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Leben und Gesellschaft - Hardtekk Im Sturzflug durch die Technoszene

Laut, schnell und dunkel – die Hardtechnoszene besitzt tausende AnhängerInnen, aber auch eigene Regeln. Drogen inbegriffen. Ein ehemaliges Szenemitglied führt Campus38 tief in das ostdeutsche Hardtechno-Milieu.

Eindrücke einer Techno-Rave-Party. (Quelle: iStock)

Es ist dunkel bis auf einige Schwarzlichtleuchten und Heizstrahler, die für Wärme und Licht sorgen. Oben liegt der vom Setting bunte, verspielte Minimal-Raum. Nebenan der lange, düstere Techno-Raum, dessen Herz ein alter Stromschaltkasten ist, der mit einem Stroboskop ausgestattet wurde und über dem die DJs auf einer Tribüne spielen. Tarnnetze hängen überall von den Decken. Die Musik ist so laut, dass man sich nur abseits der Tanzfläche verständigen kann.

Hardtekk oder Hardtechno ist elektronische Tanzmusik, die mit einer Geschwindigkeit ab 140 bis 160 Beats pro Minute (BPM) gespielt wird und dessen Sound sehr roh, oft übersteuert und maschinell klingt. Tiefe Bässe dominieren die Soundtracks und durch die schnellen BPM wird ein unglaubliches Energielevel an das Publikum übertragen.

Karlo ist ein ehemaliges Mitglied der Hardtechnoszene. Er erzählt von seiner Vergangenheit und wie er langsam durch die Liebe zur Musik ein kleiner Teil der ostdeutschen Szene wurde. Nach seinem Realschulabschluss macht Karlo eine Ausbildung in Oschersleben. Er zieht dorthin und arbeitet dort anschließend weiter. So entdeckt Karlo eine neue Welt und neue Freunde. Eine Arbeitskollegin nimmt ihn mit auf seine erste Hardtekk-Party. Hardtechno, Core, Minimal und House – die wirklich feinen Unterschiede der Techno-Richtungen können nur Insider genau auseinanderhalten.

Meiner Meinung nach ist das nichts für U18“


Eine andere Stadt. Andere Locations. Andere Leute. Der Ort der Party ändert sich fast jedes Wochenende. „Man war frei und ich bin gerne auf diese Partys gefahren, mit Freunden oder alleine, man hat schnell neue Freundschaften geschlossen und die Leute waren immer freundlich“, erzählt Karlo auf dem Weg zur Party. Ein großer alter Parkplatz. Nach etwa 500 Metern geht es in Richtung eines eingezäunten Geländes. Immer der Musik nach. Das Tor ist offen. Links ab geht man auf den Seiteneingang einer großen grauen Halle zu. MLK-AREA steht oben an der Halle und für zehn Euro Eintritt ist man drin. Im Keller befindet sich der leuchtend bunte House-Raum. Ein riesiger bunter Pilz ziert die Mitte der Tanzfläche. Nebenan der düstere, vernebelte Core-Raum. Die Wände schwitzen durch die Wärme der Leute. Menschen, so unterschiedlich und bunt wie die Beleuchtung der Räume. Doch alle mit demselben Gedanken: Feiern.

„Hier war meine erste richtige Techno-Party und ich war sofort süchtig“, sagt Karlo, als ich ihn durch den Club begleite und er mir alles zeigt. Wir gehen durch einen rund 100 Meter langen, 1,90 hohen und drei Meter breiten Tunnel, der komplett finster ist – bis auf das Ende. Dort steht ein eingezäuntes Stroboskoplicht mit Soundanlage. Diese überträgt die Musik aus dem Core-Raum. „Hier ist einmal einer fast totgetreten worden, weil es so dunkel war und den wohl lange keiner gesehen hat“, erzählt Karlo. Seitdem sei der Tunnel heller, fügt er hinzu: „Es hat sich schon vieles verändert. Vor fast zehn Jahren konnte man noch morgens so zehn, elf Uhr auf dem Parkplatz auf der Motorhaube eine Bahn legen. Das hat keinen interessiert.“ Bahn oder Lines legen, so nennt man in der Szene das nasale Einführen von Drogen wie Speed, Kokain oder Crystal Meth.

Heute haben sich die Partys schon mehr rumgesprochen, das Durchschnittsalter ist gesunken und man fühlt sich nicht mehr so unbeobachtet. Es wird strenger kontrolliert als früher. „Meiner Meinung nach ist das nichts für U18“ – auch wenn er junge Menschen auf Partys durchaus gut findet.

