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Leben und Gesellschaft - Harz, Natur, Fotografie Der Harz - melancholisch schön

Zwölf Fotografen wandern quer durch das Land und rund um die Welt. Die German Roamers suchen nach Orten, an denen noch keiner vor ihnen war und fotografieren sie. Max Fischer ist einer von ihnen. Er lebt im Harz, wo seine nächste Fototour ihren Anfang nimmt.

Moody lautet das Zauberwort: Max fotografiert am liebsten bei Nebel - wie hier das Bodetal im Nationalpark Harz. Foto: Max Fischer

An jenem Morgen ist es nebelig. Ein dichter Schleier umhüllt die Baumwipfel der Fichten hoch oben im Harz. Graue Wolken bedecken den Himmel. Keine Menschenseele in Sicht. Perfekte Bedingungen. Von Clausthal-Zellerfeld fährt Max rauf ins Örtchen Torfhaus. Tief im Oberharz. Es ist acht Uhr in der Früh. Oben angekommen parkt er sein Auto, schnallt seinen Rucksack auf den Rücken und läuft in den Wald. Denn genau dort sucht er nach neuen Fotomotiven.

Max ist einer der German Roamers. Damit gehört er zu dem Fotografenkollektiv, das auf Instagram einen der größten deutschen Outdoor-Kanäle betreibt. Es gibt zwölf Mitglieder. Sie posten ihre Fotos auf einem gemeinsamen Kanal, dem aktuell knapp 400.000 Menschen folgen. Vor allem launische Wetterbedingen wissen sie zu schätzen. Der englische Szenebegriff lautet moody. Sie zeigen Deutschlands Landschaften in einer melancholischen Schönheit und wollen so auf den Naturschutz aufmerksam machen. Und an diesem Sonntagmorgen füllt Max seine Speicherkarte mit neuen Fotos.

Über einen schmalen Schotterweg läuft er zielstrebig immer tiefer ins Eckertal hinab. Das Bild der Landschaften in der Umgebung ändert sich gefühlt alle paar Schritte. Zunächst gehen wir durch einen dichten Fichtenwald, der in Nebel gehüllt ist. Kurz drauf läuft Max über Holzplanken durch ein Hochmoorgebiet, in dem der Sonnentau seine rot leuchtenden Blüten emporstreckt. Kein einziger Baum in unmittelbarer Nähe. Die Holzplanken enden am Rande eines Wanderwegs mitten im Wald. Totem Wald. Zahlreiche Fichten stehen wie Streichhölzer kerzengerade am Wegesrand. Nur tragen sie weder Nadelkleid noch Zapfen. Halbnackt stehen sie da und strecken ihre dünnen Ästchen aus, obenrum kaum noch Rinde. Der Weg führt zurück in den grünen Wald. Rauschen ist in der Ferne zu hören. Das plätschernde Wasser der Ecker. Das Ziel dieser Tour.

Fotobegeisterung für blutende Gletscher

Waldwanderungen in den frühen Morgenstunden gehören für Max zum Alltag. Nicht selten ist er bereits vor Sonnenaufgang auf den Beinen. Er fotografiert beruflich Landschaften und veröffentlicht diese bei Instagram auf seinem Kanal @iamarux und auf dem der German Roamers. Doch der 30-Jährige ist kein klassisch ausgebildeter Fotograf, sondern Mediendienstleister. „Ich habe mir das Fotografieren selbst beigebracht. Erst mit dem Handy und später an meiner ersten Kamera“, erzählt Max. Aktuell bringt er auch noch seine Masterarbeit in Chemie auf Papier. „Das Fotografieren kam später dazu, als ich für das Studium nach Clausthal gezogen bin.“ Mit dem Harzer Wald direkt vor der Haustür, fing er erst zu wandern an und später zu fotografieren.

Die anderen Mitglieder der German Roamers lernte er vor sechs Jahren auf Instagram kennen. Die meisten leben verteilt in ganz Deutschland, einer in Österreich und einer kommt ursprünglich aus Indonesien. Zunächst tauschten sie sich online über ihre Fotos aus, später trafen sich vier persönlich, um gemeinsam zu fotografieren. „Allerdings haben wir es in all den Jahren noch nicht einmal geschafft, alle Roamers gemeinsam an einen Tisch zu bekommen. Dafür sind wir einfach zu beschäftigt“, scherzt Max. Die zwölf Männer verbindet ihre Leidenschaft zur Fotografie, weshalb sie 2015 das Instagramprofil German Roamers ins Leben riefen. Heute eine eingetragene Marke. Seitdem reisen die deutschen Wanderer – so wird der Name übersetzt – aus Eigeninitiative oder für Aufträge quer durch Deutschland und die Welt, um spektakuläre Aufnahmen zu machen.

