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Leben und Gesellschaft - Liebe, Flucht, Ehrenmord Flucht aus Liebe – Wenn die eigene Familie zum Gegner wird

Als junge Frau verliebte sich Canan in Onur. Ihre Familie war gegen das Paar. Um zusammen bleiben zu können schien die Flucht in ein anderes Land der einzige Ausweg. Von jetzt auf gleich stellte sich ihr gesamtes Leben auf den Kopf.

Für die gemeinsame Liebe flüchteten Canan und Onur Cetin nach London. (Quelle: Canan Cetin)

Nach monatelangem Kopfzerbrechen, Tränenvergießen, Diskussionen und Streit ist es soweit. Die Entscheidung ist gefallen, wenn auch zu Beginn nicht ganz leicht. Die Klamotten und Reisedokumente sind eingepackt. Jetzt geht es fort. Nicht nur aus der Wohnung, nicht nur aus der Stadt, sondern fort aus Deutschland. Nach England und zur großen Liebe. Ein großes Abenteuer oder vielleicht doch die härtesten Momente des Lebens? Voller Ungewissheit und Überforderung beginnt ein neuer Lebensabschnitt für Canan und Onur Cetin. Ohne einen Alternativplan. 2003 – das Jahr, in dem das Paar so viel Mut, Ehrgeiz und Liebe bewiesen hat, wie nie zuvor. Ein neues Kapitel beginnt in ihrem Leben: Ohne Familie, aber mit der großen Liebe in London.

Canan Cetin erzählt von ihrer besonderen Lebensgeschichte:

Canan war mit ihren damaligen 18 Jahren deutlich jünger als der bundesweite Durchschnitt junger Erwachsene, die ihr Zuhause verlassen. Laut Eurostat lag 2019 das Durchschnittsalter von Frauen bei 23 und von Männern bei 24 Jahren. Im Vergleich zu den süd- und osteuropäischen Ländern ist der Altersdurchschnitt bei Jugendlichen in Deutschland eher niedrig. Im Normalfall können laut dem Statistischen Bundesamt Gründe für einen Auszug von Jugendlichen die Ausbildung, das Studium oder das neue Jobangebot sein. Doch in manchen Fällen kann das Problem, laut den amerikanischen Psychologen Hakan Stattin und David Magnusson, stattdessen an der Eltern-Kind-Beziehung liegen. Die beiden Psychologen haben das Verlassen des Elternhauses von jungen Frauen untersucht. Sie kamen zu dem Schluss, dass konfliktreiche oder stark einengende Familiensituationen schwerwiegende Gründe bei jungen Frauen für das frühzeitige Verlassen des Elternhauses sein können.

Einen großen Einflussfaktor in der Eltern-Kind-Beziehung kann der eigene Partner darstellen und somit eine Konfliktsituation auslösen. Die österreichische Hilfestelle für Kinder und Jugendliche Rat-auf-Draht erklärt, dass es vielfältige Ursachen für das Nichtakzeptieren des Partners oder der Partnerin geben kann. Die persönlichen Ängste der Eltern oder die kulturellen und religiösen Bedingungen der Familie können Gründe dafür sein, dass der Partner des eigenen Kindes nicht akzeptiert wird. Doch was ist, wenn dies zu tiefgründigen Auseinandersetzungen führt, sodass das Kind als letzte Möglichkeit die Flucht ergreift? Canan erinnert sich an ihre Gedanken und Gefühle vor ihrer Flucht.

Canans Vater hatte kurz vor der gemeinsamen Flucht von ihren Plänen erfahren. Denn ihr Ehemann Onur erzählte kurz vorher ihrer Mutter von ihrem gemeinsamen Fluchtplan. Sie teilte ihr Wissen auf schnellstem Wege mit ihrem Ehemann. Er versuchte Canan aufzuhalten. Am Flughafen traf er sie nicht mehr an, doch wusste er wohin seine Tochter wollte und stieg in den nächsten Flieger nach London, um sie dort am Flughafen abzufangen. Beide landeten gleichzeitig, doch sind sie sich nicht begegnet. Canans Vater verließ einige Minuten vor Canan und Onur den Flughafen und nahm an, sie verpasst zu haben. Sowohl das Telefon von Canan als auch das von Onur waren ausgeschaltet, weshalb er keinen von ihnen erreichen konnte. Daraufhin machte er sich auf den Weg und fragte Bekannte aus London, ob sie wissen, wo sich Onur aufhalte, denn Onur hatte bereits einige Kontakte in London geknüpft. In einer riesigen und fremden Stadt, wie London, schien es unmöglich, die beiden zufällig zu finden. Am nächsten Tag waren die Telefone von Canan und Onur wieder eingeschaltet. Canans Vater kontaktierte sofort Onur und bat um ein Treffen, um den Konflikt einmalig zu klären. Canan erzählt, wie das Treffen mit ihrem Vater damals ablief und von ihrer ersten gemeinsamen Zeit mit Onur in London.

