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Leben und Gesellschaft - Verbot, Verbrechen, Versuchung Fuck The System – Der Reiz des Verbotenen

Der Reiz des Verbotenen beginnt bereits mit kleinen Kavaliersdelikten. Das unbefugte Betreten eines Grundstücks, ohne Fahrschein in der Bahn oder ein kurzer Zug am Joint eines Freundes. Was reizt uns, die Regeln zu brechen?

Jannis R. beim Brechen eines Verbotes. (Quelle: Kassandra Lenser)

Schon die Bibel lehrte uns, wie verlockend das Brechen von Verboten sein kann. In der Schöpfungsgeschichte (Genesis 3) verführt die Schlange Eva im Garten Eden dazu, die verbotene Frucht vom Baum der Erkenntnis zu probieren. Obwohl Gott ihr dies zuvor verboten hatte, aß sie die Frucht. Das Problem scheint einleuchtend. Viele Menschen fühlen sich aufgrund von Verboten und sinnlosen Regeln in ihrer Freiheit eingeschränkt. Der Bruch der Regeln stellt ein Aufbegehren dar.

Verbote bedeuten Einschränkungen

Verbote und Regeln sollen ein harmonisches Leben innerhalb der Gesellschaft garantieren. Jedoch führen einige Verbote dazu, dass sich Menschen in ihrer Freiheit eingeschränkt fühlen. Das bedeutet, dass der Mensch in gewissen Situationen nicht frei handeln darf. Deshalb versuchen einige ihren Freiheitsspielraum so weit wie möglich zu wahren oder auszubauen, indem sie sich gegen die Einschränkungen wehren und Regeln brechen. In der Psychologie wird diese Motivation als Reaktanz bezeichnet. Dieses Phänomen reicht vom Impuls, kurz mal mit dem Finger über die Wand mit dem Schild „Frisch gestrichen“ zu streichen, bis zu größeren Vergehen wie Sachbeschädigung durch ein Graffiti.

Ein Gefühl von Unantastbarkeit

Mit hoher Wahrscheinlichkeit sind die meisten von uns schon einmal ohne Fahrkarte Zug, Bahn oder Bus gefahren. Die Motive für eine Fahrt ohne Ticket können unterschiedlich sein. In einigen Momenten scheinen wir keine andere Wahl zu haben. Wir brechen wissentlich die Regeln. Unter Zeitdruck steigen wir lieber ohne gültigen Fahrschein ein, als den Zug zu verpassen und ein Ticket zu ziehen. Auch Preise, die wir als zu hoch empfinden, sind ein Anreiz, die kurze Strecke vom Hauptbahnhof bis in die Innenstadt mal eben ohne Ticket anzutreten. Auch Jannis R. ist schon schwarzgefahren. Er selber wurde noch nicht erwischt, aber er sagt: „Ich hatte die ganze Zeit Angst, erwischt zu werden.“ Jannis glaubt, dass wenn er erwischt wird, er es wahrscheinlich bereut. Aber nach der Fahrt ohne Kontrolle bekäme der 20-Jährige ein Glücksgefühl und ein Gefühl von Unantastbarkeit.

Achtung, Betreten verboten!

Auch wenn uns Schilder unvermittelt sagen: „Betreten Verboten – Achtung Lebensgefahr!“, hält uns das nicht davon ab, unserem Trieb zu folgen. Das Mittelgebirge Harz bietet eine Vielzahl an verlassenen Gebäuden – einen Lost Place, wie man heute sagt. Obwohl mehrere Gebäude bereits abgerissen werden mussten, da sie hochgradig einsturzgefährdet sind, besucht Jan K. (22 Jahre) diese immer wieder. Er geht vor allem aufgrund der Geschichte gerne in die verlassenen Gebäude, aber ihm gefällt auch „das nächtliche Anschleichen und Verstecken, wenn jemand kommt“, sagt er. Er bekommt dann einen Adrenalinkick. Das ist wie im Film, wenn jemand in ein Gebäude einbricht. Er fühlt sich dann wie ein Kleinkrimineller und lacht dabei. Obwohl er weiß, dass er angezeigt werden kann, wenn er erwischt wird.

Strafen werden ausgeblendet

Diesen Nervenkitzel kennt auch Graffitisprayer ASK (19 Jahre). Der gebürtige Peiner war knapp vier Jahre lang in der Szene aktiv. Die Motive für ihn waren „der Adrenalinkick, erwischt zu werden oder laufen zu müssen, wenn es hart auf hart kommt.“ Auch fand er gut, dass seine Graffitis auf den öffentlichen Wänden von vielen Menschen gesehen wurden und nicht nur als Entwurf in seiner Schublade blieben. Härtere Strafen hätten ihn nicht abgeschreckt. Er meint: „Dann hätte ich versucht das besser auszublenden, einfach weiter eingeredet, dass ich gar nicht erwischt werde.“ Wenn Ihr mehr über ASK erfahren wollt, lest gern bis zum Schluss und schaut in den Infokasten.

