine Massentierhaltung in diesem Sinne als ethisch vertretbar angesehen werden kann. Jedes Insekt hat individuelle Lebensumstände und variiert, was ihr Bedürfnis nach Raum, Wasser und Aufzucht angeht. Der Treibhauseffekt und die Klimaerwärmung sind ein aktuelles Problem. Die übliche Viehzucht produziert nach Studien des World Watch Institutes vom Jahr 2009 51 Prozent der Treibhausgase, die unsere Erde immer mehr erhitzen. Die Insektenzucht verspricht deutlich geringere Emissionen und schützt damit vor einer Verstärkung des Klimawandels.

Insekten und ihr Anspruch

Allerdings brauchen Insekten Wärme. Die Tierchen breiten sich nämlich erst bei einer Temperatur von 25 Grad Celsius großflächig aus. Das erfordert Energie. Ochmann merkt an, dass bedingt durch Außeneinflüsse der Befall von Pilzen und Bakterien möglich sei. Leiden die Insekten an Parasiten, ist eine Behandlung mit Medikamenten notwendig. Die angewendeten Medikamente nehmen die Verbraucher dann zwangsweise über die Nahrung auf. Der Insektenkoch merkt jedoch an, dass die Züchter Hygiene als sehr wichtig erachten. Die Zuchtplätze werden extra trocken, sowie der Arbeitsplatz samt Gerätschaften sauber und reingehalten.

Noch ungeklärt ist, ob Insekten bei der Tötung Schmerz empfinden. Züchter der zugelassenen Insekten befinden sich in Teilen Europas, wie zum Beispiel der Niederlande, der Schweiz und Deutschland. Eine Heuschrecke benötigt beispielsweise 14 Wochen zur Aufzucht. Seit der Novel-Food-Verordnung produzieren Unternehmen Insekten-Patties. Hierin werden neben Zwiebeln und Rapsöl zu einem Drittel Buffalowürmer verarbeitet. Zwei Patties werden bereits tiefgekühlt bei verschiedenen Supermarktketten für unter 6 Euro angeboten. Zu finden sind sie zudem in der überregional vertretenen Burger-Kette „Hans im Glück“. Der Grund für die hohen Kosten ist, dass die Produktion bislang noch in den Kinderschuhen steckt, während die Fleischindustrie bereits seit hunderten von Jahren existiert. Noch vor einigen Jahren war der Vegetarismus eine Seltenheit.

Heutzutage eröffnen Cafés, die ausschließlich vegetarische und vegane Kost anbieten. Noch ist es schwer, auf einfachem Weg an Maden und Co. heranzukommen. Außerdem sind die Krabbeltiere nicht gerade günstig. Doch sollte an diesen Problemen gefeilt werden, so besteht die Möglichkeit auf eine Eingliederung von Insekten in den herkömmlichen Lebensmittelmarkt. Hinsichtlich unserer ökologischen Zukunft können Insekten zu einer neuen Art von Nachhaltigkeit beitragen. Ein Wandel findet statt, wobei jedem selbst überlassen ist, ihn anzunehmen oder engstirnig vorbeiziehen zu lassen.

 

Novel-Food-Verordnung

Seit die in der gesamten EU-wirksame Novel-Food-Verordnung Gültigkeit besitzt, ist ein innovativer und neuer Lebensmittelmarkt entstanden. Sie charakterisiert Insekten und Teile von ihnen seit Januar 2018 als neuartige Lebensmittel. Seither können Zulassungen auf verschiedene Insektenarten für den deutschen Lebensmittelmarkt beantragt werden. Ist die Insektenart von der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit als gesundheitlich sicher eingestuft, so gehört sie offiziell zum Bestand unserer Nahrung.