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Leben und Gesellschaft - Polizistenmangel Haben wir wirklich Polizistenmangel?

Grundsätzlich gibt es von ihnen immer zu wenig, den Polizisten und Polizistinnen. Hört man auf sein eigenes Bauchgefühl mag das so sein, aber stimmt das? Autorin Charlene Engelhardt hat interessante Taktiken der Polizeigewerkschaft unter die Lupe genommen.

Gibt es wirklich zu wenig Polizisten oder wird es nur so dargestellt?

Die Wohnungstür fällt ins Schloss, der Weg zur Uni oder zur Arbeit steht bevor. Beim Erreichen des Fahrradständers fällt auf, dass das Rad gestohlen wurde. Direkt wird die Polizei zur Hilfe gerufen. Die Beamten nehmen den Fall zwar auf, aber in den wenigsten Fällen wird der Diebstahl aufgeklärt und das Fahrrad dem Besitzer zurückgegeben. Probleme wie dieses, kennen viele Menschen. Ist der viel diskutierte Polizistenmangel für derartige Situationen verantwortlich?

Rafael Behr, Polizeiwissenschaftler an der Akademie der Polizei Hamburg, begleitet das Thema Polizistenmangel schon seit 20 Jahren. Die Entstehung des Mythos Polizistenmangel sei, so Behr, den Gewerkschaften zu zuschreiben, da die Klientelbindung der Gewerkschaft immer auf die Defizite hinweist. Durch die Mangelsituation werde eine Stimmung in der Gesellschaft hergestellt und diese sei ein Vorteil für die Polizei. So bekämen die Beamten beispielsweise ein höheres Gehalt. Es sei ein ewiges „Ping Pong Spiel“ zwischen den Gewerkschaften und dem Arbeitgeber. Eine Stellungnahme der Gewerkschaft der Polizei (GdP) zu diesen Vorwürfen blieb aus. In der Vergangenheit sagte der GdP- Landesvorsitzende Dietmar Schliff in einer Pressemitteilung: „Der Personalmangel muss kontinuierlich behoben werden. Da darf keine Pause gemacht werden.“.

Besonders in Großstädten komme es dazu, dass die Bevölkerung länger auf die Polizei warten müsse, da die Priorisierung der Einsatzkräfte der Polizei unterschiedlich stattfindet. „Wenn Sie beispielsweise an den G20-Gipfel denken, sprechen wir von ca. 30.000 Polizisten, die im Einsatz waren, dann kann man sehen, dass es eine Sache der Priorisierung ist, wo die Polizei hingeschickt wird.“ Der G20-Gipfel habe eine höhere Priorisierung als kleine Verbrechen wie ein Fahrraddiebstahl. Es gäbe genug Personal, nur dieses wird unterschiedlich eingeteilt. Diese Tatsache und der Fakt, dass die Polizei nichts gegen die Verbreitung des Mythos tut, unterstützt diesen, so berichtet Behr.

Weite Teile der Bevölkerung halten den Polizistenmangel für ein reales Problem. Zu diesen Erkenntnissen kommt die DBB Beamtenbund und Tarifunion durch eine Befragung. Laut dieser finden 67 Prozent der Deutschen, dass es zu wenig Polizisten gibt. Nach Meinung von Behr ist der Personalmangel der Polizei nicht empirisch belegbar. Außerdem werde der Gesellschaft von Gewerkschaften suggeriert, dass die Polizei die Sicherheit der Bevölkerung nicht mehr gewährleisten werde könne. Auch gab der Polizeiwissenschaftler an: „[...] wir haben weder eine Referenzgröße, also ein Kraftmesser, für Sicherheit, noch genug Personal, dass für die Sicherheit sorgt.“ So schätzt er den Anteil der Polizisten, die keinen Vollzugsdienst machen, auf 30 bis 40 Prozent. Dies sorge dafür, dass diese Polizisten überhaupt nicht mehr mit dem Bürger in Kontakt treten.

Wenn es einen Polizistenmangel gibt, sind die Auswirkungen wohl am stärksten bei den aktiven Beamten zu spüren. Wie sieht ein Betroffener die Situation? Da Polizeibeamte ohne Zustimmung ihres Dienstherrn keine öffentlichen Aussagen treffen dürfen, war ein Beamter aus Niedersachsen zu einem anonymen Interview bereit.

Laut einem weiteren Polizisten aus Niedersachen sei das Problem, das die Polizei versäumt hat früh genug nach Nachwuchs zu suchen. Dies bestätigte Behr im Interview. Ein Grund für den Nachwuchsmangel sei der Fakt, dass durch den gehobenen Dienst die allgemeine oder fachspezifische Hochschulreife von Nöten ist. Dadurch werden Bewerber mit niedrigerem Abschluss automatisch disqualifiziert, so Behr. Des Weiteren sei es so, dass AbiturientInnen die private Wirtschaft dem Polizeiberuf vorziehen, da es dort bessere Verdienstmöglichkeiten gebe. Dem entgegnet der Polizist aus Niedersachsen, dass die Wahl des Polizeiberufs aus Leidenschaft und nicht aus finanziellen Gründen getroffen werde.

Jedes Jahr bewerben sich Tausende Menschen bei der Polizei. Wie schätzen Bewerber das Bewerbungsverfahren ein und warum möchten sie überhaupt den Beruf des Polizisten ausüben? Campus38 hat mit verschiedenen Bewerbern über ihre Motivationen gesprochen.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass es keinen Polizistenmangel gibt. Es gibt lediglich Personalmangel im Außendienst, da ein großer Teil der Beamten ausschließlich im Innendienst arbeitet und so nicht in der Öffentlichkeit präsent ist. Aufgrund dieses Sachverhalts, wirkt es bei weiten Teilen der Bevölkerung so, als gebe es wenige Polizisten.