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Leben und Gesellschaft - Bodybuilding „Bodybuilding ist wie Zähneputzen!“

Alina Grand ist 22 Jahre alt und betreibt Bodybuilding auf Leistungsebene. In Wettkampfphasen treibt sie ihren Körper bis an seine Grenzen, manchmal auch darüber hinaus. Trotz Verletzungen und eisenharter Diät kann sie ohne den Sport nicht leben.

Für Alina Grand gehört Bodybuilding wie das Zähneputzen zum Alltag dazu. (Quelle: Alina Grand)

Herzlich begrüßt mich Alina bei sich zu Hause in gemütlicher Kleidung und Hausschuhen, die Mickey und Minnie Mouse zieren. Ihr Zimmer ist eine Mischung aus glitzernder Vorweihnachtsstimmung und Bildern von Wettkämpfen, Medaillen und Pokale. Alina Grand ist 22 Jahre alt, ausgebildete Ergotherapeutin und betreibt seit Ende 2015 Bodybuilding auf Leistungsebene. In der Herbstsaison 2016 holte sie den ersten Platz bei den Deutschen Meisterschaften des Verbands German Natural Bodybuilding and Fitness Federation (GNBF) in der Bikiniklasse. Im darauffolgenden Jahr wurde sie erneut Deutsche Meisterin beim gleichen Verband in der Athletik Klasse.

Bodybuilding ist einfache eine Leidenschaft

„Du machst den Scheiß nie wieder“, denkt sich Alina bei jeder Vorbereitung auf den nächsten Wettkampf. Ihre letzte Wettkampfdiät dauerte 32 Wochen, in denen sie einen Körperfettanteil von 7 Prozent erreichen konnte. Und wofür die Qual? Sie beschreibt es als das „geile Gefühl“, wenn sie auf der Bühne im Scheinwerferlicht steht und ihren Körper präsentiert, für den sie hart gearbeitet hat. „Sobald du von der Bühne kommst, denkst du dir: Geil, wann kann ich wieder?“, erzählt sie. Es ist die Leidenschaft für das Bodybuilding, die sie antreibt, bis an ihr Äußerstes und über die gesundheitlichen Grenzen hinaus zu gehen. Dabei hat Alina nie gedacht, dass sich aus dem Sport mal eine Leidenschaft entwickeln würde. 2013 stand sie kurz vor einer Essstörung. Um ihr Gewicht wieder in den Griff zu bekommen, nahm Alina zu und meldete sich im Fitnessstudio an. Fasziniert davon, aus ihrem Körper das Maximum rauszuholen, meldete sie sich für die Deutschen Meisterschaften des GNBF-Verbandes im Mai 2016 an. Dort belegte Alina den 5. Platz in der Bikiniklasse und der Wille hat sie gepackt. Denn danach folgten die beiden Titel in den Klassen Bikini und Athletik. Nach der letzten Wettkampfvorbereitung 2017 zog sie, ihrem Körper zuliebe, eine Grenze.

„Bodybuilding auf Leistungsebene ist nicht mehr gesund“, erzählt ein Fitnesstrainer. Während der Wettkampfvorbereitung sei der Tag komplett durchgeplant und Ausnahmen gebe es keine. Die Gefahr erneut in eine Essstörung zu geraten, war auch bei Alina zu Beginn groß. „Ich setze mich eher heulend auf’s Sofa, als die Pizza zu essen“, begründet sie ihre Disziplin. Dass sie mit der einseitigen Ernährung, vor allem während der Diäten, gesundheitliche Grenzen überschreitet, ist ihr bewusst. Kritisch sehen das Hungern besonders Freunde und Familie. Sie sind genervt, wenn Alina im Restaurant zu den Extrawünschen „ihren eigenen Ketchup aus der Tasche holt“, wie ihre Cousine erzählt. Dennoch erzählt Alinas Mutter, dass Alina „nicht mehr ganz so verbissen ist, wie am Anfang“. Mittlerweile hat sie im Vergleich zu früher ein gesünderes Verhältnis zum Essen aufgebaut, da sie begonnen hat, sich mit der Ernährung näher auseinanderzusetzen.

