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Leben und Gesellschaft - Mann, Sexismus, Diskriminierung Be a man

Es ist wichtig und richtig, dass sich Frauen gegen sexuelle Gewalt und Belästigung wehren. Dass auch Männer von Sexismus betroffen sind, findet oft wenig Wahrnehmung. Im Gegenteil: Es gehört schließlich zum Mannsein dazu, keine Gefühle und Schwächen zu zeigen. Dieses falsche Männlichkeitsbild hat Konsequenzen, manchmal sogar tödliche.

Stereotypen, die uns von klein auf beigebracht werden, machen auch Männer zu Opfern sexueller Gewalt. Foto: dpa

Sexismus ist allgegenwärtig. Egal, wohin man sieht, man wird konfrontiert mit Werbespots und Internetanzeigen, die geschmückt sind mit halbnackten Frauen- oder Männerkörpern, die als Sexobjekte dienen. Natürlich vollbusig oder muskelbepackt, denn so sollten Frau und Mann ja aussehen.

44 Prozent aller Frauen und 32 Prozent aller Männer erleben Situationen im Alltag, in denen sie selbst Opfer von Sexismus sind. Während Frauen sich immer stärker dagegen wehren und das traditionelle Frauenbild immer weiter aufgebrochen wird, rücken Männer weiter in den Hintergrund und ihre Rolle bleibt bestehen. Durch die große Feministinnen-Welle wurde der Begriff Sexismus stark in diesen Kontext gezogen. Man möge meinen, er sei ein Begriff der Feministinnen-Bewegung, doch das ist er nicht.

Auch Männer haben mit vielen Vorurteilen und Erwartungen zu kämpfen. Sie sollen stark sein, viel Geld verdienen und ihre Familien versorgen. Sie zahlen das Essen, halten Türen auf und spielen den Gentleman. Sie haben immer Bock auf Sex und denken an nichts Anderes. Und wenn Männer andere Männer lieben, wird dies noch immer in ein sehr schlechtes Bild gerückt. Dinge, die als schwul bezeichnet werden, haben eine negative Konnotation. No Homo ist zu einem Standardspruch der Jugend geworden. Solange die Phrase No Homo fällt, wenn Männer sich ein Kompliment machen oder gar umarmen, ist alles in Ordnung. Denn dann ist klar: sie haben keine sexuellen Absichten. Ein Trend mit dem vermittelt wird, dass nur homosexuelle Männer Gefühle zeigen dürfen, nicht aber Männer, die heterosexuell sind.

Die Erwartung, dass Männer das starke Geschlecht verkörpern, kann sie in schwierige Situationen bringen. Oft wird beispielsweise vergessen, dass auch sie von psychischen Krankheiten betroffen sein können. Immer mehr Männer erkranken an Essstörungen wie Magersucht oder Bulimie. Laut Studien sind rund zehn Prozent der Magersucht- oder Bulimie-Erkrankten Männer. Bei der Binge-Eating-Störung, wobei unkontrollierte Essanfälle auftreten, sind es noch deutlich mehr. Etwa ein Drittel der Betroffenen ist männlich. Abgestempelt sind diese Krankheiten allerdings als typische Frauenkrankheiten und werden bei vielen Männern einfach nie diagnostiziert. Mit schlimmen Folgen, denn Essstörungen sind die psychischen Erkrankungen mit der höchsten Todesrate.

Auch orientieren sich immer mehr Männer an typischen Schönheitsidealen. Bei Männern äußert sich dies besonders im Sport, der Bereich, in dem sie auch am meisten von Sexismus betroffen sind. Sie wollen möglichst schlank und muskulös sein, also dem typischen Männerbild entsprechen. Dies kann schnell krankhafte Formen annehmen, was sie selbst und ihr Umfeld allerdings häufig nicht als Krankheit erkennen. Oft äußert sich dies auch durch Substanzmissbrauch, wie die Einnahme von Anabolika und Testosteron.

