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Leben und Gesellschaft - Feminismus Feminismus ist mehr als ein H&M-T-Shirt

FeministIn sein geht so einfach. Auf der Website von Areyouafeminist genügen ein paar wenige Klicks um festzustellen, dass man FeministIn ist. Jetzt noch das H&M-T-Shirt mit #feminism angezogen und man zeigt der ganzen Welt ganz authentisch, was Sache ist. Die eigentliche Idee des Feminismus geht in der Oberflächlichkeit schnell verloren.

Frauen und Männer müssen sich im Kampf gegen Ungleichheiten verbünden und einfach Mensch sein. (Quelle: Sanja Padial)

„Die einzige Frauenbewegung, die ich respektiere, ist Twerken“ rappt Farid Bang, ein deutscher Gangster-Rapper, 100 Jahre nachdem in Deutschland das Wahlrecht für Frauen etabliert wurde und der 8. März als internationaler Frauentag ein Feiertag in Berlin werden soll. Ein Jahr nachdem das Hashtag #MeToo für eine neue Debatte über die Gleichberechtigung von Frauen und Männern sorgte.

Seit August Bebel, seinerzeit Politiker und Publizist, im Jahr 1879 sein Buch „Die Frau und der Sozialismus“ veröffentlichte, galt er als der erste Feminist Deutschlands. Er kämpfte für die Gleichberechtigung und das Wahlrecht für Frauen, in einer Zeit, in der ein Kaiser regierte und Frauen lediglich als Gattin und Mutter fungierten. Ohne die Erlaubnis ihres Mannes durfte eine Frau weder arbeiten, noch frei über ihr Geld verfügen. Zu dieser Zeit war es ebenfalls üblich, dass Frauen weniger Geld als Männer für die gleiche Tätigkeit bekamen. Sind wir im Jahr 2018 immer noch so weit von der Gleichstellung entfernt wie im 19. Jahrhundert? In einer Demokratie, in der es eine Bundeskanzlerin gibt, verdienen Frauen trotzdem immer noch weitaus weniger als Männer im gleichen Berufsfeld. Ist die Politik von einer geschlechtergerechten Repräsentation immer noch weit entfernt, so sollte es doch in den Unternehmen unseres Landes anders laufen. Der Ruf nach Frauenquote, gegen die Gender Pay Gap und für mehr Feminismus und Gleichstellung erschallt überall. Ist der Feminismus eine Bewegung zur Veränderung der patriarchalen Kultur oder versteckt sich dahinter doch nur Männerhass in seiner indirektesten Form?

Geschlechterrollen in der Kritik

Eine gerechte Gesellschaft für alle Geschlechter. Das ist laut einer Definition von Julia Korbik aus ihrem 2014 erschienenem Werk „Stand Up: Feminismus für Anfänger und Fortgeschrittene“, das Ziel, welches der Feminismus verfolgt. Klingt simpel und logisch. Doch forscht man etwas tiefer, so landet man in den Abgründen jahrzehntelanger Unterdrückung, Diskriminierung und falschen Annahmen von Meritokratie. Zuerst sollte man definieren, was Geschlecht überhaupt bedeutet. Bei einer simplen Google-Suche taucht die Definition auf, dass Geschlecht die „Gesamtheit der Merkmale, wonach ein Lebewesen in Bezug auf seine Funktion bei der Fortpflanzung als männlich oder weiblich zu bestimmen ist“. Im „Lexikon für Psychologie und Pädagogik“ wird Geschlecht als Charakteristika beschrieben, das Menschen anhand ihres anatomischen Geschlechts und ihrer spezifischen Rollenangebote definiert. Also zählen zu den physischen Geschlechtsmerkmalen, wie den Geschlechtsorganen, Chromosomen und Gonaden, auch die vorgefertigten Rollenbilder von Jungen und Mädchen seit frühester Kindheit. Jungs spielen mit Autos, Mädchen haben ihre Puppen. Jungs sind laute Rüpel, Mädchen die Unschuld in Person. Jungs hauen auch mal auf den Tisch. Mädchen lächeln nett und klimpern mit den Wimpern. Typische, frühkindliche Rollenklischees, die sich wie ein roter Faden bis zum Erwachsenenalter hindurchziehen. Wundert es da noch jemanden, dass Frauen es nicht in die Führungspositionen schaffen, wenn sie immer nur nett lächeln und mit den Wimpern klimpern? Braucht es doch in der Führungsebene Menschen, die auch mal auf den Tisch hauen können. Eben jene Rüpel, die schon in jungen Jahren gelernt haben, sich durchzusetzen. Und genau hier beginnt der Feminismus.

Die Vorstellungen von Männlichkeit sind längst überholt, ebenso wie die von zurückhaltender Weiblichkeit. Auch Jungs dürfen mit Puppen spielen, Gefühle zeigen und mit den Wimpern klimpern, auch Frauen dürfen auf den Tisch hauen und ihre Meinung verkünden. Männer sollten sich nicht davor fürchten, Gefühle zu zeigen. Schreibt man ihnen doch weibliche Züge zu, scheint es für die meisten Männer eine negative Bezeichnung zu sein. Somit ist Weiblichkeit bei vielen Männern bereits von Kindheit an etwas Schwaches.