Auf einem der eindrucksvollsten Fotos der letzten Jahre ist ein norwegischer Gletscher der Svalbard-Region in Spitzbergen zu sehen. Fotografiert vom Hessen Hannes Becker aus Homberg an der Ohm. Das Drohnenfoto zeigt den Gletscher aus der Vogelperspektive. Im oberen Drittel hellblau strahlendes Eis. Die unteren Zweidrittel fast ausschließlich mit tiefrotem Sedimentstein bedeckt, welche in düsteres Wasser übergehen. „Es sieht so aus, als würde der Gletscher bluten. Das Foto soll beeindrucken, hat aber auch eine Botschaft. Denn es thematisiert, dass die Gletscher aufgrund der Klimaerwärmung schmelzen“, erklärt Max. Auch er ist bereits viel in der Welt herumgekommen. Gewöhnlich zwei bis drei Reisen im Jahr. Zuletzt war er in Russland und Japan. Doch hauptsächlich macht er seine Fotos in der Sächsischen Schweiz, den Alpen und im Nationalpark Harz.

Hassliebe mit der Sonne

Mittlerweile sind wir am Bach angekommen. Max läuft ein Stück des Weges direkt an der Ecker runter und wieder hoch. Er sucht den idealen Platz für ein Foto. Vorsichtig geht er immer tiefer in die Böschung hinein, bis er direkt am Ufer steht. Mit einem großen Ausfallschritt steigt er auf den nächstgelegenen Stein, der aus dem Wasser ragt. Seine Kamera, an dessen Unterseite ein kleines Stativ baumelt, hat er bereits in der Hand. Er geht in die Knie und guckt durch den Sucher seiner Olympus. Nicht ideal. Der Roamer steigt von einem auf den nächsten Stein, balanciert über einen Baumstamm und steht auf der anderen Seite der Ecker. Wieder hält er sich die Kamera vors Gesicht. Noch nicht ideal. Vorsichtig hüpft er über weitere Steine im Wasser, bis er auf einem größeren Exemplar stehenbleibt. Vor seinen Augen ist ein kleiner Wasserfall, der in ein von der Natur geformtes Becken rinnt. Er stellt sein Stativ auf und guckt durch den Sucher. Ideal.

Der Fotograf wartet, bis die Sonne hinter einer Wolke verschwindet, bevor er auf den Auslöser drückt. Es gäbe nichts Schlimmeres als grelles Sonnenlicht. Er macht ein Foto – „zu freundlich“, kritisiert er. Erst als dickere Wolken vor die Sonne dringen, ist er sichtlich zufriedener mit seinen Bildern. Zwischen Max und der Sonne brennt eine Hassliebe. Steht sie früh morgens oder in den Abendstunden am Horizont, sorge sie für schönes, sanftes Licht. Steht sie zur Mittagszeit senkrecht am Himmel, sei sie zu hell, um auf Landschaftsaufnahmen gut auszusehen. „Ich mag Nebelstimmungen. Besonders in der Morgensonne. Meine Fotos müssen moody sein.“ Daher plant er seine Touren im Vorfeld ausgiebig. Er studiert Wetterkarten und sammelt mit mehreren Foto-Apps Informationen über seinen Zielort, um abschätzen zu können, ob sich ein Ausflug mit der Kamera lohnen könnte. „Dazu kommt eine gehörige Packung Glück. Die Wetterlage kann auf Karten und in Apps noch so gut aussehen und letzten Endes steht man doch im Regen. Alles schon erlebt.“