Bevor Canan zu Onur nach England zog, arbeitete er neben seinem Studium auf einem Bauernhof, um sich sein Leben zu finanzieren. Doch eine Person mehr bedeutete gleichzeitig auch mehr Kosten. Die Wohnungen in London seien sehr teuer gewesen. Daher konnten sie sich gemeinsam lediglich eine bereits möblierte Einzimmerwohnung, für umgerechnet 1.000 Euro im Monat, leisten. Ihr Budget war zu gering, um eine größere Wohnung zu mieten.

Daher nahmen sowohl Canan als auch Onur einen Job bei McDonalds an. Beide arbeiteten enorm viel. Canan arbeitete zusätzlich in einem Krankenhaus in London. Freizeit oder Zeit mit dem Partner ließen sich aufgrund der Schichtarbeit von Canan nur bedingt einrichten. Die meiste gemeinsame Zeit konnten sie lediglich während ihrer Arbeitszeit bei McDonalds verbringen.

Doch Canan und Onur machte diese Situation nichts aus. Das Einzige, was für sie zählte, war endlich zueinander gefunden zu haben. Ein ganzes Jahr verging und sie sammelten viele Lebenserfahrungen: berufliche Veränderungen, Hochzeit, Schwangerschaft. In kürzester Zeit veränderte sich ihr ganzes Leben. 2004 kam das erste gemeinsame Kind auf die Welt. Canan wollte ihr Kind nicht in England auf die Welt bringen, da sie die Hygienevorschriften dort stark kritisierte. Während ihrer Tätigkeit im Krankhaus hat sie viele negative Erfahrungen zum dortigen Hygienestandard sammeln können. Deshalb beschloss sie, nach Deutschland zurückzukehren und ihr Kind dort auf die Welt zu bringen. In diesem Jahr wurden sie zu einer richtigen kleinen Familie.

Eine Familie, wie sie laut einer Umfrage der österreichischen Online- Marktforschungs-GmbHmeinungsraum.at, von den meisten Menschen mit den Begriffen Geborgenheit, Liebe, Zusammenhalt, aber auch Rückhalt assoziiert wird, war Canan sehr fremd. Doch umso wichtiger war es ihr, gemeinsam mit Onur ihre eigene kleine Familie zu gründen. Sie haben eine neue individuelle Bedeutung von Familie für sich geschaffen. Die Beziehung zu ihren Eltern ändert sich erst wieder als Canan mit ihrem zweiten Kind schwanger war. An ihrer Entscheidung würde sie aber auch heute nichts ändern, erzählt sie.

Die Geschichte der beiden ist nur eine von vielen. Canan und Onur hatten sehr viel Glück, dass sie ihr Leben selbst gestalten konnten und heute glücklich sind. Kein glückliches Ende nahm die Lebensgeschichte der damals deutsch-kurdischen Jesidin Arzu Özmen. Laut Polizei-Deutschland tolerierten die Eltern von Arzu ihre Beziehung zu ihrem damaligen Freund nicht. Arzu hatte sich in einen jungen Mann verliebt, der nicht den Anforderungen ihrer Eltern entsprach. Die Eltern zwangen ihre Tochter dazu, ihre Beziehung zu beenden. Doch Arzu wollte dies nicht und floh aus ihrem Elternhaus. Daraufhin hatte ihre Familie sie aufgespürt und nahm sie gewaltsam als Geisel. Am 1. November 2011 hat Arzus Bruder Osman Özmen sie durch zwei Kopfschüsse ermordet. Ihr Bruder bezeichnete seine Gewalttat als Ehrenmord.

Laut Tagesspiegel wurde auch der Mord an Hatun Sürücü als Ehrenmord von ihrem jüngsten Bruder betitelt. Die Deutsch-Kurdin lebte bei ihren Eltern in Berlin und verfügte kaum über Rechte in ihrer Familie. Ihre Familie zwang sie zu einer Hochzeit mit ihrem Cousin und schickte sie zu ihm nach Istanbul. Doch Hatun wollte aus diesem Leben ausbrechen. Sie ist mit ihrem Sohn aus Istanbul nach Berlin geflohen und wollte ein neues, unabhängiges sowie freies Leben führen. Als ihre Familie von ihrer Flucht erfuhr, suchte ihr jüngster Bruder sie auf. Dieser nahm Hatun am 7. Februar 2005 in einer Bushaltestelle in Berlin-Tempelhof mit drei Kopfschüssen das Leben.

Für Canan und Onur hätte also auch alles anders laufen können. Sie können sich glücklich schätzen, dass sich ihr Leben so stark ins Positive verändert hat. Die beiden werden noch ihren Urenkeln von ihrer Liebesgeschichte erzählen. Sie mussten viel durchmachen und haben schwierige Zeiten erlebt. Ihre Liebe hat sie aber immer zusammengehalten. Ihre Liebe hat sie immer stärker werden lassen. Ihre Liebe ist der Schlüssel zu ihrem Glück.

Eine professionelle, anonyme und kostenlose Hilfe ist hier zu finden:

TelefonSeelsorge

  • Telefon: 0800-1110 111 • 0800-1110 222
  • Internetseite: www.telefonseelsorge.de

Nummer gegen Kummer

  • Telefon: 0800-116 111
  • Internetseite: www.nummergegenkummer.de

Für weiterhin Interessierte – Hier erzählt der Ehemann Onur Cetin von seiner Perspektive zu ihrer Lebensgeschichte: