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Leben und Gesellschaft - Kaffeehauskultur Coffee to go oder Wiener Melange

Wie viel Kaffeehauskultur findet man noch im Braunschweiger Coffeeshop? Im Vergleich wird deutlich, es gibt klare Grenzen zwischen der ursprünglichen Wiener Kaffeehauskultur und den Coffeeshops, wie man sie in jeder Großstadt findet.

Bahnhof oder klassisches Café - zwei unterschiedliche Welten des Kaffeekonsums. (Quelle: Janina Meyer)

Die sonnengefluteten Straßen der Braunschweiger Innenstadt sind belebt durch schlendernde Menschen. Zielgerichtet bewege ich mich über das raue Pflaster auf meinen Wunscharbeitsplatz zu. Stehe endlich vor der Eingangstür des Cafés und trete ein. Die ersten Schritte fühlen sich befremdlich an. Ich gehe nicht oft allein in Cafés. „Einen Latte Macchiato“, bestelle ich. „Für wen?“, fragt die freundliche Dame hinter dem Tresen. „Ich bin allein, folglich für mich“, denke ich, aber erinnere mich dann an das typische Prozedere der modernen Coffeeshops.

Als ich dann endlich mit dem Heißgetränk meines Begehrens im Tempel der modernen Kaffeekultur sitze, komme ich zur Ruhe und versinke im Flair meines neuen Workspaces. WLAN-Zugang, der eigene Laptop auf dem Tisch und daneben ein leckeres Getränk geben ein Gefühl von Zuhause, gemischt mit dem Bewusstsein, in der Stadt zu sein, ergibt sich eine moderne Art von urbaner Gemütlichkeit. Das Café ist nicht besonders gut besucht zurzeit, sieben weitere Personen sind hier. Zwei sitzen vor ihrem Laptop, fünf starren ununterbrochen auf ihr Smartphone. Sie alle haben sich rausgewagt, haben ihre Wohnungen verlassen, sind eingetaucht in die kleine gemütliche Welt des Cafés, mit Zugang zu der großen weiten Welt. Alle Möglichkeiten der Produktivität, die wir zu Hause auch genießen, nur in der Stadt, am Puls der Zeit, in der lebendigen Welt.

Kaffeehäuser als kulturelles Gut


Ein älterer Herr sitzt mit einem Kaffee, der für dieses Etablissement sehr unspektakulär scheint, am Nebentisch und liest eine Tageszeitung, die er selber mitgebracht hat. Analog auf Papier. Ohne WLAN, ohne Kabel. Sein Anblick hat etwas Uriges, etwas Entschleunigtes, etwas Klassisches, Kulturelles. Der Herr ist etwa 60 Jahre alt, sein Gesicht ist gezeichnet von einigen tiefen Falten um die Augen herum. Die Kleidung sehr schlicht. Eine schwarze Jeans, der Pullover dunkelgrau. Sein langer schwarzer Mantel hängt über der Stuhllehne. Trotz der gedeckten Farben seiner Kleidung fällt er auf. Er faltet seine Zeitung unter lautem Knistern des Papiers zusammen – ein gewöhnliches, aber ungewohntes Geräusch. Er setzt einen Hut auf, hüllt sich in seinen Mantel und verlässt das Café, lässt seine Zeitung liegen und seine halbvolle Tasse stehen. Als er zurückkommt ist er umgeben von einer unsichtbaren Rauchwolke, die er mit sich durch den sonst so makellosen Raum schleift.

Der Geruch einer vergangenen Zeit, einer Kaffeekultur voller Zigarettenrauch und öffentlicher Diskussion schwebt in der Luft. Aus einer Welt des Papiers, der Haptik, einer Welt, in der ein Kaffeegetränk die Eintrittskarte für einen ganzen Tag im Café sein konnte, in dem man arbeitet, liest, Freunde trifft, diskutiert, Bier trinkt. Seit 2011 gehört die Wiener Kaffeehauskultur zum immateriellen Kulturerbe der UNESCO. „Die Kaffeehäuser sind ein Ort, in dem Zeit und Raum konsumiert werden, aber nur der Kaffee auf der Rechnung steht“, heißt es von der UNESCO.

