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Leben und Gesellschaft - Liebeskummer, Partnerschaft, Gesundheit Da hilft auch kein Bepanthen

Der erste Kuss, der erste gemeinsame Urlaub, die drei magischen Worte. In einem Moment noch glücklich, im nächsten schon getrennt. Und dann ist er einfach da: Liebeskummer. Gewöhnen wird man sich wohl nie daran. Auch nicht mit 30. So geht es zumindest unserer Autorin Sarina.

Liebeskummer und ein gebrochenes Herz: Dieses Gefühl wird vermutlich jeder Mensch einmal in seinem Leben erfahren. (Quelle: shutterstock)

„Ich hör dich jetzt noch wie gestern die Worte sprechen.

Dass du und ich was Besonderes seien, viel zu schön zu vergessen .

Gott sei Dank kann ich sehen, man kann dich nicht an Worten messen.

Es reicht dir nicht zu verletzen, du musst Herzen zerfetzen (...)

Und was ist jetzt? Ich bin für dich nur irgend‘n Ex.

Und was ist jetzt? Bin ich leicht zu vergessen? Bin ich ersetzt?“

(Lyrik by Curse)

Er trifft den Nagel auf den Kopf. Es ist Herzschmerz. Jede Zeile dieses Songs geht mir unter die Haut. Rappe es laut mit, bin traurig und wütend. Viel zu viele Gedanken verschwende ich an diesen Idioten. Zerbreche mir den Kopf, was ich falsch gemacht habe, warum ich nicht genug war. Für mich ist es nicht alles gegessen und vorbei.

„Hah! Ich scheiß‘ auf dich
Das war‘s, du liebst, du liebst mich nicht Du liebst mich nicht.“

(Lyrik by Juju)

Zwischen Trauer und Wut. Wie in einem schlechten Film. Ich habe es gewagt zu vertrauen, mich eingelassen, meine Rüstung abgelegt, die Waffen beiseitegestellt. Mit knapp 30. Mit einem mittelschweren Rucksack lässt es sich nicht leicht auf Beziehungen eingehen. Mensch, wir haben dem Ganzen einen Namen gegeben. Wir haben gemeinsam beschlossen, zusammen zu planen. Uns versprochen, dass es nicht nur ein Versuch ist. Ich trug eine rosarote Brille, und du auch. Du hast viele tolle Dinge gesagt, davon war vermutlich nicht ein Bruchteil wahr. Ich habe gedacht, du würdest mich verstehen. Ich habe gedacht, wir würden unser Leben miteinander teilen.

Du wolltest mir niemals was geben, du wolltest mir nur etwas nehmen. Am Ende hast du dein Wort gebrochen. Es reicht dir nicht zu brechen, du musstest es zerfetzen. Alles schreit deinen Namen. Meine Freunde sind maximal genervt, denn alles worüber ich rede, bist du. Es ist nicht das erste Mal, dass ich Liebeskummer habe. Das erste Mal war mit 16. Damals haben meine Freundinnen den Herzensbrecher mit Todesblicken auf dem Pausenhof gestraft. Heute reicht das nicht mehr. Heute, 14 Jahre später, hat man Selbstzweifel und Zukunftsängste. Die Eltern und Großeltern werden immer ungeduldiger und die andauernde Frage, wann das lang ersehnte Enkelkind kommt, macht die Sache nicht leichter.

Mensch, ich bin 30 und heule wie ein Teenie. Dabei hatte ich mir bei der letzten Trennung geschworen, das nächste Mal stärker zu sein. Nicht so zu leiden, sondern drüber zu stehen und es einfach leichter und rationaler zu sehen.