Der Staat sollte nicht bestimmen

Sich nicht erwischen zu lassen, dieses Credo gilt auch für den Konsum von Drogen. Obwohl das Gesetz in Deutschland jegliche Art von Drogen verbietet, ist die Einstiegsdroge Cannabis besonders bei den Jugendlichen sehr beliebt. Aber auch Erwachsene konsumieren gelegentlich die in den Niederlanden legalisierte Droge. Auch ASK konsumierte bereits Cannabis – als Alternative zum Alkohol, zum Schlafen, zum Appetit anregen und für die Kreativität. Er ist der Meinung, dass der Staat nicht darüber bestimmen sollte, was „Einzelpersonen konsumieren, solange sie keinen Anderen schaden.“ Dabei beruft er sich auf mehrere Studien, die bereits belegen, dass „Cannabis weitaus weniger schädlich ist als Alkohol.“ Trotzdem ist Alkohol ab einem gewissen Mindestalter gesetzlich legal käuflich. Er geht soweit, dass er Cannabis als verschwendete Ressourcen für den Staat sieht: Aber dass die Drogendealer durch ihre illegalen Verkäufe ordentlich Umsatz machen, ist ein Fakt. Es gibt viele, die illegal Cannabis verkaufen. In Bezug auf Konsequenzen macht sich ASK keine Gedanken. Selbst wenn er einmal mit einer kleinen Menge im Gepäck erwischt wird, droht ihm nicht mehr als eine Geldstrafe. Auch wenn eine Freiheitsstrafe bis fünf Jahre rechtlich möglich wäre.

Hat Deutschland zu milde Strafen?

Die Oberstaatsanwältin Vera Junker schreibt als Antwort auf einen Leserbrief an den Tagesspiegel, dass bestehende harte Strafen „nicht das Allheilmittel“ seien gegen den Bruch von Regeln. Jedoch hat die Androhung von strafrechtlichen Konsequenzen auf den Großteil der Leute eine abschreckende Wirkung. Der Psychologieprofessor Werner Greve meint hierzu, dass es weniger um das Maß der Strafe geht, vielmehr um die geringe Wahrscheinlichkeit, beim Begehen einer Straftat erwischt zu werden. Die meisten Menschen wissen kaum um die rechtlichen Konsequenzen einer Straftat. Leute, wie ASK, Jan und Jannis, begehen Regelbrüche wie Schwarzfahren, das illegale Streamen von Filmen oder den Besuch eines verlassenen Gebäudes in der festen Annahme, dass sie nicht von den Behörden erwischt werden und ihnen keine Konsequenzen drohen.

Der Reiz des Verbotenen bleibt

Der Reiz des Verbotenen wird auch in Zukunft Menschen anziehen. Sei es, weil sie einen Adrenalinkick wollen oder wegen der geringen Wahrscheinlichkeit, entdeckt zu werden. Härtere Strafen scheinen die Regelbrecher nicht zu fürchten. Zwar wirkt die Androhung von Strafen laut Oberstaatsanwältin Vera Junker auf einen Großteil der Menschen, jedoch sind sie „nicht das Allheilmittel.“ Es wird sie wohl immer geben, die Zäuneüberkletterer, Wandbesprüher und Schwarzfahrer.

 

Wer ist ASK?

ASK hat schon mit 13 Jahren angefangen sich mit Graffiti zu auseinanderzusetzten. Inspiriert durch YouTube-Videos begann er, eigene Ideen auf den Wänden auszuprobieren. Er wählte bewusst Wände in Seitenstraßen aus, um nicht gesehen zu werden. Trotzdem fühlte er sich beobachtet. Vor zwei Jahren musste er sich den Konsequenzen stellen. Es kam zu einer Hausdurchsuchung bei ASK. Anlass dafür war ein anonymer Tipp. Er entging einer harten Strafe. Ein Kumpel hat positiv für ihn ausgesagt. ASK hat Verständnis dafür, dass seine Graffitis nicht allen Menschen gefallen und deshalb bestraft werden. Seine Strafe belief sich auf 1.000 Euro Reinigungsberühren und knapp 80 Sozialstunden. Das war für den damals 17-Jährigen „zu der Zeit schon extrem hoch.“ Das Risiko, bei einer Wiederholungstat eine noch höhere Strafe begleichen zu müssen sei schlichtweg zu groß. Deshalb hat ASK vor eineinhalb Jahren mit dem Sprayen aufgehört. Nach der Hausdurchsuchung hat er einen Eintrag in das Erziehungsregister bekommen. Er sei mit einem blauen Auge davongekommen, sagt er. Ob härtere Konsequenzen ihn vom Sprayen abgehalten hätten, verneint er.