„Männer = über Gefühle reden?“

Schließlich ist auch die Selbstmordrate erschreckend hoch. Laut der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention (DGS) sind 70 Prozent der jährlichen Suizidtoten männlich. Zudem sind drei Mal mehr Frauen als Männer wegen Depressionen in Behandlung. Das liegt unter anderem daran, dass Frauen sich schneller Hilfe holen als Männer, da ihnen häufiger vermittelt wird, sie sollen über Gefühle sprechen, während Männer keine Schwächen zeigen und ohne Hilfe zurechtkommen sollten. Aber auch die Hilfsangebote selbst sollen daran schuld sein. So ist Gary Brooks, ehemaliger Professor der Baylor University in Texas, der Meinung, dass die meisten Hilfsangebote speziell auf Frauen zugeschnitten seien. Mit Männern müsse in der Behandlung ganz anders umgegangen werden als mit Frauen, was aber bisher nicht berücksichtigt werde. Zudem zeigen Untersuchungen, dass Frauen bei Arztbesuchen mehr Zeit gewidmet wird als Männern und ihnen auch mehr Hilfen angeboten werden. Außerdem ist Brooks der Auffassung, dass ihre Maskulinität Männer davon abhält, so mental gesund zu sein, wie es ihnen normalerweise möglich sein würde.

„Männer sprechen viel zu selten über erfahrene Gewalterlebnisse“

Dass oft Frauen Opfer sexueller Gewalt sind, ist bekannt. Dies bedeutet jedoch nicht, dass Männer verschont bleiben. Man spricht von sexueller Misshandlung, wenn eine Person gegen ihren Willen zu einer sexuellen Handlung gezwungen wird – auch durch verbalen oder psychischen Druck, wie zum Beispiel die Drohung die Beziehung zu beenden. Rund 27 Prozent aller Männer im Erwachsenenalter waren schon einmal Opfer solcher Taten, sowohl durch Männer als auch durch Frauen. Eine Studie der Bundesregierung zu Gewalt gegen Männer ergab, dass jeder zwölfte Mann in seiner Jugend Opfer von sexueller Gewalt war. Wenn es um Gewalt in Partnerschaften geht, sind die Meinungen sehr verschieden. Es gibt Behauptungen, Männern würde so etwas gar nicht widerfahren bis hin zu Auffassungen, dass es fast genauso viele männliche Opfer wie weibliche gäbe.

In der Studie gab jeder vierte der 200 befragten Männer an, dass er mindestens einmal Gewalt in einer Beziehung durch die Partnerin erfuhr. Fünf Prozent dieser Männer hatten dabei schon mal Angst, ernsthaft oder lebensbedrohlich verletzt zu werden. Neun der befragten Männer sagten, dass sie von ihrer Partnerin bereits zu etwas gegen ihren Willen gezwungen wurden. Auch zu sexuellen Handlungen. Kein Einziger meldete die Geschehnisse der Polizei, auch wenn er der Meinung war, dies wäre notwendig gewesen.

Es ist kaum möglich einen Überblick über diese Problematik zu gewinnen, da die Scham der Unmännlichkeit viele Männer daran hindert, über widerfahrene Gewalterlebnisse zu sprechen. Es ist davon auszugehen, dass die Dunkelziffer in allen Bereichen sehr viel höher liegt. Um solcher häuslichen Gewalt zu entkommen, gibt es in Deutschland rund 400 Frauenhäuser in denen Frauen Schutz suchen können. Für Männer gibt es gerade mal eine Hand voll Einrichtungen, an die sie sich wenden können. Auch wenn Männer seltener darüber reden, benötigen sie Hilfe, die sie bei so einem schwachen Angebot kaum in Anspruch nehmen können.