Michael Rössner vom Institut für Kulturwissenschaften und Theatergeschichte in Wien bezeichnet die Kaffeehauskultur „als Ort der transnationalen literarischen Kommunikation, aber auch deshalb, weil hier das Kaffeehaus nicht nur im Bereich von Literatur und Politik, sondern in nahezu allen Bereichen der Alltagskultur eine Rolle gespielt hat und oft bis heute spielt: Kaffeehäuser sind der Versammlungsort von unterschiedlichsten Vereinen, sie bilden einen zentralen Kommunikationsraum auch in peripheren Bereichen der Stadt, und sie sind daher – anders als in vielen anderen europäischen Großstädten – auch nicht zu Museen und Touristentempeln geworden, sondern haben sich lebendig erhalten.“

Zwei Welten des Kaffeekonsums


Auf ein urtümliches Kaffeehaus als Versammlungsort und Kommunikationsraum trifft man selten noch. Coffeeshops, die zumeist großen Ketten angehören, dominieren das Stadtbild in Braunschweig. Die Welt des Kaffeekonsums hat eine Wandlung durchgemacht. Schon bei der Bestellung wird der erste Unterschied deutlich: Während man im Coffeeshop zwischen Kreationen wie Latte Macchiato oder Cappuccino wählen kann, werden im Kaffeehaus „Kaffee verkehrt“ oder „Wiener Melange“ angeboten. Serviert wird das Heißgetränk im modernen Café in Braunschweig von einem Kellner in lässiger Kleidung, die mit dem Logo des Cafés verziert ist. T-Shirt, Jeans und Schürze als Standartoutfit des meist jungen Personals, das den Gast nach seinem Vornamen für die Bestellung fragt und ihn duzt. Hier eröffnet sich eine wahre kulturelle Kluft zwischen heutigem Café und Wiener Kaffeehauskultur. Der Kellner wird im Kaffeehaus „Herr Ober“ gerufen und trägt einen schwarzen Anzug mit einer Weste, meist mit Fliege. Die Gäste siezt er, bleibt stets höflich und distanziert den Gästen gegenüber. Nach Vornamen zu fragen, wäre hier befremdlich und unhöflich.

Literatur, Politik und Alltagskultur, das alles passiert in nostalgisch, nahezu konservativ wirkenden Kaffeehäusern, die mit ihren Marmortischen und zeitlosen Details zum Verweilen einladen. Ein Lebensgefühl, dass das moderne Café in Teilen versucht zu kopieren. Wo jedoch Coffee to go angeboten wird, da wird längst nicht mehr Raum und Zeit konsumiert, sondern lediglich das, was auf der Rechnung steht: ein schnelles Kaffeegetränk für unterwegs. Sich Zeit zu nehmen für den Genuss und währenddessen in einer der zahlreichen kostenlos ausliegenden Zeitschriften und Zeitungen blättern, das ist wohl ein Bild einer Kaffeekultur vergangener Tage. Der einzige Herr, der im Café in Braunschweig noch ein Printexemplar der Tageszeitung in der Hand hält, hat sich dieses selbst mitgebracht. Außer der Tasse Kaffee steht nichts weiter auf seinem Tisch. Dieses Szenario wäre ein Armutszeugnis für jedes traditionelle Kaffeehaus: Ein Ober hätte ihm ein kleines Tablett serviert, mit einem Glas Wasser zum Kaffee, ebenfalls kostenlos.

Kaffeehäuser


Die Geschichte der Kaffeehäuser ist lang. Schon 1554 hieß das erste Kaffeehaus in Konstantinopel seine Gäste am Rande Europas willkommen. Im 17. Jahrhundert hat die Liebe zum Kaffee sich weiter auf den Kontinent verbreitet und wuchs heran zu einem Wald aus Kaffeehäusern, in denen die leckersten Kreationen von Heißgetränken und geistige Ergüsse im Dickicht aus Literatur und Baristakunst zu finden waren. Der Siegeszug der Kultur der Kaffeegetränke ist unermüdlich.