Das ist aber gar nicht mal so leicht. Und das hat nichts damit zu tun, dass ich ein Weichei bin oder die Situation theatralisch in die Länge ziehe. Laut Experten hält Liebeskummer, je älter man wird, deutlich länger an. An erster Stelle hängt dies damit zusammen, dass man die beiden Leben miteinander verbunden hat. In kleinen Testläufen und Probehandlungen wurde das potenzielle gemeinsame Leben miteinander ausprobiert, es wurde sich abgestimmt und viele Alltagsaufgaben wurden miteinander verknüpft. Das Paar hat sich aneinander gewöhnt. Und wir wissen wie schwer es ist, wenn man auf etwas verzichten muss, woran es sich leicht zu gewöhnen vermochte. Man stelle sich vor, man müsse sich immer von Schokolade entwöhnen, weil Schokolade sich getrennt hätte. Da wäre Liebeskummer nur eine kleine Randerscheinung eines Entzugs. Aber zurück zum eigentlichen Thema.

Es wird behauptet, dass die Zeit des Liebeskummers ein Viertel der Zeit beträgt, die man mit der Person in Liebe verbracht hat. Mögen sich meine Eltern bitte niemals trennen, die beiden sind seit der Steinzeit verheiratet. Mein Vater, der ebenso emotional ist wie ich, würde niemals wieder glücklich werden. Gott bewahre!

Liebeskummer ist eines der düstersten Gefühle, die ein Mensch erfahren kann. Die Tränen und die tiefe Trauer nach einem Verlust, nach einer Trennung, in der Kombination mit Aussichtslosigkeit, Zorn, Scham und Fremd- gehen, lässt einen sich erbärmlich klein fühlen. Exakt dieses Gefühl nennt man Broken-Heart-Syndrom. Es handelt sich dabei um eine ernstzunehmende lebensbeeinträchtigende Funktionsstörung des Herzens. Ausgelöst wird sie durch kurzweilige, intensive Gefühlsbelastungen.

Verdammt. Liebeskummer fühlt sich tatsächlich so an, als würde einem das Herz herausgerissen werden. Vorbei an der Brust, die Haut aufreißen und auf dem Boden zertrampeln. Bei vollem Bewusstsein. Ein gebrochenes Herz und eine verletzte Seele sind nicht nur ein emotionales Problem, welches sich mit zu viel Wein und einer Freundin wegquatschen lässt. Es mag übertrieben klingen, aber man kann an dem sogenannten Broken-Heart-Syndrom sterben.

Wein und Schokolade als Heilmedikament? Leider nein. Die Patienten mit diesem Syndrom leiden meist an kalten Schweißausbrüchen, Thoraxschmerzen, Atembeschwerden und Kreislaufzusammenbrüchen. Ich kann noch einen draufsetzen: Die Herzkammer bauchig erweitert, die Herzenzyme sind positiv und das EKG ist auf den ersten Blick auffällig. Wer sich auskennt, stellt vermutlich die Diagnose, dies seien Anzeichen eines Infarktes. Exakt diese Symptome gehören ebenfalls zu dem Krankheitsbild der Liebeskummer-Krankheit. Nicht nur Liebeskummer, sondern auch jegliche anderen Fälle der Trauer und seelischen Verletzung können solche Symptome mit sich bringen. Dies können Schicksalsschläge, wie der Tod eines Angehörigen, eine Kündigung, aber auch positive Mitteilungen sein. Betroffen sind in den meisten Fällen Frauen, doch auch Männer können daran erkranken. Knapp jeder zehnte Patient des gebrochenen Herzens ist ein Mann. In der Menopause sinkt der Östrogenspiegel. Aus diesem Grund ist das weibliche Herz vermutlich anfälliger auf Adrenalin. Spätestens seitdem das Burnout-Syndrom ernst genommen wird, wissen wir, dass nicht jedes Krankheitsbild mit einem Virus oder einem gebrochenen Knochen zu tun hat. Ebenso haben Krankheitsbilder wie Broken-Heart nichts mit Esoterik oder Scharlatan-Gequatsche zu tun.

