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Leben und Gesellschaft - Bildung Erst Schiller – dann Steuer?

Es klingt nach einem ganz normalen Lebensplan: Nach der Schulzeit ein selbstständiges Leben führen. Eine Kolumne von Tobias Reller über die Mängel des Schulsystems und die eingeschränkte Eigenständigkeit von Abiturienten.

(Quelle: Pexels)

Nach der Schule wollte ich endlich ein unabhängiges Leben führen. Schließlich habe ich zwölf Jahre damit verbracht zu lernen und mich zu entwickeln. Die Realität sah jedoch anders aus.

Heute, ungefähr drei Jahre und eine abgeschlossene Ausbildung später, frage ich mich, wie mein Leben nach der Schulzeit ohne Unterstützung ausgesehen hätte. Was wäre, wenn mich meine Eltern nicht bei meinen Bewerbungen unterstützt hätten? Gleiches gilt für die Wohnungssuche. Wie hätte ich welche Formulare ausfüllen müssen? Ganz zu schweigen von der Steuererklärung, die mir bis zu dem heutigen Tag ein Rätsel ist.

Ich hatte in diesen Punkten Glück, dass meine Eltern mir zur Seite standen. Doch das geht nicht allen so. Man beginnt sich zu fragen, ob die Schule nicht eine größere Rolle zur Vorbereitung auf das künftige Leben spielen sollte.

Ein Post aus dem Jahr 2015 von einem Mädchen auf Twitter bringt das Dilemma, in dem sich viele junge Erwachsene wiedererkennen, gut auf den Punkt. Sie schreibt: „Ich bin fast 18 und hab keine Ahnung von Steuern, Miete oder Versicherungen. Aber ich kann ’ne Gedichtsanalyse schreiben. In 4 Sprachen.“ Dieser Post ging im Internet viral und löste eine große Debatte darüber aus, ob die Schulbildung nicht auch mehr lebensnahe Inhalte vermitteln sollte. Sie schien einen Nerv getroffen zu haben, denn viele stimmten ihr zu. Einschließlich mir.

Dass die Schule den SchülerInnen einen gewissen Grad an Allgemeinbildung ermöglichen soll, ist klar. Jedoch steht im niedersächsischen Schulgesetz für Real- und Hauptschulen, dass die vermittelte Allgemeinbildung „sich an lebensnahen Sachverhalten ausrichtet“. Eine offene Formulierung, die durchaus auch die im Post angeführten Aspekte beinhalten könnte. Kurioserweise entfällt dieser Satzabschnitt bei Gymnasien, da sich die erworbene Allgemeinbildung hierbei ausschließlich auf die Studierfähigkeit bezieht.

Baustelle Finanzen

Umfragen zufolge kennen sich lediglich acht Prozent der jungen Erwachsenen bis Mitte 20 gut oder sehr gut mit Finanzen aus. Auch bei der Elterngeneration sind es nur knapp 13 Prozent. Umso komplexer das Thema, desto mehr Schwierigkeiten entstehen. Die Altersvorsorge sowie die Aufnahme von Krediten stellen die größten Probleme bei Jugendlichen dar. Dabei wünschen sich ein Großteil der Befragten eine bessere Aufklärung in der Schule, was das Thema Finanzen angeht.  Warum nehmen sich Schulen diesem Thema also nicht an? Es werden Fächer wie Chemie, Geschichte oder Politik unterrichtet. Warum sollte es kein Fach geben, was sich mit dem Thema Finanzen befasst? Dort könnten sich die SchülerInnen von der Altersvorsorge bis zu den Steuern mit allen relevanten Thematiken befassen. Das Wissen können sie letztlich für zukünftige Fragestellungen im Alltag nutzen. Wie dies umgesetzt werden kann und welche Voraussetzungen dafür geschaffen werden müssten, muss an anderer Stelle weiter diskutiert werden.

Das Schulsystem sollte letztendlich versuchen, mehr lebensnahe Thematiken in ihren Lehrplan mit einfließen zu lassen. Das würde gerade die Zeit nach dem Schulabgang für viele junge Erwachsene deutlich erleichtern. Selbstverständlich kann die Schule die Absolventen nicht allumfassend auf ihr selbstständiges Leben und die damit verbundenen Herausforderungen vorbereiten. Allerdings kann sie in bestimmten Bereichen Sicherheit vermitteln, sodass es SchulabgängerInnen leichter fällt, mit diesen Themen umzugehen und ihnen Probleme zum Teil erspart bleiben.