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Leben und Gesellschaft - Homosexualität Der Junge mit den versteckten Farben

Hasim ist homosexuell, lebt in Deutschland und stammt aus dem Irak. Für seine Familie ist Homosexualität ein No-Go. Hasim war mutig und hat sich mit Redakteurin Jessica Melchert getroffen, um über seine schwierige Situation zu sprechen. Seine Freunde wissen von seiner sexuellen Orientierung, aber in seiner Familie weiß niemand davon.

Hasim trägt die Farben der Homosexualität. Doch zeigen möchte er sich noch nicht. Denn seine Familie weiß nichts von seiner Sexualität. (Quelle: Jessica Melchert)

Um 15:15 Uhr haben wir uns verabredet. Er kommt später; braucht etwas länger, nichts ungewöhnliches für ihn. Bevor wir losgehen, müssen wir unbedingt noch bei einer seiner Freundinnen hereinschauen, um ein Heft voller ausgearbeiteter Chemieaufgaben vorbeizubringen. Freunde im Stich zu lassen ist für ihn ein großes Tabu. Besonders vor einer anstehenden Klassenarbeit.

Als er erfährt, dass ein Foto für das Projekt gemacht werden soll, kommen ihm sofort mehrere Ideen in den Kopf: Eine Regenbogenflagge; mit dem Rücken zur Kamera; vor einem schönen Panorama seiner Heimat; an einem abgelegenen Ort und nicht mitten in der Stadt, sodass ihn niemand mit den Farben des Regenbogens in der Hand sehen könne. Dies scheint ihm sehr wichtig zu sein, denn er weiß, dass für viele die Kombination der sechs Farben nicht nur für den Frieden und die Toleranz steht, sie gilt auch als ein universelles Symbol der Homosexualität. Und damit in Verbindung gebracht zu werden ist ihm zu riskant. „Die Leute reden über alles und Gerüchte verbreiten sich ziemlich schnell in einer Kleinstadt!“, sagt er mit leicht panischem Blick, als ich ihn um den Grund des Versteckens fragte. Sie wissen es immer noch nicht, denn er ist sehr gut darin ihnen den heterosexuellen Sohn zu spielen, der nie von Männern träumt.

Mit 13 Jahren die Erkenntnis

Schon ganz früh merkt Hasim, dass er anders ist als die anderen Jungs in seinem Alter. Er spielt lieber mit Puppen, als mit stereotypischem Spielzeug für Jungs. „Als wir Familie im Kindergarten gespielt haben war ich immer die Frau“ erklärt er. So konnte er bereits im Kindesalter seinen Traum vom gemeinsamen Leben mit einem Mann etwas vergegenwärtigen. Jedoch wusste er selber noch nichts mit den Worten „schwul“ und „homosexuell“ anzufangen, und ob es gesellschaftlich „ok“ oder verpönt wäre, war ihm da noch ein Rätsel. Er habe früher mit niemandem über seine Gefühlswelt gesprochen, weshalb er erst ein paar Jahre später mit 13 Jahren für sich begriff, dass er wirklich homosexuell ist. „Das merkt man einfach nach einer langen Zeit“, meint Hasim während wir in seinem Zimmer sitzen. In der Zeit, in der ich seine Worte nochmal als Notizen zu Papier bringe, merke ich immer mehr wie gerne er doch singt. So lebensfroh wie er ist, begleitet er mein Schreiben mit der Pop Ballade „Thank you, next“. Diese Art von ihm schätzen viele in seinem Umfeld. Aber war er scheinbar nicht immer so in seinem jungen Leben.

Keine Toleranz

Bevor er für sich begriff, dass er kein Mädchen lieben könne, war er bereits in seiner Schule wegen seinem flamboyantem Auftreten als schwul abgestempelt und dafür gemobbt worden. Depression, Selbsthass und Frustessen waren die Folge. Hasim war fest davon überzeugt, dass er für seine Sexualität in die Hölle kommen würde. Ein großer Grund dafür ist die Situation in seiner Familie: Er wurde im Irak geboren, in einem muslimischen Land, dass die LGBT-Gemeinschaft nicht toleriert. „Ich habe dort sechs Jahre gelebt und dann sind wir 2006 nach Syrien geflüchtet wegen dem Krieg. Danach sind wir nach Deutschland gekommen“, erzählt Hasim.

Bis heute trägt seine Familie die Denkweise weiter. Deswegen ist Homosexualität im Haushalt der Familie ein „Tabu“. Seinen Vater hat er einmal nach seiner Meinung zu dem Thema gefragt und dieser hatte nur geantwortet: „Würdest du oder dein Bruder mir jetzt sagen, dass ihr schwul seid, dann würde ich auf euch losgehen.“ Jedoch hat er gemeint, es wäre ihm egal, wenn Menschen außerhalb seiner Familie homosexuell wären, da er nichts mit ihnen zu tun hätte. Als Hasim dann seine Mutter mit demselben Thema konfrontierte, drohte sie ihm mit Kontaktabbruch, falls er jemals mit einem Mann zusammenkommen sollte. Diese Reaktion bestürzte ihn zutiefst, weil seine Mutter auch gleichzeitig seine beste Freundin ist. Ihr vertraut er sich immer an. Sagt ihr immer alles. Nur seine wahre Sexualität bleibt ihr gegenüber ein Geheimnis.

Akzeptanz von Freunden

Letztlich konnte sich Hasim, trotz der Einstellung seiner Familie gegenüber Homosexuellen, selbst akzeptieren. Nachdem er anfing seinen Freunden einzeln zu verkünden, dass er schwul ist, erhält er viel Zuspruch und Unterstützung von ihnen. „Das war einfach ein tolles Gefühl zu sagen: „Ich bin frei“. Auch wenn ich es meiner Familie noch nicht gesagt habe, aber es war einfach so toll mit jemandem wenigstens darüber reden zu können.“, freute sich Hasim. Er sah seine Sexualität in einem ganz neuen Licht: „Es ist gar kein Fehler. Es ist nicht schlimm. Es ist nur Liebe. Liebe ist Liebe.“

Auf die Frage, ob er seiner Familie jemals die Wahrheit über seine Identität sagen würde, antwortet er: „Man will ja nicht sein Leben lang eine Lüge leben. Ich habe nur Angst meine Liebenden zu verlieren. Ich will mich nicht früh outen, um unnötigen Stress zu machen. Wenn ich irgendwann mal den richtigen Mann finde, mit ihm eine Familie gründen möchte, ist das ein Zeitpunkt, wo man sich outen sollte.“