Neugierde besiegt die Angst

„Damals hatte ich noch nichts mit Drogen am Hut, ich habe früher mal gekifft, aber sonst nur Erfahrung aus Film, Fernsehen und Musik gehabt.“ Es kommt die erste Afterhour: nach der Disko nicht nach Hause fahren, sondern woanders hin zum Weiterfeiern. „Ich war Fahrer, das habe ich immer gemacht, weil ich keine Drogen genommen habe.“ Die Polizei wartet schon auf das Partyvolk und zieht fleißig Autos zur Kontrolle raus. Drogen sind ein dauerhafter Begleiter in der Technoszene. Die Musik, das Setting, grenzenloses Tanzen. Es gebe auch genug Gruppen, die ohne Drogen feiern gehen, aber seine Gruppe war anders, erklärt Karlo. „Wie schaffst du das ohne Zeug? Bist du nicht fertig?“ Eine Zeit lang hält er sich auf Distanz. Irgendwann aber kommt der Moment, in dem die Neugier zu groß wird: „Jedes Wochenende zu sehen, wie Freunde irgendwelche Stoffe zu sich nahmen, sich veränderten und wie sie anschließend von ihren Erfahrungen auf den Trips erzählten, ließen es mich auch ausprobieren wollen.“

Mit 19 Jahren nimmt Karlo seine erste Ecstasy-Tablette (MDMA). Der Einstieg, der ihn noch tiefer in die Szene führt, wie er sagt. „Es war unglaublich. Ich habe ein Viertel dieser kleinen Pille genommen und meine Gefühle waren überwältigend.“ So viel Liebe für alles und jeden habe er noch nie gespürt und nach diesem ersten Mal auch nie wieder, sagt Karlo. Doch der Wunsch nach diesem schönen Gefühl bleibt – die Angst vor den Drogen schwindet. „Ich wollte wie meine Freunde austesten, was sich am besten anfühlt, wie die Party noch besser wird, wie man länger durchhält und natürlich, was am meisten Spaß macht.“ Die Liste an ausprobierten Drogen bei Karlo ist lang und deckt so gut wie alles ab – bis auf Heroin und Crack. Am beliebtesten sind MDMA (als Pulver und Tabletten), Speed, Crystal Meth und Marihuana.

Sonntagmorgen, zehn Uhr. „Wir saßen zu acht in einem Wohnzimmer. Afterhour. Alle auf Crystal und haben nebenbei gekifft. Das Herz ging auf und ab durch das Hochziehen und runterkiffen.“ Angst hatte Karlo keine, „es war eher wie schwebend“, berichtet er. Ein Kollege sollte vorbeikommen, um Drogen zu bringen. „Und dann legte der einen drei Kilo Beutel Crystal Meth auf den Tisch. Ich war geschockt. Ich wusste, was eine solche Menge wert war und was passiert, wenn man mit dieser Menge erwischt wird. Ich fragte, was er macht, wenn die Bullen ihn anhalten. Seine Antwort: ‚Als ob ich bei den Bullen anhalte. Ich drück aufs Gas und weg.‘ Ich akzeptierte die Antwort, war jedoch immer noch geschockt. Wir kauften etwas und er fuhr wieder.“

Im Urlaub wird die Sau rausgelassen


Karlo sagt, dass ihm ein Techno-Club gehörte und er Gründer einer Gruppierung war, die sich in der Szene etabliert hat, jedoch nicht positiv. Polenböller, Rauchgranaten, Schlägereien und Ähnliches waren auf Partys seitdem keine Seltenheit. Rund zwei Jahre ist er damals dabei. Karlos Bekanntenkreis vergrößert sich weiter und es geht noch tiefer in die Szene. Die Wochenenden gleichen sich. Party, Afterhour, Schluss. Arbeiten bis zum Wochenende und dann von vorn. Wenn Urlaub ist, lässt man die Sau richtig raus. „Ich will gar nicht wissen, was meine Eltern sich denken mussten, wenn ich feiern gegangen bin und wenn ich Urlaub hatte, manchmal erst nach vier, das höchste waren sieben, Tagen, nach Hause kam“, sagt er.

Er ist immer Auto gefahren – auch unter Drogen. Die Male, an denen er nicht gefahren ist, kann er an einer Hand abzählen. Die Orte, an denen Hardtekk-Partys stattfinden, sind eben nicht mit Bus und Bahn zu erreichen. Doch auf die Drogen will er auch nicht mehr verzichten. „Einmal waren wir in Thüringen auf einer Technoparty mit dem Namen ‚Ein Harz für Hardtekk‘“, erzählt Karlo. „Ich war Fahrer und der Ort voller Polizisten, die Info hat einer meiner Mitfahrer bekommen und an mich weitergleitet. Jedoch waren wir bereits da, also mussten wir uns was überlegen, wie wir aus dem Ort kommen. Ich war auf Crystal. Unbeabsichtigt. Ich wollte eigentlich nur Speed ziehen, damit das Fahren nicht so anstrengend ist und ich nicht müde bin. Eine Mitfahrerin, die mir was von ihrem Speed abgeben wollte, hat es entweder absichtlich oder weil sie schon so verwirrt war, falsch gemacht und mir statt Speed Crystal gegeben. Ich zog eine etwas größere Bahn Speed und merkte erst in der Nase, dass das kein Speed war. Auf Crystal Autofahren ist nicht schön. Man hat ständig Angst und ist angespannt. Manchmal wird man auch so hibbelig, dass man nicht mehr ruhig hinter dem Steuer sitzen kann. Aber was soll man machen. Die Party war vorbei. Also blieb nur nach Hause fahren.“ Nach Hause kommen ist dann mühsam: „Ich habe ein Taxi gerufen mit zwei Fahrern, damit uns das Taxi mitnehmen kann und ein anderer unser Auto aus dem Ort rausfahren kann, denn ich selbst hätte mich nach der Polizeiinformation nicht getraut wegzufahren.“

