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Leben und Gesellschaft - Deutschrap Generation Deutschrap

Kein Musikgenre prägt die Jugendkultur derzeit so wie der Deutschrap. Mit aggressiven Texten und authentischem Sound dominieren Figuren aus der kriminellen Halbwelt die Charts - und werden dafür als Idole gefeiert. Wie konnte es so weit kommen?

Ein sportlich markanter Kleidungsstil ist in der Deutschrap-Szene üblich. Foto: Sebastian Salpius

Tiefe Bässe, aggressive Stimmen und bedrohliche Songtexte dröhnen durch den alten VW Golf. Es riecht nach abgestandenem Zigarettenrauch. Der Wagen steht auf einem Wanderparkplatz. Hinter dem Lenkrad sitzt Flo. Blondes Haar, dünne Statur, leichter Oberlippenbart. Mit konzentriertem Blick rollt er einen Zigarettentip zusammen. Dabei rappt er die Texte der Lieder leise vor sich hin. „Knall sie einfach in der Parklücke weg. Wichs‘ ihr in die Fresse und frag‘ sie wie es schmeckt.“ Die Lieder sind typisch für die Rap-Gruppe 187 Strassenbande. „Die sagen in ihren Texten, was sie denken und sprechen das aus. Auch mit ihrer Frauenfeindlichkeit. Wobei, kann man das als Frauenfeindlichkeit bezeichnen? Nicht wirklich.“ Flo verteilt den Tabak auf dem Blättchen und korrigiert sich: „Naja, vielleicht schon ein bisschen.“

Der Aufstieg eines Musikgenres

Frauenfeindliche und gewaltverherrlichende Texte sind im Deutschrap keine Seltenheit. Aber sie werden seltener. Auch deshalb liegt Deutschrap voll im Trend. Aktuell sind unter den deutschen Top-25-Singlecharts 13 Lieder aus dem Genre. In den Spotify-Charts sind die ersten fünf Plätze fest in Deutschrap-Hand, unter den Top-25-Singlecharts finden sich sogar 21 Lieder. Wie konnte die Musikrichtung so erfolgreich werden? Der Aufstieg des Deutschraps beginnt Anfang des neuen Jahrtausends. Vorreiter für die heute erfolgreichen Künstler sind Straßenrapper wie Sido, Bushido und Fler. Mit aggressiven, teils auch sexistischen, homophoben oder rassistischen Texten machen diese auf sich aufmerksam. Ihre Straßengeschichten und ihr Umgang mit Worten sind neu und originell. Großen Anklang finden Bushido und Co. vor allem bei den jungen Außenseitergruppen der Gesellschaft.

In den Folgejahren setzt sich der Aufstieg des Deutschrap nachweislich fort: 2010 macht Hip-Hop als Musikrichtung hierzulande nur 1,8 Prozent des Gesamtumsatzes der Musikindustrie aus. Damit liegt das Genre etwa gleichauf mit Volksmusik und Jazz. Deutsch Pop, Schlager, Klassik und vor allem Pop und Rock sind dem Rap noch klar voraus. Doch seitdem geht es für den deutschen Hip-Hop bergauf, bis 2015 der große Durchbruch erfolgt. Kann Deutschrap 2014 noch 3,6 Prozent des Gesamtumsatzes der Musikindustrie für sich reklamieren, sind es im Jahr darauf schon 8,6 Prozent. Ein Wegbereiter dieses Aufstiegs ist die 187 Strassenbande. Diese macht sich seit der Gründung im Jahr 2006 einen Namen im Hamburger Untergrund. Mit kriminellen Geschäften wie Drogenhandel, aber auch Graffitis und Straßenrap. Die Crew-Mitglieder sind mehrfach vorbestraft. So verbringt Rapper Gzuz, heute Aushängeschild der Bande, dreieinhalb Jahre wegen eines gefährlichen Raubüberfalls hinter Gittern. 2015 gelingt der Gruppe der große musikalische Durchbruch. Damals springen gleich drei Alben der 187-Mitglieder in die Top-5 der deutschen Albumcharts. Ihr kriminelles Leben machen sie zum Mittelpunkt ihrer Texte. Die Geschichten klingen authentisch und kommen an.

