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Leben und Gesellschaft - Ängste, Telefonate, Telephonophobie Die Angst vor dem anderen Ende der Leitung

Was tun, wenn das Annehmen eines Anrufs deine größte Angst ist? Dieser Frage sind Telephonophobiker tagtäglich ausgesetzt. Sie haben, wie es der Name schon andeutet, Angst vor dem Telefonieren. Auch unser Autor Iorvik kennt dieses Problem.

Für Betroffene von Telephonophobie stellt sich bei dem Blick aufs Handy oft die Frage: „Muss ich da wirklich rangehen?“ (Montage: Jan-Ole Smidt)

Es klingelt. Ein Schauder überkommt mich. Angespannt wandert mein Blick zum Telefon. Erneutes Klingeln. Ich spüre, wie sich meine Nackenhaare aufstellen. Das Herz schlägt mir bis zum Hals. Jetzt bloß nicht die Nerven verlieren. Zitternd tastet meine Hand Richtung Apparat. Drrring! Warum nur wirkt dieser Klingelton so unglaublich einschüchternd? Ich atme tief durch, drücke auf Annehmen. „Hallo?“, möchte ich von mir geben, doch meiner Kehle entkommt nur ein trockenes Räuspern. Plötzlich regt sich etwas am anderen Ende der Leitung. „Guten Tag. Spreche ich mit...“. Ich lege auf, wische mir den Schweiß von der Stirn.

Wenn es etwas gibt, das ich hasse, dann sind es Anrufe. Auch, wenn sich mein Verhalten seit diesem Telefonat weitestgehend normalisiert hat, so ist und bleibt mir diese Art des Ferngesprächs einfach unangenehm. Überhaupt bin ich der Meinung, dass Telefonieren ganz und gar nicht in die heutige Zeit passt. Es wirkt viel zu aufdringlich, immer das „direkte indirekte“ Gespräch zu suchen. Warum nicht einfach schreiben? Warum nicht dem Gesprächspartner Zeit zum Nachdenken und Antworten geben?

Laut einer Umfrage, im Rahmen einer britischen Studie, werden 70 Prozent der Millennials nervös, wenn ihr Handy klingelt. Das Problem wiederum kenne ich nicht. Als Student ist man schließlich verantwortungsbewusst und hat sein Mobiltelefon stets auf lautlos während der Seminare (und ich für meinen Teil auch gerne darüber hinaus).

Natürlich habe ich mich gefragt, was wohl die Ursache für meine Abneigung gegenüber Telefongesprächen ist. Prinzipiell finde ich es unangenehm, aufgrund schlechter Tonqualität nicht alles zu verstehen oder nicht richtig verstanden zu werden. Schließlich muss dann vieles wiederholt, manches besser erklärt werden. Weit schlimmer ist es jedoch, wenn man erst gar nicht anhand der Stimme erkannt wird. Wer kennt dieses Phänomen nicht, wenn man sich bereits fünf Minuten im Gespräch befindet und das Anliegen bereits vorgetragen wurde und dann vom Gegenüber die Frage kommt, mit wem man eigentlich spreche –  peinlich, peinlich.

Was mich zudem ungemein stört, ist die Tatsache, dass ich meinen Gesprächspartner nicht sehen kann. In Videogesprächen beispielsweise bin ich ganz und gar nicht nervös. Ich glaube ja, dass dies vor allem mit dem möglichen Ablesen von Reaktionen zu tun hat. „Körpersprache ist wie gesprochene Sprache, aber sie kann nicht lügen“, so Samy Molcho, Autor diverser Bücher über Körpersprache als Kommunikationsmittel. Vielleicht ist es einfach die unterschwellige Angst, von der Person am anderen Ende der Leitung auf den Arm genommen zu werden. Sehe ich ihn oder sie vor mir, kann ich so etwas vermuten oder zumindest im Nachhinein ins Gesicht sagen, was ich davon halte.

Wie man mit diesem Problem umgeht? Ich weiß von Leuten, die dem Telefonieren komplett abgeschworen haben. Das kann selbst ich mir nur schwer vorstellen. Sich zur Arbeit krankmelden, einen Termin beim Friseur oder Zahnarzt machen, eine Pizza bestellen – wie sollen solch essentielle Dinge ohne Anrufe funktionieren? Was mich angeht, mache ich mir vorher gerne Notizen. Wenn das Gespräch erst einmal im Kopf durchgeplant ist, fällt es mir verhältnismäßig leicht, das Telefonat zu führen. Nun gibt es diese Möglichkeit nicht, wenn man selbst angerufen wird. Tatsächlich hadere ich häufig mit mir, ob ich dann nicht einfach auf Ablehnen drücken soll. Ich muss jedoch zugeben, dass mit zunehmender Anzahl an Telefongesprächen auch das Selbstvertrauen wächst. Telefonieren will gelernt sein.

Haben Sie schon mal von der Glossophobie gehört? Das ist die Angst beim Sprechen vor anderen Menschen. Betroffene haben häufig nervöse oder panische Gedanken beim Halten von Referaten oder Vorträgen zum Beispiel. Wie absurd.