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Leben und Gesellschaft Geiseldrama von Celle: Eine JVA im Wandel

Vor gut 25 Jahren übermannten zwei Insassen einen Wärter in der JVA Celle und flüchteten mit ihm. Nach diesem Vorfall sorgte die Anstalt für mehr Sicherheit. Doch wie sicher ist die JVA heute und welche Rolle spielt die Corona-Pandemie?

Ehemaliger Haupteingang der JVA Celle (Quelle: Jan-Ole Smidt)

21. Mai 1995. Es ist ein Sonntagmorgen. Die Pforten der Justizvollzugsanstalt Celle öffnen sich. Ein grauer Porsche mit zwei Insassen auf den Vordersitzen fährt langsam raus. Auf der Rückbank ein Bediensteter der JVA, an dessen Brust ein Sprengsatz befestigt wurde. Deutschland hält gespannt den Atem an. Medienvertreter in Hubschraubern und die Polizei verfolgen die beiden Flüchtigen. Mehr als zwei Tage befindet sich der Beamte in der Gewalt der Entführer. 20 gepanzerte SEK-Wagen und rund 50 PolizistInnen waren im Einsatz. In Osnabrück kommt es schließlich zur Festnahme. Dieser Vorfall sollte noch für folgenreiche Umstrukturierungen im deutschen Justizvollzug sorgen.

Neben den Umstrukturierungen in der JVA Celle kam es auch zu einigen Veränderungen bei der Betreuung und Behandlung der Gefangenen. So ist es laut Pressesprecherin Linda Holexa „immer das Ziel, mit den Gefangenen, auch wenn sie zu einer langen Haftstrafe verurteilt wurden, Perspektiven zu entwickeln.“ Zudem wird die Möglichkeit geboten, „sich schulisch und beruflich weiter zu qualifizieren.“ Die JVA-Sprecherin erklärt außerdem, dass die MitarbeiterInnen speziell in Konfliktbewältigung und Selbstverteidigung geschult würden. „Für den Ernstfall, gibt es mit Polizeibehörden gemeinsam entwickelte Strategien, die regelmäßig aktualisiert werden“, so Holexa weiter. Für die Angestellten der JVA wurden dazu Personennotrufgeräte und andere Alarmierungsmöglichkeiten eingeführt, um das Sicherheitsniveau der Anstalt zu steigern.

Dennoch wird das Ereignis von 1995 nicht weiter zu Schulungs- bzw. Weiterbildungsmaßnahmen aufgearbeitet. Die Pressesprecherin äußert sich hierzu folgendermaßen: „Die räumlichen, personellen und technischen Bedingungen haben sich im Justizvollzug in den letzten 25 Jahren deutlich verbessert. Die damalige Situation kann deshalb in Aus- und Weiterbildungsmaßnahmen aktuell nicht mehr als Beispiel herangezogen werden. Vielmehr erfolgt eine Erörterung, Reflexion und Auswertung von aktuelleren Ereignissen.“

Aber auch in Zeiten der Corona-Pandemie sehen sich MitarbeiterInnen, Häftlinge und BesucherInnen der JVA mit Veränderungen in der täglichen Routine konfrontiert. So wurde zum Beispiel eine separate Station für Neuzugänge eingerichtet, um einen direkten Kontakt zu den bereits Inhaftierten zu umgehen. Die Insassen werden hier 14 Tage unter Quarantäne gestellt. Die Behandlungs- und Sportangebote finden trotzdem statt, allerdings in kleineren Gruppen und wenn möglich unter freiem Himmel. Daneben wurde die interne Schule der Anstalt geschlossen. „Wir haben uns alle Bereiche noch einmal genau angesehen. Aber die nötigen Abstände sind in den Unterrichtsräumen nicht einzuhalten“, so der Leiter der JVA, Thomas Papies, in einem Interview mit der Celleschen Zeitung. Ebenso spielt das Thema Vollzugslockerungen im Hinblick auf die Corona-Pandemie eine große Rolle. Diese werden nur vorgenommen, wenn es unumgänglich ist.

