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Leben und Gesellschaft - Celle, Ausbruch, Gefängnis Geiseldrama von Celle: Hollywood in Niedersachsen

Das Land Niedersachsen steht weit oben auf der Liste mit den meisten Gefängnisausbrüchen. In den letzten 25 Jahren gab es filmreife Fluchtversuche, aber auch Geiselnahmen, die ein grausames Ende nahmen. Das Land ließ daraufhin Taten folgen. Welche Ausbruchsdramen waren ausschlaggebend?


Tim Robbins alias Andy Dufresne gehört zu den bekanntesten Gefängnisausbrechern, die Hollywood je hervorgebracht hat. Im Film „Die Verurteilten“ (1994) schaffte er die Flucht, indem er in mühsamer Kleinstarbeit ein Loch in die Mauer seiner Zelle schlug und schließlich über das Abwassersystem entkommen konnte. Wer jetzt glaubt, dass solch eine Flucht nur in Filmen funktioniert, liegt falsch. Auch in Niedersachsen ereigneten sich Ausbruchsszenarien, die nicht weniger hollywoodreif sind.

Im Vergleich befindet sich Niedersachsen im oberen Drittel der Bundesländer mit den meisten Ausbrüchen in den letzten 25 Jahren. Das hängt unter anderem mit der hohen Anzahl an Gefangenen im Land zusammen. Aktuellen Zahlen zufolge bringt Niedersachsen die viertmeisten Häftlinge unter. Nur Nordrhein-Westfalen, Bayern und Berlin haben noch mehr.

Allerdings brechen heute deutlich weniger Insassen aus Gefängnissen aus als früher. Verbesserungen der Sicherheitsmaßnahmen und eine zeitgemäße Betreuung der Häftlinge tragen Früchte. Nur haben derartige Maßnahmen auf sich warten lassen. Somit kam es in der Vergangenheit immer wieder zu Ausbruchsdramen.

Celle – 26. Februar 1996:

Vor etwas mehr als 25 Jahren entkamen die Häftlinge Peter Strüdinger und Günther Finneisen mit einem Gefängniswärter als Geisel aus der Justizvollzugsanstalt in Celle. Dieser Vorfall veranlasste das niedersächsische Justizministerium, die Sicherheitsmaßnahmen zu verschärfen. Doch nur ein Jahr später kam es zur nächsten Geiselnahme in den Mauern des Celler Gefängnisses. In der heute stillgelegten Abteilung der JVA in Salinenmoor, nahe Celle, brachte 1996 ein 37-Jähriger zwei Opfer in seine Gewalt. Zunächst sah es so aus, als wollte er lediglich ein Formular aus dem Büro einer Sozialarbeiterin abholen. Doch in einem unbeobachteten Moment überwältigte er die Frau, drohte ihr mit einem Messer und vergewaltigte sie. Durch Glück schaffte sie es, den Notruf auszulösen. Dadurch wurde die Amtsleiterin alarmiert, die daraufhin einen folgenschweren Entschluss fasste. Obwohl bereits Einsatzkräfte vor Ort waren und Hilfe nahte, machte sie sich zur Geisel, um das Leben der Sozialarbeiterin zu retten. „Als langjährige Psychologin dachte ich, dass ich einen guten Zugang zu ihm habe. Wenn er alleine war, konnte er sein Macho-Gehabe auch mal ablegen“, sagte die ehemalige Gefängnischefin 2016 in einem Interview mit der Celler Zeitung. Doch auch sie wurde schließlich vergewaltigt. Ein Sondereinsatzkommando löste die Situation Stunden später auf und befreite die Frau aus den Händen des Häftlings, der kurz vorher ein Fluchtfahrzeug und Lösegeld forderte. Allen Geschehnissen zum Trotz, blieb die Amtsleiterin noch sechs weitere Jahre im Dienst. 2014 wurde die Einrichtung endgültig geschlossen.

Goslar – 22. Dezember 1998:

Zwei Jahre später machte ein weiterer Gefängnisausbrecher aus Niedersachsen deutschlandweit Schlagzeilen: Weihnachten 1998. Thomas G. wurde ein Freigang gewährt und schlenderte mit seinen Bewachern zwei Tage vor Heiligabend über den Weihnachtsmarkt in Goslar. Er saß im städtischen Gefängnis wegen Sexualverbrechen ein und galt als gemeingefährlich und nicht therapierbar. In einem günstigen Moment konnte er sich von seinen Bewachern losreißen. Er rannte weg und entkam. Ein Wiedersehen mit der Polizei ließ ganze zwei Wochen auf sich warten. Erst dann konnten ihn Beamte in einem Schweizer Hotel ausfindig machen und brachten ihn schließlich zurück hinter die Gefängnismauern.