Grenzüberschreitungen für Aufmerksamkeit

„Ich mag 187, weil die die Stories in die Lieder bringen, die sie selbst erlebt haben. Die rappen über das echte Leben auf der Straße“, erzählt Flo, während er auf dem Fahrersitz Tabak zusammenrollt. Ein Problem mit den Texten über Drogenhandel und Co. hat er nicht. Kiffen ist in der Deutschrap-Szene verbreitet. Flo steigt aus dem Auto. Durch das Unterholz eines Waldes spaziert er zu einer Bahnunterführung. Die Wände sind voll mit Graffitis, das Rauschen der Autobahn ist penetrant. Hier hängen er und seine Jungs gelegentlich ab. Ihre Musikbox haben sie immer dabei, um beim Entspannen Deutschrap zu hören. Deutschrap ist für Flos Jungs nicht nur Musik, sondern auch Gesprächsthema. Mit Skandalen, Eskapaden und Provokationen unterhalten Rapper die Jugend. Grenzüberschreitungen für Aufmerksamkeit. 187-Mitglied Gzuz sorgt regelmäßig für Negativschlagzeilen und pflegt damit sein Gangster-Image. Erst kürzlich pinkelt der Rapper am helllichten Tag gegen das Gebäude des Hamburger Landgerichts. Und im vergangenen Jahr ohrfeigt Gzuz einen Schwan und postet ein Video der Aktion auf Instagram.

Die Sozialen Medien tragen maßgeblich zum Aufstieg des Deutschrap bei. Ende 2017 sind laut Marktforschungsinstitut Media Control elf der 20 erfolgreichsten deutschen Musiker in Sozialen Medien Deutschrapper. Gemessen wird das anhand von Interaktionen auf Facebook, Instagram und Twitter, darunter Likes oder Kommentare. 187-Mitglied Bonez MC steht mit fast 80 Millionen Interaktionen an vorderster Stelle. In seinen Instagram-Stories lässt der Rapper alle Fans an seinem Leben teilhaben. Zuletzt dominiert der Streit zwischen Bonez und Fler die sozialen Kanäle. Beide Rapper überbieten sich auf Instagram mit Beleidigungen, Vorwürfen und Provokationen. Ihren Streit wollen Bonez und Fler jetzt mit einem Boxkampf beilegen. Reine PR oder echter Zoff, der bald in Gewalt ausartet? „Ich glaub, das ist echter Beef. Die meinen das todernst“, sagt Flo und ergänzt schmunzelnd: „Das feiere ich voll.“ Aber ob Ernst oder Inszenierung: Die Aufmerksamkeit ist den Künstlern sicher. Dank der Sozialen Medien haben sich Deutschrapper von der Berichterstattung durch klassische Medien unabhängig gemacht. Lange Zeit findet Deutschrap in der Presse keine Beachtung. Journalisten sehen die Fantastischen Vier oder Fettes Brot als Maßstab für deutschen Rap. Die Musikgeschmacksentfaltung bei Menschen findet grundsätzlich in jungen Jahren statt. Mit dem neuen, aggressiven Straßenrap können ältere Journalisten nichts anfangen.

Dank Instagram und Co. sind die Künstler heute nicht mehr so sehr auf die Presse angewiesen. Sie sind selbst für ihre Imagepflege verantwortlich und verfügen dank der Sozialen Medien über eine hohe Reichweite in der jungen Bevölkerung. Wie unbedeutend klassische Berichterstattung mittlerweile für den Erfolg eines Künstlers ist, zeigt der Fall des Rappers Mero. Der 18-Jährige landet im vergangenen Jahr als erster Rapper mit seiner Debütsingle auf Platz eins der deutschen Charts. Und das, obwohl die klassischen Medien bis dahin nie über ihn berichtet haben. Vor seinem Durchbruch macht Mero mit Instagram-Handyvideos auf sich aufmerksam. In diesen stellt er sein Können unter Beweis und kommt so in Kontakt mit den erfolgreichen Rappern Eno und Xatar. Durch den Social-Media-Support der beiden und seine eigenen Instagram-Fans hat Mero bereits vor Erscheinen seiner Debütsingle eine hohe Reichweite. Die Grundlage für seinen Raketenstart.