Liebeskummer ist bei jedem unterschiedlich, je nach vorigen Erfahrungen. Der eine leidet lediglich wenige Monate, der andere wiederum hat am eigenen Leid mehrere Jahre zu knabbern. Einige können niemals vergessen. Das gebrochene Herz darf nicht unterschätzt werden. Viele Erwachsene nehmen es nicht ernst – ich ehrlich gesagt auch nicht. Auch ich gehe davon aus, dass der Liebeskummer einfach verschwindet. Und dass er keine Langzeitschäden hinterlassen wird. Doch man irrt sich. Jammern nicht alle über die ach so schlimmen Geschichten und Erfahrungen ihrer Ex-Partner? Das passiert nicht, weil Anette oder Jannik sich als Opfer sehen wollen, die Schuld und Verantwortung an ihren Ex-Herzensmensch abdrücken – nein, es ist das Schmerzgedächtnis, welches sich meldet. Die Seele, die nie vergisst. Darüber zu reden, hat laut Psychologen selten etwas damit zu tun, sich in den Vordergrund zu spielen, sondern eher damit, dass die Person den Schmerz nicht verdaut hat. Das Schmerzgedächtnis ist mit der Angst verknüpft. Tat uns also eine Trennung beispielweise zu stark weh, empfanden wir tatsächlich Schmerzen. Wie jeder Schmerz im Alter, empfinden wir zunehmend mehr Angst davor.

Als Kind war man mutiger, ist auf Bäume geklettert, ohne die Angst zu verspüren, herunterzufallen. Im Erwachsenenalter wissen wir aus mehrfacher Erfahrung, wie sehr es schmerzt, wenn wir aus anderthalb Meter auf die Knie fallen und wir fürchten uns davor. Wir vermeiden es. Ähnlich ist es mit unserem Schmerzgedächtnis, unser Inneres erinnert sich an den Schmerz des Herzkummers. Unser Schmerzgedächtnis wird durch verschiedene Anhaltspunkte getriggert. Mit jedem neuen Liebeskummer, den wir durchmachen, wird es schlimmer. Das ist keine Behauptung meinerseits, es ist laut zahlreichen Psychologen bewiesen, dass der Mensch im Alter zunehmend wehleidiger wird und dafür nicht einmal etwas kann. Man kann sagen, dass das Schmerzgedächtnis im Kindesalter anfangs den Erfahrungswerten diente, um aus heißen Herdplatten zu lernen – dreißig Jahre später ist es der Killerwal aller Emotionen, plus eine Art Schutzmechanismus. Auch wenn das Wort Schmerzgedächtnis vorerst nicht optimistisch klingt, ist es jedoch dafür da, den Menschen vor möglichem Leid zu bewahren. Mit jedem neuen Sturz auf die alten Narben, tut es ein wenig mehr weh und heilt immer langsamer. Seelische Wunden sind unsichtbare Schürfwunden, auf die wir keine Bepanthen-Salbe schmieren können.

Aber der Mensch ist eigenwillig und in meinem Fall naiv. Also herzlich willkommen zurück in der Wirklichkeit, in meinem Bett mit den verquollenen, durch Mascara verschmierten Augen. Wir halten fest: der Mensch ist dumm und verliebt sich immer wieder, weil kein Mensch einsam sterben will. Und nein, den dummen Spruch mit den zehntausend Katzen in Einsamkeit glaubt kein Mensch. Zurück zum Sachlichen: das Herz braucht Zeit, um sich zu verlieben, ebenso lang braucht es, um sich zu entlieben. Und da man sich mit zunehmenden Alter langsamer und vorsichtiger verliebt, bedarf es Zeit. Viel Zeit. Dagegen kann man wenig tun. Aussitzen, sich ablenken, über den Ex schimpfen und vielleicht ab und an ein Glas Wein zu viel trinken. Ich kann Euch sagen, es fühlt sich ebenso schrecklich an, wie beim allerersten Liebeskummer. Aber: es geht vorbei!