Lingen – 31. Mai 2014:

Das Jahr 2014 war ein folgenschweres Jahr. Gleich mehrere Ausbruchsdramen haben sich ereignet. Im Mai brach der sicherungsverwahrte Straftäter Reinhard R. aus der JVA Lingen aus. Seine Therapeuten gewährten ihm einen längerfristigen Ausgang. Um immer erreichbar zu sein, bekam er ein Handy. Außerdem musste er sich jeden Morgen um 10 Uhr im Gefängnis melden, um sich einem Drogentest zu unterziehen. So auch am Tag seiner Flucht. Zunächst wurde er auf Alkohol und Drogen getestet, dann verabschiedete er sich wie gewohnt. Was bis dahin keiner wusste: Am Samstag, einen Abend zuvor, missbrauchte er ein 13-jähriges Mädchen in der Wohnung eines Komplizen. Das Mädchen meldete den Vorfall aber erst am Sonntag, als Reinhard R. bereits untergetaucht war. Die Fahndung begann. Doch erst am Dienstag wurde öffentlich nach ihm gesucht. Die Polizei verbreitete ein Foto des damals 51-Jährigen über sämtliche Zeitungen. Am darauffolgenden Freitag wurde im großen Stil mit einem Polizeihubschrauber und Suchhunden im Kreis Cloppenburg nach dem Ausbrecher gefahndet. Ohne Erfolg. Doch dann der entscheidende Fehler: Reinhard R. schaltete sein zur Verfügung gestelltes Handy ein. Zielfahnder der Kriminalpolizei in Osnabrück konnten ihn dadurch sofort orten. An einer Bundesstraße bei Emmerich am Rhein (Nordrhein-Westfalen) legten ihm Beamte wieder Handschellen an.

Moringen – 3. Oktober 2014:

Wenige Monate später meldete die größte Maßregelvollzugsanstalt in Niedersachsen, die MVA Moringen, einen weiteren Ausbruch. In dieser werden keine normalen Häftlinge untergebracht, sondern psychisch- und suchtkranke Menschen. Einer der Insassen brach in hollywoodreifer Manier aus der Anstalt aus. Der damals 30-jährige Tschetschene ist mehrfach vorbestraft. Unter anderem wegen erpresserischem Menschenraub. Aufgrund seiner Drogenabhängigkeit saß er in der MVA Moringen ein. Doch er wollte seiner Strafe ein Jahr nach seinem Haftantritt ein vorzeitiges Ende machen. Er bastelte sich ein Seil aus Bettlaken. Mit einer Unkrautkralle improvisierte er einen Wurfhaken. Als er es schließlich damit auf die 4,50 Meter hohe Außenmauer der Anstalt scahffte, musste er springen. Mit Glück überlebte er den Sprung, da er sich an einer Straßenlaterne festhalten konnte. Daraufhin war er für ganze drei Wochen verschwunden. Mittlerweile ist die Mauer höher und auf dem Flachdach des Gebäudes liegt weiterer Stacheldraht, der das Betreten unmöglich macht.

Vechta – 19. März 2018:

Zuletzt machte eine Ausbrecherin in Vechta Schlagzeilen. Sie brach mitten in der Nacht aus dem Frauengefängnis aus. Der damals 21-jährigen Tizia L. wurde vorgeworfen, ihren 40 Jahre älteren Ehemann erschossen zu haben. In besagter Nacht ging sie auf die Toilette. Da es allerdings im Erdgeschoss der Anstalt keine sanitären Anlagen gibt, können die Insassinnen die Toiletten im ersten Stock jederzeit erreichen. Und diese werden nicht überwacht. Das machte sich Tizia L., die eine Ausbildung zur Kfz-Mechatronikerin begonnen hatte und als sportlich galt, zu Nutze. Sie kletterte die Wand hoch, um an ein Dachfenster heranzukommen. Das Schloss müsse sie laut Angaben des damaligen Anstaltsleiters manipuliert haben. Sie schaffte es, sich durch das Fenster zu quetschen und stand schließlich auf dem Dach. Von dort aus kletterte sie runter auf den Boden und rannte in Richtung Zaun. Es ist nicht geklärt, ob sie absichtlich von der Kamera unentdeckt blieb oder einfach nur Glück hatte. Jedenfalls kletterte sie über den vier Meter hohen Zaun, der nicht durch Stacheldraht abgesichert war und konnte fliehen. Doch sie beging einen folgenschweren Fehler und suchte den Kontakt zu einer bekannten Person. Das machte es den Oldenburger Einsatzkräften leicht, Tizia L. in der Wohnung ihrer Kontaktperson in Dassel (Landkreis Northeim) aufzuspüren. So konnte sie wieder ins Gefängnis gebracht werden.