So steht auf der wenig seriösen Internetseite „WikiMANNia“, gegründet von einer antifeministischen Gruppierung: „Feminismus ist ein skrupelloses Netzwerk aus narzisstischen Frauen und unterwürfigen Männern. Es ist das Vehikel für typisch schlechte weibliche Eigenschaften, wie Ausflüchte, Ausreden, Falschbeschuldigung, Lügen, Verzerrung, Ablenkung, Schuldabweisung oder Besserwisserei, mit dem Ziel Männlichkeit abzuwerten und die Verantwortungslosigkeit von Frauen mit der Privilegierung von Frauen zu rechtfertigen und durchzusetzen. Feminismus ist die Heiligsprechung des weiblichen Egoismus!“ Inhaltlich kann diese „Wissensdatenbank“ weder faktisch noch datenbasiert überzeugen. Ein einseitiges, klischeehaftes Bild von Männlichkeit und Weiblichkeit erschwert somit die feministische Arbeit enorm. Muss man doch auch daran arbeiten, dass sich Männer nicht gleich in ihrer Männlichkeit bedroht fühlen, wenn eine Frau in den Vorstand gewählt wird oder die Frauenquote im Unternehmen durchgesetzt wird.

Dass man sich nicht erst in der Unternehmensführung mit dem Thema Gleichstellung und Feminismus beschäftigen sollte, liegt somit auf der Hand. Viel zu verwurzelt ist das Dickicht aus Rollenbildern und Ungleichheiten. Selbst die Wahl des Studienganges kann durch ein Rollenbild beeinflusst werden.

Die Studenten des AStA der Technischen Universität in Braunschweig beschäftigen sich neben ihrem Studium mit Themen der Gleichstellung und Feminismus. Wie sich das aus Sicht einer Studentin anhört und was sie über die Rollenverteilung der Geschlechter denkt, verrät uns Greta, Vorstandsmitglied des AStA, in einem Interview.

Salonfähiger Feminismus

Einst als Schimpfwort verschrien, ist der Feminismus wieder salonfähig geworden. Stars wie Beyoncé und Emma Watson setzen sich für die Rechte der Frauen ein und nennen sich stolz Feministinnen, Modeketten wie H&M werben mit feminism-Shirts und auf der ganzen Welt versammeln sich Frauen, um am 8. März eines jeden Jahres für den Weltfrauentag zu demonstrieren. Durch die daraus resultierenden Regelungen der Frauenquote in Aufsichtsräten und Vorständen, hat sich seitdem viel geändert. Jedoch ist eine gerechte Verteilung von Macht und Ressourcen bei weitem noch nicht gegeben. In den Führungspositionen der deutschen Wirtschaft haben es Frauen oftmals schwer.

Um diesen Ungleichheiten entgegenzuwirken, greift das Gleichstellungsgesetz auf Länderebene unterstützend zum Grundgesetz. Im Grundgesetz Artikel 3 stehen die Grundrechte zur Gleichheit und Gleichberechtigung geschrieben. „Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich“ heißt es dort, sowie „Männer und Frauen sind gleichberechtigt. Der Staat fördert die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern und wirkt auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin.“Jedoch bedeuten gleiche Rechte nicht automatisch, dass auch Gleichberechtigung herrscht. Somit wurde das Gleichstellungsgesetz hinzugefügt, das für Männer und Frauen identische Chancen schafft.

Was sagt die Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Braunschweig, Marion Lenz, zu Themen wie Feminismus und der Frage, ob Feminismus reine Frauensache ist? 

Jedoch bleibt die Frage, ob Frauenquoten in Unternehmen wirklich zur Gleichberechtigung beitragen, oder Männer mit gleichen oder besseren Qualifikationen schlichtweg benachteiligt werden. Fest steht, Gleichberechtigung ist nicht nur Frauensache. Männer spielen eine genauso wesentliche Rolle, denn auch für sie muss sich einiges ändern, ansonsten wird die Diskriminierungsdebatte nur von einem zum anderen Geschlecht abgewälzt.

Arbeitssituationen müssen attraktiver gestaltet werden, damit sich auch mehr Männer dazu entschließen, zuhause zu bleiben und in den Vaterschutz gehen. Sie dürfen nicht das Gefühl haben, alle Privilegien, die sie bewusst oder unbewusst genießen, zu verlieren. Neue Privilegien und Chancen müssen geschaffen werden, um eine Gleichberechtigung, die von allen Seiten verfolgt wird, zu erreichen. Gleichberechtigung und Feminismus darf nicht als Nachteil gesehen werden, sondern als Vorteil für die Gesellschaft, die eine komplette Veränderung benötigt. 

Somit ist der Feminismus nicht bloß eine reine Frauenbewegung, sondern versucht vielmehr die Missstände in unserer Kultur von Grund auf zu beheben und ein gerechtes Leben für jeden auf dieser Welt zu ermöglichen. Wie heißt es so schön auf der Homepage der „UN Women“, dem nationalen Komitee Deutschlands: „Von einer Welt ohne Stereotypen und Rollenzwänge profitieren wir alle.“