„Bodybuilding ist eine Art Sucht geworden.“

Mit Bodybuilding aufzuhören, kann Alina sich derzeit nicht vorstellen. „Der Sport ist für mich eine Leidenschaft. Ohne den würde für mich etwas fehlen im Leben“, erzählt sie. Ohne Sport sei sie unausgeglichen. Es ist „wie das Zähneputzen zum Alltag geworden“. Deshalb fährt Alina nach acht Stunden Arbeit fast jeden Tag noch für zwei Stunden ins Fitnessstudio. „Sie ist ein Naturtalent, alles irgendwie unter einen Hut zu bekommen“, erzählt ihre Mutter. Bodybuilding ist ein zeitintensives Hobby, das ihren Alltag dominiere. „Es ist eine Art Sucht geworden“, räumt Alina ein. Es sei schwer für sie Pausen einzuhalten. „Der Muskel wächst nicht im Training, sondern in der Regeneration“ ist der zentrale Satz, den sie sich vor Augen halten muss, um sich im Training und Alltag zu zügeln.

Die Motivation und Disziplin nimmt sie aus dem Tag X. „Du willst da jetzt stehen und du willst deine Bestform erreichen“. Dieses Ziel halte sie sich vor Augen. „Ich bin dann auch mal knallhart zu mir selbst“, begründet sie die Disziplin, die sie für die Vorbereitung aufbringt. Belohnt wird der Kampfgeist mit dem 1.Platz. Als „unbeschreiblich, überglücklich“ versucht Alina das Gefühl zu Gewinnen zu beschreiben. Nach der Saison 2016 suchte sie sich eine neue Herausforderung und nahm sich zum Ziel eine Klasse aufzusteigen, um wieder einen neuen Ansporn zu haben.

Im letzten Jahr nahm sich Alina eine Auszeit vom Bodybuilding, um sich auf ihr Examen zur Ergotherapeutin zu konzentrieren. Während dieser Auszeit suchte sie eine neue Herausforderung und begann mit Pole-Fitness. Doch dabei verletzte sie sich an der Schulter. Alina musste operiert werden und durfte 12 Wochen lang ihren Oberkörper nicht trainieren. Ein Rückschlag. Alina befand sich gerade im Aufbau für die Saison 2019 und plante die Wettkampfvorbereitung. „Die ersten Wochen der Verletzung waren mit die schlimmste Zeit“, erzählt Alina. Niedergeschmettert und frustriert war sie, unzufrieden mit ihrem Körper, da die Muskeln immer weniger wurden. „Durch den Sport, den ich nebenbei mache, habe ich den anderen Sport, der quasi mein Leben ist, gefährdet. Das ist es mir nicht wert“, erzählt sie. Sie fragt sich, ob sie dem Körper zu viel zugemutet habe und ob dies nun die Konsequenz dafür sei. Doch Alina hat sich wieder gefangen und denkt positiv: Die Verletzung werde sie nicht stoppen und sie will 2020 mit einer neuen Bestleistung wieder auf der Bühne stehen. „Die Fäden werden bald gezogen“, erzählt sie strahlend. Alina ist bemüht schnell Fortschritte zu machen und teilt auf Instagram mit ihren 21.500 Followern ihre ersten Erfolgserlebnisse. „Langsam, aber sicher kämpfe ich mich zurück an die Gewichte“, schrieb sie dort und der Hashtag comebackstronger prägt die Dokumentation ihrer Erfolge. „Das sie auch bei Rückschlägen immer weitermacht und die Hoffnung nicht verliert“, bewundert ihre Cousine. Nicht aufgeben und kämpfen, um die Ziele zu erreichen, das ist Alinas Devise.