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Leben und Gesellschaft Geiseldrama von Celle: Von Freiheit, Flucht und Knastbrüderschaft

Sie gehören zu den bekanntesten Ausbrechern in Deutschland und blicken beide auf eine lange Geschichte hinter Gittern zurück. Peter Wegener, geborener Strüdinger, und Günther Finneisen sind die Geiselnehmer des Celler Ausbruchsdramas von 1995. Das ist ihre Geschichte.

Peter Strüdinger (links) und Günther Finneisen (Quelle: picture-alliance/dpa)

Der eine Deutschlands gefährlichster Geiselgangster, der andere einer der bekanntesten Häftlinge in Isolationshaft: Peter Wegener und Günther Finneisen haben sich in der Geschichte deutscher Gefängnisse einen Namen gemacht. Gemeinsam wurden sie bekannt, als sie im Mai 1995 in der Justizvollzugsanstalt Celle einen Gefängniswärter als Geisel nahmen und mit ihm ausbrachen. Sie verlangten 200.000 Mark und einen Porsche als Lösegeld. Zwei Tage waren sie auf der Flucht. „Wir werden solange durchhalten, wie es geht. Mir ist es lieber, hier draußen durch eine Kugel im Schädel zu verrecken, als Stück für Stück hinter den Mauern“, sagte Finneisen damals während der Flucht in einem Interview mit n-tv. Die Ausbrecher waren aidsinfiziert und wurden von der Polizei als gemeingefährlich eingestuft. „Egal, wie der Jusitzapparat reagiert, es gibt immer einen Weg da herum“, so Finneisen weiter.  

Peter Wegener war zu diesem Zeitpunkt bereits als Ausbrecher bekannt. Damals hieß er noch Peter Strüdinger. Nachdem er und Finneisen in Osnabrück auf ihrer gemeinsamen Flucht an einer Ampelkreuzung wieder eingefangen und ins Gefängnis zurückgebracht wurden, heiratete Peter schließlich in der JVA Celle Frau A. Wegener und kam so zu seinem neuen Namen. Seine Frau starb drei Jahre später.

Strüdingers erste Flucht ereignete sich im Jahr 1984 – auf die gleiche Weise, wie sein zweiter Ausbruch elf Jahre später ablaufen sollte. Zusammen mit einem Komplizen überwältigte er bereits damals im Celler Gefängnis einen Beamten, nahm diesen als Geisel und entkam mit einem BMW 745i und einem Lösegeld von 300.000 Mark. Auch bei diesem Fluchtversuch wurde ihm eine rote Ampel zum Verhängnis, als Strüdinger im Vergnügungsviertel in Bremen von der Polizei wieder festgenommen wurde. Da er Norddeutscher ist und in Lemförde (Landkreis Diepholz) aufwuchs, ist es nicht verwunderlich, dass der Verbrecher immer wieder kreuz und quer durch das ihm bekannte Niedersachsen floh.

„Peter war ein ganz schwieriges Kind“, erzählt seine Mutter 2013 in einem Interview mit focus. Er soll ein schüchterner Junge gewesen sein, der die ersten Lebensjahre bei seiner Großmutter verbracht habe. Er hatte keine enge Beziehung zu seinen Eltern. Seine Mutter arbeitete ganztägig im Krankenhaus und an seinen leiblichen Vater erinnert er sich nicht mehr, schreibt Strüdinger dem focus für den gleichen Bericht in einem 20-seitigen Brief. Bereits mit 16 Jahren wird er straffällig. Daraufhin saß er vier Jahre in der JVA Vechta ein, da er nach einem Diebstahl, versuchtem Raub und Widerstand gegen die Staatsgewalt gefasst werden konnte. Seine erste Liebe wurde ihm von seinen Schwiegereltern in spe verwehrt. Strüdinger war daraufhin verzweifelt und nahm sich während eines Hafturlaubs einen Angestellten der Bahn als Geisel. Ein Sondereinsatzkommando musste ihn ruhigstellen. Daraufhin wurde er zu weiteren 15 Jahren Haft verurteilt.

Für 16 Jahre isoliert von der Welt

Zum gleichen Zeitpunkt, Ende der 70er-Jahre, trat Günther Finneisen wegen einer Vergewaltigung seine erste Haftstrafe an. Er versuchte seine Strafen immer wieder vorzeitig zu beenden. So brach Finneisen seit 1979 innerhalb weniger Jahre aus den Anstalten in Hannover, Hameln und Lingen aus. Später traf er in der JVA Celle auf Peter Strüdinger.