Auch die MitarbeiterInnen müssen mit einigen Änderungen in ihrem Arbeitsalltag rechnen. Solange sie sich nicht allein in einem Raum befinden, sind die Mitarbeiter dazu verpflichtet, einen Mund-Nasen-Schutz zu tragen. Außerdem wurde die Arbeitsgemeinschaft Pandemieabwehr von Papies eingerichtet. Leitende MitarbeiterInnen entscheiden in dieser AG, wie Risiken weiterhin vermieden werden können und wie mit der aktuellen Lage umgegangen werden soll. Hierfür werden Maßnahmen und andere Handlungsleitlinien festgelegt

 

Die BesucherInnen der JVA müssen sich ebenfalls an einige Vorgaben halten. Es muss unter anderem ein Frage- und Belehrungsbogen ausgefüllt werden. Hier wird neben dem Namen, der Anschrift und der Telefonnummer auch erfragt, ob in den letzten 14 Tagen Kontakt zu einer positiv getesteten Person bestand. Vor Ort wird die Körpertemperatur mit einem Stirnthermometer gemessen. Liegt die Temperatur über 37,5 Grad darf kein Besuch stattfinden. Darüber hinaus muss zu jeder Zeit ein Mund-Nasen-Schutz getragen werden. Sogenannte Face-Shields sind nicht gestattet. Außerdem darf innerhalb des Besucherraums keinerlei Bewegung stattfinden. Die Besuchsbereiche sind mit Plexiglasscheiben ausgestattet und Telefonhörer wurden zur besseren Verständigung installiert.

Des Weiteren ist sämtlicher Körperkontakt untersagt und es muss unter allen Umständen ein Abstand von eineinhalb Metern eingehalten werden. Eine Nutzung der Süßigkeiten- bzw. Getränkeautomaten sowie der Spielsachen für Kinder ist nicht mehr möglich. Darüber hinaus war es im März 2020 notwendig, die Besucherzahlen stark zu reduzieren und die Besuche teilweise ganz einzustellen.

Die Telefonzeiten der Insassen wurden aber im Gegenzug weit ausgedehnt. Außerdem wurde eine andere Möglichkeit eingeführt, um mit Angehörigen in Kontakt zu bleiben. „Wir haben sogar einen Skype-Raum, wo man sich beim Telefonieren gegenseitig sehen kann“, erzählt der Anstaltsleiter Thomas Papies im Gespräch mit der Celleschen Zeitung. Die Pressesprecherin Linda Holexa äußert sich zu diesen Einschränkungen wie folgt: „Unser Ziel ist es, so lange wie möglich Infektionsfälle aus der JVA Celle herauszuhalten. Was bisher zum Glück gelungen ist.“

Laut Angaben des Justizministeriums vom 8. Juli 2020 waren im Niedersächsischen Justizvollzug insgesamt vier Fälle bestätigt. In Bayern waren dagegen im Mai 2020 13 Inhaftierte und 28 BeamtInnen mit Covid-19 infiziert. Und im Juni 2020 verzeichnete das Justizministerium in Nordrhein-Westfalen elf Fälle unter den Häftlingen und 35 unter den BeamtInnen. In Hamburg wurden sogar 40 Personen, die Ersatzfreiheitsstrafen absitzen, aus dem Vollzug entlassen. Diese Maßnahmen wurden ergriffen, um unter anderem die Abstandsregelungen einhalten zu können. Auch in Berlin und Brandenburg wurden im März 2020, aus denselben Gründen, 19 Jugendliche aus dem Jugendarrest entlassen. 

 

Im März 2020 zeigt sich die JVA Celle mit einem leeren Besucherraum und leeren Innenhöfen. Thomas Papies freut sich vor allem über das Verständnis der MitarbeiterInnen und Gefangenen in Zeiten der Pandemie. 

Am Freitag folgt der dritte Teil unserer Serie "Geiseldrama von Celle". Unser Autor Jan-Ole betrachtet Niedersachsen aus der Vogelperspektive und erklärt, wie sich die Ausbruchsstatistiken seit 25 Jahren verändert haben. In dieser Zeit gab es einige spektakuläre Fluchten.