Deutschrap als Geschäftsmodell

Neben der Selbstvermarktung durch Soziale Medien trägt das Musikstreaming zum Aufstieg des Deutschrap. Dienste wie Spotify und Deezer machen hierzulande bereits rund 46 Prozent der Umsatzanteile aus dem Musikverkauf aus. CD-Alben stehen bei ca. 36 Prozent. Streaming ist vor allem in der jungen Zielgruppe beliebt, ebenso wie Hip-Hop. Neben YouTube werden Spotify und Co. zu den wichtigsten Plattformen für Deutschrap. Die Abhängigkeit von den klassischen Rundfunkmedien wie Radio sinkt stark. Der Deutschrap entwickelt seine eigene Medienlandschaft. Für eine Million Spotify-Streams erhält ein Rapper ohne Plattenvertrag etwa 3000 bis 4000 Euro. Auf YouTube verdienen Rap-Künstler 600 bis 1000 Euro pro eine Million Aufrufe. Zu bedenken ist aber, dass das Geld an die Rechteinhaber der Lieder fließt – das sind meistens die Plattenfirmen. Nur wenige Deutschrapper werden Millionäre. Und wenn, dann kaum mit Musik allein. Viele der Künstler sind auf mehreren Märkten aktiv. Rapper Kollegah ist Gründer eines Modelabels und hat ein Fitnessprogramm entwickelt. 187 verkauft Shisha-Tabak und betreibt ein Tattoostudio.

Früher Kriminelle, heute Stars

Beim Siegeszug des Deutschrap müssen aber zwei Dinge berücksichtigt werden: Erstens: Rap ist nicht nur hierzulande, sondern weltweit auf dem Vormarsch. Die größte Hip-Hop-Kultur gibt es in den USA, gefolgt von Frankreich. Gerade die französische Rap-Szene inspiriert in Sachen Style, Melodien und Beats viele deutsche Rapper. Afrikanische Klänge aus der Banlieue erobern die deutsche Rap-Szene. Zweitens: Die Trennlinie zwischen Rap- und Popmusik verschwimmt. Der aktuell erfolgreiche Deutschrap verarbeitet viele Dancehall- und Trap-Elemente sowie Autotune-Gesang. Die Lieder werden melodischer und tanzbar. In den Texten geht es mehr um Reichtum, Liebe und Sex, als um Gewalt und das Straßenleben.

Eine Subkultur ist die Musikrichtung längst nicht mehr. Rap-Fans lassen sich kaum noch anhand ihrer Kleidung erkennen. Flo ist die Ausnahme. Air Max von Nike, schwarze Jogginghose, Kapuzenpulli. Bauchtasche und Jacke von Lacoste. Irgendwie typisch für den 187-Kleidungsstil. Was begeistert junge Menschen an der Rap-Crew? Flo meint: „187 hat sich den Fame verdient. Die haben sich hochgearbeitet.“ Die Crew-Mitglieder entfliehen mit ihrer Musik den schlechten Verhältnissen, in denen sie groß wurden. 187 ist kein Einzelfall. Viele erfolgreiche Deutschrapper wie Capital Bra oder Ufo361 wachsen in sozialen Brennpunkten auf. Viele kommen aus instabilen, sozial schwachen Familien oder Familien mit Migrationshintergrund. Viele haben eine kriminelle Vergangenheit. Heute sind sie die Stars der Jugend.

Rebellen als Vorbilder

Mit ihrer provokativen, harten und modernen Musik erreichen sie die junge Generation. Nebenbei sorgen sie mithilfe von Social Media für Unterhaltung. An Deutschrap kommt man als junger Mensch kaum vorbei. Die Musikrichtung hat heute Mainstream-Status und wird immer salonfähiger. Einige Künstler wie Gzuz glorifizieren aber weiterhin Frauenfeindlichkeit, Gewalt und das Feiern von Besitz. Aus Sicht von Kathrin Bower, Deutschrap-Expertin von der US-amerikanischen Universität Richmond, sei das „eine verspätete Manifestation einer allgemeinen Rebellion gegen die Werte der Mittelklasse, die etablierte Gesellschaft und politische Korrektheit.“ Diese Rebellen-Attitüde kommt bei der Jugend gut an. Doch in der Generation Deutschrap fehlt es an anderen Vorbildern, die Straßenleben, Drogenkonsum und Macho-Dasein kritisch sehen. Vorbilder, die sich nicht über Ketten und Autos definieren. Vorbilder, an denen sich die Jugend orientieren kann.