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Leben und Gesellschaft - Menstruation, Frauen, Alternative Free Bleeding – Einfach laufen lassen?

Die Menstruation begleitet Frauen seit Anbeginn der Zeit. In der Neuzeit trug sie Menstruationsunterhosen aus Leder, im antiken Ägypten weichen Papyrus und im alten Rom hat sie sich mit Wachs überzogene Stoffrollen eingeführt. Auf die eine oder andere Weise haben es Frauen immer geschafft ihre Periode aufzufangen. Doch was passiert, wenn man seine Periode einfach laufen lässt?

Free Bleeding-Expertin Britta Wiebe (Quelle: Vulvani, www.vulvani.com)

Free Bleeding, beziehungsweise die freie Menstruation, macht die Nutzung von Periodeprodukten während der Menstruation theoretisch obsolet. Es geht bei der Menstruationspraxis nämlich darum, die Blutung natürlich abzulassen, ohne sie zu blockieren oder zu sammeln. Um den Prozess zu verstehen, ist es wichtig zu wissen, dass sich Menstruationsblut zunächst im Muttermund sammelt und nicht immer unkontrolliert läuft. Aus diesem Grund ist es Frauen, ähnlich wie Kleinkindern die an die Toilette gewöhnt werden, möglich zu lernen, ihre Menstruation bewusst und kontrolliert auszuscheiden. Dies geschieht durch dauerhafte innere Kommunikation, also in dem man ein Gefühl der Fülle entwickelt und somit nicht den Moment verpasst, um auf die Toilette zu gehen, bevor das Blut unkontrolliert ausläuft. Das Lernen, auf die Signale seines Körpers zu hören, aber auch Zeit und Geduld sind wichtige Begleiterscheinungen des Free Bleeding. Mit der Zeit kann man die Abstände zwischen seinen Toilettengängen verlängern und fühlt sich auch an Orten wohler, die keine Toilette in unmittelbarer Nähe haben. So sammelt man langsam immer mehr positive Erfahrungen und beweist sich selbst, was der Körper alles kann.

Die freie Menstruation kann nicht über Nacht erlernt werden, denn um einen aktiven Alltag ohne zusätzliche Periodenprodukte ausleben zu können, braucht es Übung. Die Free Bleeding-Expertin und Co-Gründerin der Vulvani Academy Britta Wiebe weiß, dass die freie Menstruation oft als etwas Radikales gesehen werde, wobei dies nicht der Fall sei. Häufig haben neugierige Frauen und Beginnerinnen Angst davor auf verschiedene Auswahlmöglichkeiten verzichten zu müssen, um die Menstruationspraxis richtig umzusetzen. Dabei sei es noch wichtiger sich keinen Druck zu machen und die beste Option für sich selbst zu wählen. „Jeder Blutungstag darf anders aussehen“, so die Expertin. Wichtig ist es nur sich selber zu motivieren, an sein Vorhaben zu glauben und sich ausreichend mit der weiblichen Periode als Teil seiner Biologie auseinanderzusetzten. Die Signale des eigenen Körpers gilt es dabei genau zu beobachten, weiß Britta. Stichwort innere Kommunikation. Auch ihr ist es anfangs schwergefallen, sich an die Umstellung zu gewöhnen. Mit der Zeit aber hat sie die körpereigenen Signale wahrnehmen und kontrollieren können. Ein sich anbahnender Schwall Blut kann mit etwas Übung frühzeitig bemerkt werden, woraufhin die Frau Zeit hat, die nächste Toilette aufzusuchen. Aller Anfang sei natürlich schwer.

Anfänger Tipps:

  • Probier dich am besten an einem Tag aus, an dem deine Blutung nicht so stark ist und du dich entspannen kannst.
     
  • Geh alle 30 bis 60 Minuten auf Toilette und schau was passiert, wenn du entspannst.
     
  • Damit die Angst vor dem Durchbluten keinen zusätzlichen Stress auslöst, kannst du zur Übung oder als zusätzlichen Schutz weiterhin Periodenprodukte wie Periodenslips nutzen.

Besonders Generation Y und Z ist sehr auf Nachhaltigkeit bedacht. Wir setzen uns für den Klimaschutz ein und kaufen verstärkt Bio- oder lokale Produkte. Wieso sollte dies bei der Periode nicht auch der Fall sein? Eine Frau verbraucht in ihrem Leben mehr als 10.000 Einwegtampons und Binden. Die kurzlebigen Produkte schaden jedoch nicht nur der Umwelt. Sie können auch gesundheitsschädlich sein und sind obendrein ziemlich teuer. 

Trotz seiner Vorteile erfährt auch die Free Bleeding-Bewegung Kritik. Dem Vorwurf, die freie Menstruation sei ein Trend privilegierter Frauen, weil ihnen im Gegensatz zu anderen Frauen Periodeprodukte zur Verfügung stehen würden und sie diese bewusst trotzdem ablehnen, kann Britta Wiebe nur widersprechen: „Free Bleeding ist kein Trend, sondern eine bewusste Auseinandersetzung mit der Menstruation.“ Als langjährige Nutzerin der Menstruationspraxis ist sie der Meinung, dass es allgemein ein Privileg sei aus verschiedenen Periodeprodukten wählen zu können. Die freie Menstruation sei hierbei eine mit Menstruationstassen und Unterwäsche oder Tampons zu vergleichende Option. Die Expertin verdeutlicht zudem, dass sie nicht auf Periodeprodukte verzichte, weil dies cool sei, sondern sie diese mittlerweile nicht mehr brauche. Besonders während ihrer Periode ist sie mit ihrem Körper in Einklang.

Die Periode wird von jeder Frau anders erlebt und auch der Umgang mit ihr ist vielfältig. Es gibt nicht den einen universell richtigen Weg sie zu durchleben. Sollte man jedoch daran interessiert sein eine natürliche, umweltschonende und kostengünstigere Menstruation zu erfahren, sollte man sich nicht scheuen Free Bleeding auszuprobieren. Feel, let it go and grow with the flow.