Transnationale Kommunikation findet höchstens über das WLAN statt. Face-to-Face-Gespräche, an denen jeder willkommen ist, sich zu beteiligen, finden hier nicht statt. Der Wandel in der Kommunikation der Gesellschaft scheint den Bruch zwischen der historischen Kaffeekultur und einem Cafébesuch heute verstärkt zu haben. „Wir möchten, dass Sie nicht nur Ihren Kaffee bei uns genießen, sondern auch ein tolles digitales Erlebnis haben“, sichert mir die WLAN-Einstiegsseite des Cafés freundlich zu. Eine neue Kultur: schneller, standardisierter und ohne den edlen Charme und die Langsamkeit eines Wiener Kaffeehauses, bietet sich in den Großstädten der Gegenwart.

Arbeitsplatzverlagerung als bestehender Trend


Anton Zeilinger, Institutsdirektor der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, spricht sich für die Kaffeehäuser als Kulturerbe aus: „Ich darf nur darauf verweisen, dass zahlreiche Künstler und Wissenschaftler das Kaffeehaus de facto zu ihrem Arbeitsplatz gewählt haben. Dies gilt besonders von der Jahrhundertwende am Beginn des 20. Jahrhunderts zur Hochblüte der Wissenschaft und Künste in Wien bis heute.“ Die Arbeitsplatzverlagerung, als Grund für den Cafébesuch, hält der Zeit allerdings auch in Braunschweig stand. Eine der wenigen Parallelen, die sich zwischen Coffeeshop und Kaffeehaus noch ziehen lässt. Das Stadtmarketing Braunschweig lockt daher Arbeitswütige unter dem Titel „Work’n’Coffee“ in die Löwenstadt. Verschiedene Cafés werden hier als „inspirierende Alternative zum Arbeitszimmer“ vorgeschlagen.

In einer kurzlebigen Zeit wie heute wird Produktivität großgeschrieben, sodass wir gelegentlich auch mal in die Bedrängnis kommen, dort, wo wir gerade sind, zu arbeiten oder auch einfach mangels Zeit Arbeit und Vergnügen oder Pause miteinander verbinden müssen. Früher nicht existent und heute existentiell ist dabei der WLAN-Zugang. Online ins Netz gehen ist für junge Erwachsene, und oft auch Studierende, also fester Bestandteil des täglichen Lebens, ob wir es uns eingestehen möchten oder nicht. Für die Gäste, die in Braunschweiger Cafés zu beobachten sind, also ein tägliches Geschäft. Alleine in die Stadt, hippes Heißgetränk am Tresen geordert, ins WLAN eingewählt, Workspace geschaffen. Zielstrebig und motiviert das Arbeitsgerät auf dem Tisch positioniert. Dichter und Künstler bilden wohl nicht mehr den Großteil der hier Arbeitenden. Studierende und andere junge Menschen haben hier die Szene der neuen Kaffeekultur übernommen.

Ich klappe meinen Laptop zu und beende meine Exkursion in die Kaffeekultur von heute. Der ältere Herr mit dem Hut sitzt noch immer ganz entspannt dort. In aller Ruhe und Langsamkeit trinkt er genüsslich seine Tasse Kaffee. Sein Anblick wirkt entschleunigt, im Gegensatz zu den anderen Besuchern, die in hoher Geschwindigkeit auf ihren digitalen Geräten tippen und eine Art von Nervosität ausstrahlen. Seine komplette Aufmerksamkeit widmet der Herr der Tageszeitung in seinen ruhigen Händen. Eine Szene, die wohl vollkommener nur in einem Wiener Kaffeehaus wäre. Mit einem Glas Wasser vom Ober zu seinem Kaffee serviert und die Tageszeitung schon vor Ort für ihn bereitgelegt. Eine Kaffeekultur, die ihm in modernen Coffeeshops verwehrt bleibt.