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Leben und Gesellschaft - Gewalt, Frauen, Hilfe Hass Frau. Du nichts. Ich Mann.

„Das war für mich der Moment, wo ich dachte – ok, jeden Moment könnte das hier dein letztes Erlebnis sein“. Kim B. wurde Opfer häuslicher Gewalt. Sie ist kein Einzelfall, die Zahl der Fälle im Raum Braunschweig steigt konstant – doch es gibt Möglichkeiten, sich zu wehren.

Leider kein Einzelfall, dass Frauen in Deutschland Opfer häuslicher Gewalt werden. (Quelle: iStock)

Mit gläsernen Augen sitzt Kim mir gegenüber und berichtet von ihrer Geschichte. Acht Monate lang führte sie eine Beziehung mit ihrem gewalttätigen Exfreund, bis sie beim vierten Gewaltvorfall zur Polizei ging. Er habe sich immer wieder für sein Fehlverhalten entschuldigt und sie ihm deswegen immer wieder aus Liebe verziehen. Doch was treibt eine Person dazu, jemanden so etwas anzutun? In Kims Fall war es der Alkohol. Des Öfteren ist ihr Expartner im berauschten Zustand handgreiflich und rücksichtslos geworden. Mit lebensgefährlichen Folgen für Kim. „[...] Bis er dann auf mich losgegangen ist, seine Fäuste geballt hat und mir schätzungsweise 20-30 Mal ins Gesicht geschlagen hat“. Danach hat die 23-jährige den Schlussstrich gezogen und sich zur Polizei gewagt. Die Ermittlungen laufen noch, jedoch darf sich Kims Exfreund ihr bereits nicht mehr nähern. Die seelischen Schäden bleiben trotzdem.

2700 gemeldete Fälle häuslicher Gewalt allein im Raum Braunschweig

Kims Vorfall ist jedoch kein Einzelfall. Stefanie Albrecht, Sozialpädagogin und systemische Therapeutin und Beraterin in der Frauenberatungsstelle in Braunschweig weiß wie schwierig es ist, mit solchen Situationen umzugehen und sich daraus befreien zu können. Oft zeigen Täter nach Gewalttaten Reue und versprechen eine Verbesserung des Verhaltens, was Frauen häufig dazu neigen lässt, ihren Partnern zu verzeihen. Selbst nach einer Trennung verhalten sich Täter jedoch oft gewaltbereit und belästigen die Expartnerin gegen ihren Willen. So ist es oft ein Selbstschutz von Frauen, eine Beziehung nicht zu beenden. Belästigung scheint bei manchen Gewaltdelikten jedoch erst der Anfang zu sein. 324 Todesfälle wurden 2018 nach dem Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) aufgrund von Ermordung durch einen Lebensgefährten in Deutschland gezählt. Schlimm zu begreifen, wenn anfangs durch die rosarote Brille alles so perfekt scheint.

Häusliche Gewalt beginnt jedoch nicht erst bei körperlicher Gewalt. Nach Patricia Kielinger, der Mitbegründerin der Berliner Initiative gegen Gewalt an Frauen (Big), ist sie ein „System von Taten“, das viel mehr als eine körperliche Gewaltform mit sich bringt. Doch was genau ist häusliche Gewalt? Beschrieben wird sie auch als Partnerschaftsgewalt und ist die am häufigsten vorkommende Form von Gewalt. Hierbei ist nicht wichtig, welche Art von Beziehung Opfer und Täter führen, sie kann sogar bereits beendet sein. Eine häusliche Gemeinschaft – egal ob Beziehung, Ehe oder Lebensgemeinschaft – muss jedoch vorliegen. Eine gemeinsame Wohnung stellt dabei nur einen möglichen Tatort dar, denn die häusliche Gewalt geht über die Wände des Wohnheims hinaus. Studien zufolge stellt die häusliche Gewalt oft kein einmaliges Vorgehen dar und zieht sich teilweise über Jahre hinweg. 2018 waren es deutschlandweit 114.393 weibliche Opfer – davon 2700 gemeldete Fälle im Raum Braunschweig.