Auch ein toter Wald kann schön sein

Es gibt diesen Spruch: Bilder sagen mehr als tausend Worte. Diesem Credo folgen die German Roamers. Ihre stimmungsvollen Fotos sollen nicht nur gut aussehen, sondern auch zum Denken anregen. Deutschland sei erlebenswert und habe viele schöne Ecken, findet Max. „Und so soll es bleiben. Das ist die Botschaft hinter den meisten unserer Fotos. Wir haben eine Vorbildfunktion“, betont er. Dennoch kommt die Botschaft nicht bei jedem an. Kritiker der Fotografen behaupteten, dass bestimmte Orte nach einem Post auf Instagram von Touristen überlaufen wurden. Klar ist, dass sich viele auf die Suche nach massenhaft gelikten Naturmotiven begeben, um selbst auf Instagram damit zu glänzen. Anfangs beantwortete Max unter seinen Posts Fragen zur Location. Heute nicht mehr, um zu verhindern, dass Fototouristen seine Lieblingsorte heimsuchen und eventuell vollmüllen. Wer wirklich gern Landschaften fotografiert, werde wissen, wie er die Locations findet. Auch die Fotografen passen darauf auf, die Orte, die sie besuchen, sauber zu verlassen. Nur selten gab es Ausnahmen. Ihnen seien schon ein, zwei Drohnen abgestürzt. Eine schwimmt im Pazifik vor den Fidschi-Inseln und konnte nicht geborgen werden. „Das ist bitter“, sagt Max.

Das Kollektiv wirkt auf den Naturschutz nicht nur mit Bildern ein, sondern lässt auch Taten sprechen. Vor zwei Jahren veröffentlichten die Fotografen einen gemeinsamen Bildband, dessen Erlös an Naturschutzprojekte gestiftet werden sollte. Mittlerweile haben bereits zwei Projekte eine Spende der Roamers erhalten. Zum einen der Verein Küste gegen Plastik e.V., der sich dafür einsetzt, dass der Plastikmüll an den norddeutschen Küstenregionen eingedämmt wird, zum anderen ein Otterschutzprojekt in Mitteldeutschland.

Max sorgt sich allerdings auch um die Natur vor seiner Tür. Der Borkenkäfer, Stürme und die Sommerhitze der letzten Jahre haben ihre Spuren im Harz hinterlassen. Das Waldsterben ist zu einem Problem geworden. Besonders für die Tourismusbranche und die Forstwirtschaft. Der Fotograf ist zwiegespalten. Einerseits findet er es schade, dass immer mehr silbergraue, kranke Fichten die Landschaft prägen, andererseits sieht er darin eine morbide Schönheit. Eine Lösung für das Problem könne laut Max nur langfristig gefunden werden. Er versucht sich für den Moment anzupassen. „Auch toter Wald kann spannend aussehen. Außerdem bietet er die Chance für einen neuen, gesunden Mischwald in ein paar Jahren. Und schon jetzt ist er ein vielfältiger Lebensraum für Insekten, Vögel und Kleinstpflanzen.“ Max versuchte bereits Fotos aufzunehmen, die den toten Wald bei Nebel zeigen. Er wollte karge Baumkronen abbilden, die aus einer dichten Dunstwolke herausragen.

Auch das Foto der Eckertal-Tour ist schließlich im Kasten. Der German Roamer klappt sein Stativ zusammen und springt beherzt zurück ans Ufer. Er packt Kamera und Stativ in seinen Rucksack, bevor er mit beiden Händen Wasser aus der Ecker schöpft und einen kräftigen Schluck trinkt.

Er ist bereit für den Aufstieg  zurück zum Torfhaus. „Der schöne Nebeneffekt am Outdoor-Fotografieren ist der Sport durchs Wandern, denn ich wandere ziemlich schnell“, stellt Max fest. Doch Hochmut kommt bekanntlich vor dem Fall. Der Aufstieg über einen schmalen Wanderweg durchs Unterholz ist eine Herausforderung. Viele umgefallene Baumstämme versperren den Weg. Einmal klettert der Fotograf einfach drüber, ein anderes Mal muss er den Stamm umgehen und auf den Weg zurückfinden. Nach einer Weile brennen die Beine. Muskeln schmerzen, von denen man nicht einmal wusste, dass man sie hat. Schweiß läuft die Stirn hinunter. Kurz vor dem Torfhaus müssen noch einmal alle Kräfte gesammelt werden. Es geht steil bergauf. Geschafft. Selten hat eine Kiosk-Pommes und ein kühles, alkoholfreies Weizen so gut geschmeckt, wie nach dieser Tour.