Nachdem die beiden ’95 nach ihrer Flucht in Osnabrück geschnappt und zurück nach Celle gebracht wurden, kam Finneisen in Isolationshaft. Denn Kriminologen stuften seine Taten als inhuman und Folter ein. Es sollten 16 Jahre vergehen, bevor er wieder die Luft der Freiheit einatmen konnte. Nach zwei Jahren ist er bereits nur noch ein Schatten seiner selbst. Er habe stark abgenommen und bestehe nur noch aus Haut und Knochen, berichtet die taz 2011. Seine Wangen seien gelblich, blass und stark eingefallen. Seine mittlerweile langen Haare trage er zusammengebunden als Zopf. Die Tattoos auf seinen Armen wurden blasser.

Die Justizvollzugsbeamten sind für lange Zeit sein einziger Kontakt zu anderen Menschen. Mit ihnen sprach er über die Gegensprechanlage in seiner Zelle. 2002 hörte Finneisen mit dem Rauchen auf. Er hatte kein Geld mehr für Zigaretten. Ein Jahr später fing er mit dem Zeichnen von Karikaturen an, um die Zeit totzuschlagen. In diesen verarbeitete er seine Zeit hinter Gittern und drückte seine Gefühle aus. „Ich lebe von Montag bis Freitag. Das Zeitgefühl verliert sich“, erzählte er taz 2011 in einem Interview. Sein Tagesablauf bestand aus dem Schreiben von Briefen, Hofgängen, Mittagessen und dem Zeitabsitzen in seiner Zelle. Dreimal die Woche durfte er duschen.

Im November 2011 hatte die wohl längste Zeit in seinem Leben ein Ende. Günther Finneisen war wieder auf freiem Fuß. Stimmen aus der Politik kritisieren, dass er für so lange Zeit alleine weggesperrt wurde. Die Haftbedingungen seien nichts als primitive Rache und nach Artikel 3 der Europäischen Menschenrechtskonvention der Folter gleichgestellt. Es sei eine zweifellos unmenschliche Strafe. Finneisen ist damit bis heute der einzige Insasse, der für so lange Zeit in Isolationshaft saß.  

Doch seine Freiheit währte nicht all zu lange. Da er die Betreuung durch Psychologen stets ablehnte und jahrelang isoliert war, konnte er in der realen Welt keinen Frieden finden. 2015 beging er die nächste Straftat. Das Gericht warf ihm den Besitz von Waffen und schwere räuberische Erpressung vor. Daraufhin trat er die nächste Haftstrafe an.

Sorgfältig geplante Flucht

Während ihrer gemeinsamen Zeit in der JVA Celle sind Strüdinger und Finneisen „Knast-Brüder“ geworden. Ihre Flucht hätte bereits früher stattfinden sollen. Aus einem Protokoll des Niedersächsischen Landtags vom 15. Juni 1995 geht hervor, dass Strüdinger ein halbes Jahr zuvor, dem Anschein nach von einem Wärter mit einer Waffe bedroht wurde. Dieser soll herausgefunden haben, dass Strüdinger eine Geiselnahme plante. Der Beamte stellte richtig, dass er Strüdinger nicht bedroht habe. Er habe lediglich durch einen anderen Gefangenen den Hinweis bekommen, dass Strüdinger und Finneisen am 18. Dezember 1994 nach dem Sport eine Geiselnahme planten. So mussten sich die Gefangenen am besagten Tag entblößen. Sie selbst und ihre Zellen wurden komplett durchsucht. Etwas Verdächtiges konnte nicht festgestellt werden. Daraufhin verhielten sich die Männer unauffällig und bastelten in den darauffolgenden fünf Monaten heimlich an Waffen-Attrappen. Mit diesen übermannten sie schließlich im Mai 1995 einen Wärter, nahmen ihn als Geisel und flohen.

Peter Strüdinger, heute Wegener, lebt aktuell in Sicherheitsverwahrung. Diese trat er im Jahr 2013 an und wird voraussichtlich bis 2023 hinter Gittern bleiben. Günther Finneisen lebt auf unbestimmte Zeit in Sicherheitsverwahrung.

Am Mittwoch geht es weiter mit den zweiten Teil unserer Serie "Das Geiseldrama von Celle". Dann gewährt unser Autor Robin einen genaueren Blick hinter die Kulissen der JVA in Celle und zeigt, was zum Zeitpunkt der Geiselnahme in den Mauern des Gefängnisses passierte.