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Leben und Gesellschaft - Belästigung, Catcalling, Aktivismus Chalk that Talk! – Hannover gegen Catcalls

Ungewollte sexuelle Äußerungen im öffentlichen Raum gehören für viele Frauen zum Alltag. Sei es beim Einkaufen, Eis essen oder auf dem Weg in die Disco. Die jungen Frauen der Initiative „Catcalls of Hannover“ wehren sich dagegen und gehen mit ihren Ankreidungen gegen die Belästigung vor.

Lucie und Dana bei der Arbeit. (Quelle: Hendrik Kappey)

In der Fußgängerzone leuchtet in knallig bunter Schrift: “Ich sagte ihm, dass ich 16 bin. Er antwortete: “ Schade, ich dachte du bist brauchbar”. Amelie und ihre Freundinnen lachen darüber, um nicht weinen zu müssen. Trotz der schockierenden Botschaften ist die Stimmung ausgelassen.Gekreidete Aussagen wie diese lassen sich mittlerweile überall in Hannover finden und prägen das Stadtbild. Zuständig für die Ankreidungen, ist das Kollektiv „Catcalls of Hannover“.  Sie gehören zu der international bekannten Jugendinitiative “Chalk Back“, die 2016 in New York gegründet wurde. Das Kollektiv hat es sich zur Aufgabe gemacht, Belästigung im öffentlichen Raum durch ihre Kreidekunst, Seminare und den sozialen Medien zu entnormalisieren.

Als einen Catcall beschreibt man sexuelle, ungewollte Äußerungen einer meist fremden Person, welche häufig im öffentlichen Raum stattfinden.

“Wir haben eine Exceltabelle mit Einsendungen, die ungefähr so lang ist wie ich groß bin”.

Das Catcalls of Hannover-Team besteht aus 15 Mitgliedern im Alter von 18 bis 37 Jahren. Die Erlebnisse zum Ankreiden bekommt das Kollektiv via Privatnachricht auf Instagram zugeschickt. Dort werden sie im Nachhinein für ihre ca. 14.600 Abonnenten veröffentlicht. Aufgrund der vielen Nachrichten ist jedes Mitglied ungefähr zwei Mal die Woche unterwegs, um Aufklärungsarbeit zu leisten.
“Chalk Back”-Mitglied Lucie erklärt: „Man kennt das ja, wenn einem etwas schlimmes passiert, dann ist der Ort negativ belastet. Dadurch, dass wir dann dahingehen und diesen Raum stellvertretend für die betroffene Person zurückerobern, können wir der Person ein bisschen helfen damit abzuschließen.” Damit leistet die Initiative bedeutende Arbeit, denn Catcalling kann für Betroffene gravierende Folgen haben. Dazu gehört zum einen die Einschränkung der Handlungsfreiheit, aber auch psychische Folgen wie angepasste Verhaltensmuster oder vermehrte Angstgefühle. 
Trotz guter Intentionen stößt die Initiative nicht automatisch auf Zuspruch und Verständnis. Die Ankreidungen des Kollektivs werden teilweise kritisiert, als Verschmutzungen angesehen oder ganz einfach nicht verstanden.
Ein prägendes Erlebnis für die Aktivistin Amelie war , als sie während des Ankreidens belästigt wurde. Zunächst soll sie von einem neugierig wirkenden Mann normal angesprochen worden sein und habe ihm die Komplexität von Catcalls erklärt. Interessiert wollte er wissen, ob das sowas feministisches sei. Dies bejahte Amelie, da sie sich selbst und ihre Arbeit als feministischen Aktivismus betrachtet. Mit den Worten 
“Ich fick dir deinen Feminismus raus” verabschiedete der Mann sich und ging weiter. Während die Ironie des Vorfalls noch in der Luft hing, nahm sie ihr Stück Kreide wieder in die Hand und schrieb das Geschehnis direkt daneben.
Weltweit lenken tagtäglich hunderte Menschen die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf das Thema Catcalling. Nichtsdestotrotz ist der Kampf um Veränderung kein leichter und auch nicht an einem Tag gewonnen. In Hannover und seinem neuen, knallig bunten Stadtbild hinterlassen die Aktivistinnen und ihre ehrenamtliche Arbeit bereits jetzt erhebliche Spuren.

Catcalls gelten als eine Form der verbalen sexuellen Belästigung. Sie sind in Deutschland im Vergleich zu anderen europäischen Ländern wie Frankreich oder Belgien jedoch nicht strafbar. Die Vorfälle fallen meist unter den Beleidigungstatbestand (§185 StGB).