Zehn Kilometer entfernt beim nächsten Dorf lässt er sich absetzen, fährt von dort wieder selbst. Es ist die schlimmste Autofahrt seines Lebens. „Mein linkes Bein konnte nicht ruhig bleiben.“ Länger auf der Kupplung stehen geht nicht. Zwei Ortschaften weiter biegt ein Streifenwagen auf die Hauptstraße. Und fährt vorüber. Karlo und seine Freunde kommen mit dem Schrecken davon. „Die Fahrt von dort nach Hause dauert drei Stunden und das alles auf Crystal, war nur anstrengend und beängstigend“, findet Karlo.

Das Ende: Polizeikontrolle und Führerschein-entzug


Zeitweise verkaufte Karlo auch selber Drogen, um seinen Konsum zu finanzieren. „Es ist verrückt, wer alles Drogen nimmt, wenn man erstmal ein bisschen rumkommt“, erzählt er. „Einmal waren wir zu Besuch bei einem Beamten des Spezialeinsatzkommandos, der von uns Kokain gekauft hat. Wir haben etwas zusammen getrunken, eine Bahn gezogen und uns erst dann verabschiedet. Richter, Anwälte, Polizisten – auch Menschen wie du und ich“, sagte Karlo mit einem Schmunzeln auf dem Gesicht. Ich frage, wie es ihm mit den Drogen ging. „Es lief besser als bei vielen. Ich war nie körperlich abhängig von dem Zeug. Hab unter der Woche wie ein normaler Durchschnittsbürger gelebt und nur am Wochenende zu den Mitteln gegriffen.“ Wahrscheinlich auch ein Grund, warum er nicht wie viele andere hängen geblieben ist, erklärt Karlo. „Es gab Menschen auf diesen Partys, die ein schönes abschreckendes Beispiel geliefert haben, sodass man definitiv nicht so enden wollte. Drogen sind ein Teufelszeug, weil man einen Haufen Selbstkontrolle braucht. Das ist nicht einfach, einige meiner Freunde sind nebenbei ins Gefängnis gewandert.“ Warum er nicht? Glück im Unglück, glaubt Karlo.

„Wir waren Freitag feiern, Vollgas, dann bin ich morgens nach Hause gefahren. Abends bin ich wieder los zu meinen Leuten, um auf die nächste Party zu fahren.“ Kurz vor der Haustür hält ihn die Polizei an. Drogentest – positiv auf Amphetamin, Methamphetamin, MDMA und THC. Der Führerschein ist weg. Karlo schweigt am Ende der Erzählung schuldbewusst. Viele meldeten sich kurze Zeit später, um nachzufragen, was passiert sei, sagt Karlo. Von den meisten hört er zum letzten Mal etwas. „Ich wurde fallengelassen und dachte mir sowieso durch den Führerscheinverlust, dass sich ganz dringend etwas an meiner Lebensart ändern musste.“

Er bricht mit seinem Freundeskreis und entfernt sich von den Drogen. Die Medizinisch-Psychologische Untersuchung, auch Idiotentest genannt, besteht er beim ersten Mal und bekommt nach acht Monaten seinen Führerschein zurück. Den Job verliert er nicht. Holt dann das Abitur nach, sucht sich einen neuen Job. Wie es soweit kommen konnte, kann er sich heute selbst nicht mehr ganz erklären. Die Arbeit machte ihn unglücklich und er hatte kein anderes Ventil, als das Feiern gehen. „Solange einem selber nichts passiert, sieht man die Gefahr nicht“, erklärt Karlo. Heute weiß er, dass Probleme nicht verschwinden, wenn man sie zur Seite schiebt. Die Liebe zur Musik ist allerdings geblieben. Er würde auch jetzt keine Antidrogen-Kampagnen leiten wollen, sagt er. Doch er habe definitiv aus seinen Fehlern gelernt. Unter Drogeneinfluss Auto fahren – das würde er nicht mehr tun. Solange Drogen hier illegal sind, macht er es nur noch auf seinen jährlichen Hollandreisen.