„Das war ein extrem unangenehmes Erlebnis“

Nicht nur in Beziehungen, sondern auch im Alltag, werden Männer Opfer von sexuellen Übergriffen, die sie im ersten Moment nicht mal als solche wahrnehmen. So schildert es auch Finn (Name geändert). Damals arbeitete er in einem Supermarkt an der Kasse und wurde von seiner deutlich älteren Arbeitskollegin mehrmals mit sexuellen Anspielungen belästigt. Als er seine Erfahrungen Zuhause erzählte, kamen Reaktionen wie „Stell dich nicht an, sie hätte ja auch unhöflich zu dir sein können“. Doch dabei blieb es nicht. Eines Tages bedrängte ihn seine Arbeitskollegin zum Schichtende in der Umkleide. „Sie hat die Arme um mich geklammert und mich an sich heran gedrückt“, erzählt Finn. „Außerdem fielen die Worte `Gib’s mir`. Das war ein extrem unangenehmes Erlebnis“, sagt Finn. Er erinnere sich noch wie er danach nach Hause kam. Er habe seinem Bruder davon erzählt und wisse noch ganz genau, wie dieser anfing zu lachen. Sah sie denn gut aus? War seine erste Frage, so Finn weiter. Er habe dieses Erlebnis bisher mit drei oder vier Personen geteilt und diese Frage fiel fast immer als erstes. Es wurde oft als Witz verstanden. Finn wusste nicht, ob er sich an jemanden wenden könne, deshalb hat er seiner Chefin bis heute nie von diesem Vorfall erzählt. Es gibt einfach dieses Bild, dass ein Mann nicht einfach nein sagt, er sollte sich stattdessen freuen und glücklich sein, erklärt er. Mit der Situation hatte Finn eine ganze Weile zu kämpfen und noch immer würde er gerne etwas dagegen tun, „aber es fühlt sich so nichtig an, als würde man aus etwas Kleinem einen Elefanten machen.“ Er schäme sich außerdem dafür, nichts dagegen getan oder in dem Moment gesagt zu haben. „Man hat das Bild im Kopf, dass ein Mann über so eine Situation die Kontrolle hat. Aber das ist nicht so“, stellt Finn fest.

„Und auch über ihr Recht Vater zu sein haben Männer wenig Kontrolle“

Wenn Eltern bei der Geburt ihres Kindes nicht verheiratet sind, steht mit der Geburt des Kindes der Mutter das alleinige Sorgerecht zu. Diese muss dann mit einer Unterschrift bestätigen, dass sie das Sorgerecht mit dem Vater teilen möchte. Wenn die Mutter nicht will, dass der Vater Kontakt zu seinem Kind hat, hat dieser keine andere Möglichkeit, als das Recht, sein Kind zu sehen, einzuklagen. Nach einer Scheidung können Väter ebenfalls nicht selbst entscheiden, wann und wie oft sie ihr Kind sehen. Laut Bundesministerium leben 93 Prozent der Kinder nach der Trennung ihrer Eltern bei der Mutter. In nur 6 Prozent der Fälle in denen Eltern für das alleinige Sorgerecht vor Gericht ziehen, wird dies den Vätern zugesprochen. Diese Ergebnisse bestätigen, dass Familiengerichte nach wie vor Frauen in der Erziehungsrolle sehen. Eine repräsentative Befragung des Instituts für Demoskopie Allensbach zeigt, dass sich immerhin 48 Prozent der Trennungsväter einen größeren Anteil an der Erziehung ihrer Kinder wünschen.

Feminismus ist eine großartige Sache, die jeder unterstützen sollte, da er sich für die Gleichstellung beider Geschlechter einsetzt und somit auch Männer aus ihren gesellschaftlichen Zwängen holt. Wir sollten nur nicht aus den Augen verlieren, wer hier der Täter ist. Es ist die Gesellschaft. Es sind Stereotype, die uns von klein auf beigebracht werden, demnach als normal erscheinen, ohne dass wir es überhaupt merken. Männer sind nicht nur Täter sexueller Gewalt und Belästigung, sondern auch Opfer. Dagegen wird noch viel zu wenig getan. Das gesellschaftliche Bild kann nur von der Gesellschaft selbst geändert werden, nicht von einzelnen Geschlechtergruppen, vor allem nicht, indem man einander die Schuld gibt. Beide Geschlechter sind Ergebnis einer über Jahrzehnten geformten Geschlechterrolle und es ist schwer, sich aus dieser zu lösen. Immer haben Männer Angst vor der Entmannung. Würden beide Geschlechter gleichauf sein, müssten sie sich auch darum keine Sorgen machen. Denn Fakt ist: auch Männer haben Gefühle und auch sie dürfen Schwäche zulassen.