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Leben und Gesellschaft - Ernährung, Binge Eating, Essstörung Essen bis nichts mehr geht

Essen dient vielen als Mittel, um emotionalen Stress oder negative Gefühle zu bewältigen. So lange und so viel essen, bis nichts mehr geht. Nicholas Perry hat es sich zu seinem Beruf gemacht, vor laufender Kamera überproportionale Mengen an Lebensmitteln einzunehmen.

Binge Eating: Die bisher am weitesten verbreitete, dennoch am wenigsten erforschte Essstörung. (Quelle: iStock)

Nicholas sitzt auf dem Boden. Hinter ihm befindet sich eine kahle, weiße Wand. Vor ihm steht ein schwarzer Tisch mit seiner heutigen Mahlzeit: das gesamte Nahrungssortiment einer philippinischen Fastfood-Kette. In seiner Hand hält er eine Schale mit Nudeln. Nicholas wirft noch einen kurzen Blick auf die Nudeln, bevor er sie im nächsten Augenblick verschlingt. Im nächsten Moment beißt er in einen Hähnchenflügel, gefolgt von Pommes. „Heeeey everybody, it’s meee. Nick Avocado.” ruft der 27-jährige Mukbang-Star, der auf YouTube mit 1,8 Millionen Abonnenten als „Nikocado Avocado“ bekannt ist, seinen Zuschauern vor dem Bildschirm zu. In seinem Video „Entire Jollibee Menu Challenge - Mukbang“ kauft er das gesamte Angebot der Fastfood-Kette „Jollibee“ in den USA ein, um es vor laufender Kamera zu testen, während er mit seinen Zuschauern interagiert.

Auch wenn Mukbang und Binge-Eating nur wenig gemeinsam hat, wirft Nicholas‘ Essverhalten Ähnlichkeiten mit der Binge-Eating-Störung auf. Bei der bisher am wenigsten erforschten, aber dennoch am weitesten verbreiteten Essstörung, im englischen Binge-Eating-Disorder (BED), leiden Betroffene unter unkontrollierten und immer wiederkehrenden Essattacken. Dabei nehmen sie, unabhängig von ihren Hungergefühlen, in einem äußerst kurzen Zeitraum eine überdurchschnittliche Menge an Nahrung ein. So auch Nicholas, der in einer Sitzung bis zu 10.000 Kalorien zu sich nimmt. Der tägliche Kalorienbedarf bei Männern im Alter von 25 bis 51 Jahren liegt im Vergleich bei ungefähr 2.400 Kalorien.

Die Ursachen für die Binge-Eating-Störung sind vielfältig, allerdings gibt es zwei Hauptfaktoren: zum einen kann Binge-Eating durch psychische Störungen, die durch psychische Erkrankungen in der Familie, Missbrauch oder durch ein negatives Selbstwertgefühl ausgelöst werden, entstehen. Zum anderen sind Betroffene in ihrer Kindheit häufig übergewichtig. Strenge Ernährungspraktiken der Eltern wirken sich negativ auf das Essverhalten der Kinder aus, wenn sich die Nahrungsportion des Kindes nicht nach seinen Bedürfnissen richtet. Nicholas Perry ist in einer Familie aufgewachsen, die Essen liebt. Er habe in seiner Kindheit bei seinen Eltern immer drei Kühlschränke voller Essen gehabt. Mit BED werden Menschen diagnostiziert, die mindestens einmal die Woche über drei Monate hinweg eine Essattacke erleben. Derzeit lädt Nikocado Avocado auf seinem Hauptkanal mindestens zwei Videos in einer Woche hoch, auf seinem zweiten Kanal sogar jeden Tag ein Video. In jedem davon nimmt er Massen an Nahrungsmitteln zu sich.

Anders als bei Bulimiekranken, ergreifen Binge-Eater keine Gegenmaßnahmen wie Erbrechen oder Sport, um eine Gewichtszunahme zu verhindern. Aus diesem Grund geht Binge-Eating meist mit Übergewicht einher. Bei Nicholas lässt sich ebenfalls über die Jahre eine Gewichtszunahme feststellen. Auf seinem zweiten YouTube Kanal lautet ein Videotitel sogar ,,I keep gaining weight & now I don’t care anymore“ („Ich nehme immer mehr zu und mittlerweile interessiert es mich nicht mehr“). Das Übergewicht wirkt sich auf die körperliche Gesundheit des Betroffenen aus. Demnach kann Binge-Eating zu chronischer Müdigkeit, Atemprobleme, Diabetes und auch Herz-Kreislauf-Störungen führen.

Die Binge-Eating-Störung kann mit Hilfe von verschiedenen Therapien behandelt werden. Eines dieser Therapien ist die kognitive Verhaltenstherapie, in der der Patient neue Denkmuster und Verhaltensweisen einübt und sich aktiv an seinem Heilungsprozess beteiligt. Eine weitere Therapie, die in Verbindung mit der kognitiven Verhaltenstherapie empfohlen wird, ist die interpersonelle, die am sozialen Umgang mit anderen Menschen arbeitet. Denn die steigende soziale Kompetenz verringert das Verlangen nach unkontrolliertem Essen.

Zwar hat Nikocado Avocado öffentlich nie zugegeben, dass er von der Binge-Eating-Störung betroffen ist, dennoch zeigen seine Videos ein gestörtes Essverhalten auf, das den täglichen Nahrungsbedarf eines 27-Jährigen enorm übersteigt. Dieses Essverhalten kann für Zuschauer, die bereits eine verzerrte Wahrnehmung oder ein gestörtes Essverhalten haben, alarmierend wirken und Essattacken auslösen. Letztendlich sollte sich jeder über die gesundheitlichen Folgen von Binge-Eating bewusst sein: Zunächst ist es Übergewicht, das mit der Zeit allerdings zu schwerwiegenderen Folgen, wie zum Beispiel Herz-Kreislauf-Störungen, einem Schlaganfall oder einem Herzinfarkt, führen kann. Aus diesem Grund sind Nikocados Mukbang-Videos und die vieler anderer YouTuber mit Vorsicht – oder wie beim Naschen in Maßen und nicht in Massen – zu genießen.