 

„Wenn Macht missbraucht wird und Kontrolle vom Mann auf die Frau ausgeübt wird“

Eine wohl allgemeine, aber sehr zutreffende Aussage aus dem Mund von Sozialpädagogin Stefanie Albrecht zu der Frage, wie sie die Gewalt gegen Frauen beschreiben würde. Laut des Bundesverband Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe (BFF) sind es meist sogar nahestehende Personen wie der eigene Partner, die oftmals eine höhere Stellung missbrauchen. Albrecht ist der Meinung, dass bis heute noch vorhandene patriarchale Strukturen ein Grund für dieses Ungleichgewicht der Geschlechterrollen sind. Die Gewalt gegen Frauen lässt sich jedoch nicht nur an der häuslichen Form messen. Grundsätzlich werden diese strukturell in die Kategorien „Körperliche Gewalt“, „Psychische Gewalt“, „Ökonomische Gewalt“ und “Soziale Gewalt“ unterteilt. So beginnt Gewalt nicht erst bei leichten Verletzungen, sondern wird bereits beispielgebend durch Beleidigungen oder Stalking ausgeübt. Auch sind diese Gewaltformen meist keine Einzeltaten, sondern werden oft im Zusammenhang miteinander ausgeübt. Anhand der gemeldeten Fälle lässt sich ebenfalls erkennen, dass sich die Gewalt, die an Frauen ausgeübt wird, auf alle sozialen Schichten verteilt. Sie kennt keine Bildungsgrade und kulturelle Hintergründe. Nach einer europaweiten Erhebung der „European Union Agency for fundamental rights“ (FRA) im Jahr 2014 hat jede dritte Frau einmal in ihrem Leben körperliche oder sexuelle erlebt. Dies entspricht rund 62 Millionen betroffenen Frauen. Für Deutschland bedeutet dies mit 35% der befragten 42.000 Frauen eine mittlere bis hohe Gewaltbetroffenheit.

Doch warum ist die Gewaltbetroffenheit in Deutschland so hoch?

Ein Grund dafür könnte die Rechtslage sein. Um Frauen präventiv, in der Theorie, vor Gewalt zu schützen, sind keine Gesetze vorhanden. Hier kann nur das in 2002 veröffentlichte Gewaltschutzgesetz bei gemeldeten Fällen helfen. Nach dem Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz (bmjv) gilt der Grundsatz: „Wer schlägt, muss gehen – das Opfer bleibt in der Wohnung“. Mögliche Schutzmaßnahmen sind hierbei die eines Platz- und/oder Wohnungsverweises, einem Annäherungsverbot von etwa sechs Monaten oder einer Kontaktsperre in jeglicher Art.

Es ist zwingend notwendig, dass bei Gewalttaten sämtlicher Art Konsequenzen gezogen werden. Doch reichen die hierfür vorhandene Gesetze allein nicht aus. Um Hilfe in Anspruch nehmen zu können, müssen Frauen den ersten Schritt wagen und die Vorfälle melden. Dies muss nicht gleich bei einer Polizeiinspektion geschehen, sondern kann über andere Wege eingeleitet werden. Um Schutz und Sicherheit zu schenken, sind öffentliche Programme und Hilfseinrichtungen wie Frauenhäuser, Beratungsstellen, aber auch das seit 2013 anonyme Hilfetelefon vorhanden. Ergebnisse beweisen die Wichtigkeit dieses Hilfsangebot: Allein in den Jahren 2013 bis 2018 fanden 185.000 Beratungen statt. Eine helfende Variante auch bei Frauen, die eine Einrichtung nicht erreichen könnten. Auch regionale Angebote dürfen jedoch nicht fehlen. Sämtliche Frauenberatungsstellen finden sich in den Städten dieser Region wieder. So auch die Fachberatungsstelle in Braunschweig, bei der Sozialpädagogin Albrecht insbesondere die Schweigepflicht und die psychische Beihilfe aller Mitarbeiterinnen in den Vordergrund stellt. Durch das Bundesinvestitionsprogramm "Gemeinsam gegen Gewalt an Frauen" sollen in den Jahren 2020 bis 2023 bis zu 120 Millionen Euro für einen Aus-, Um- und Neubau von weiteren Beratungsstellen und Frauenhäusern investiert werden.

Musst du Gewalt ertragen?

Nein, das musst du nicht! Befindest du dich in einer Situation, in der du Gewalt erfahren musst, dann befreie dich von deinen Qualen und erhalte die Unterstützung, die dir zusteht. Ein paar Anlaufstellen sind hier für dich aufgelistet: