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Leben und Gesellschaft - Hooligan Auswärts asozial

Heute studiert Tobias Soziale Arbeit, doch vor ein paar Jahren war er noch Schläger in einer Magdeburger Hooligan-Gruppe. Mit Campus38 spricht er über seine Vergangenheit, die Interna von Hooligans und seinen Ausstieg.

Tobias vermummt auf einem Bolzplatz. (Quelle: Franziska Dönitz)

Die in schwarz gekleideten Jungs heizen sich gegenseitig an. Etwas entfernt stehen zwei Streifenwagen, Beamte sind nicht zu sehen. Man vermummt sich. Wie besprochen stellt man sich auf. Die Schweren stehen vorne und die guten Kämpfer direkt dahinter. Zwei Gruppen mit je zwanzig Mann stehen sich gegenüber. Wie bei einer Schlacht rücken sie langsam vor. „Mit jedem Schritt steigt das Adrenalin“, sagt Tobias. Ein paar Meter vor dem Aufeinanderprallen der Frontlinien gibt Andy das Kommando: „Fäuste hoch!“ Das Adrenalin schießt durch die Adern. Der Kampf beginnt und sofort steckt Tobias einen ersten Schlag ein – auf die Wange. Der Knochen schmerzt, aber er hält sich auf den Füßen. Mit einem Nierentritt setzt er nach. Aus dem Nichts trifft ihn ein Schlag am Kiefer. Als Konter verpasst Tobias dem Gegner einen Faustschlag: „So dolle, dass meine Handknochen selbst schmerzen.“ Sein Gegner geht zu Boden und Tobias lässt von ihm ab. In dem Moment spürt er einen Tritt in den Rücken: „Ein Schmerz, als ob die Knochen brechen.“ Er fällt nach vorne, bekommt einen letzten Tritt an den Hinterkopf. Sein Gesicht wird in Gras und Schlamm gedrückt. Nach ungefähr zwei Minuten ist der Kampf vorbei.

Mit 16 Jahren ist sein größtes Hobby der Fußball. Tobias wächst in einem Dorf bei Magdeburg auf, als zweitältester von vier Brüdern. Das Verhältnis zu seinen Eltern ist gut. Mit 17 Jahren wird Tobias Anhänger einer rechten Hooligan-Gruppe. Wie ist es dazu gekommen? Wie verläuft sein Weg durch die Hooliganszene? Er erzählt Campus38 aus seinen vergangenen Jahren, um einen genaueren Einblick in die Szene zu geben. Auf seinen Nachnamen wird verzichtet.

Es beginnt mit der Liebe zum selben Club


Ein Nachmittag im Frühling. Leichter Wind weht und am Himmel sucht sich die Sonne vereinzelnd ihre Wege durch die Wolken. Die Farben von Tobias Schal und Jacke sind blau und weiß, passend zu den Farben seines Vereins. Tobias ist auf dem Weg zu der kleinen Stammkneipe im Dorf. Dort trifft er sich mit seinen Freunden. Sie verbindet ihre Liebe zum 1. FC Magdeburg (FCM). Im schlecht beleuchteten Raucherraum sitzen sie gemeinsam am Tisch und trinken Bier. Literweise. Sie hören Schlagermusik und bringen sich in Stimmung. Gleich geht es weiter zum Bahnhof und dann zum Spiel. Das Motto heißt: „Auswärts asozial.“

Am Bahnhof treffen die Freunde auf ein bekanntes Gesicht. Tobias kennt den Jungen von seinem älteren Bruder, er heißt Dennis. Selbst kein Hooligan, aber in der rechten Szene aktiv. Durch ihn hat Tobias mit 16 Jahren schon erste Berührungspunkte mit Rechtsradikalen. Er ist damals kein unbeschriebenes Blatt mehr: „Ich habe nicht sofort und ohne Grund auf jeden Ausländer, den ich gesehen habe, eingeschlagen. Aber wenn sie mich provoziert haben, sah ich das als einen Grund.“ Von seinem älteren Bruder wurde ihm die rechte Szene und die Cliquen-Mitglieder nahegebracht. Rechtsradikale Graffitis und Anfeindungen gegen Gruppen, die nicht dem Weltbild derRechtsextremisten entsprachen, sind ihm nicht fremd. Er mag die Clique seines Bruders. Tobias blickt nachdenklich zu Boden. „Ich war unreflektiert und dumm. Ich dachte immer, was mein sechs Jahre älterer Bruder macht, ist richtig.“

Dennis hat markante Gesichtszüge, einen sechs Millimeter-Haarschnitt und eine rechte Gesinnung. Handschlag. Sie verstehen sich gut. Die Gruppe steigt zusammen in den Zug. Sie freuen sich auf das Spiel. Es wird dunkler draußen. Im Stadion setzt sich die Gruppe in den Familienblock. Dennis begrüßt dort viele Freunde. Sie sind schwarz gekleidet. Dann beginnt das Spiel. Die Mannschaften laufen auf den Rasen. Die Massen stimmen Jubelgesänge an. So laut, dass man sich nicht unterhalten kann. Über den Köpfen der Fans schwingen Banner und Fahnen. Vereinzelt fliegen Plastikbecher durch die Luft. Der Nervenkitzel ist groß. Das Gemeinschaftsgefühl unglaublich.

NS-Propaganda neben Fanartikeln


Der FCM gewinnt 2:1 gegen RB Leipzig. Tobias und seine Freunde liegen sich in den Armen. Nach dem Sieg will Dennis Tobias jemanden vorstellen. Tobias reicht einem großen, breit gebauten und schwarzgekleideten Mann die Hand. Ein fester Händedruck – er wirkt selbstbewusst. Über seinem linken Auge hat er eine kleine Narbe. Es ist der 31-Jährige Andy. Er hat Tobias schon öfter bei Spielen gesehen. Dann erzählt Andy von einem Sportclub. Gemeinsames Training im Fitnessclub. 25 Jungs, die sich auch zu Fußballspielen des FCM treffen. „Du machst doch auch die Kampfsportart MMA“, meint Dennis. „Dann können wir dich gut gebrauchen“, antwortet Andy. Mixed Martial Arts, kurz MMA, ist eine Vollkontaktsportart, die sich der Techniken aus vielen Kampfsportarten wie zum Beispiel Kickboxen oder Taekwondo bedient. Man besiegt seinen Gegner, indem er durch Abklopfen aufgibt, ohnmächtig wird oder der Schiedsrichter den Kampf abbricht. Tobias macht den Sport seit er 16 Jahre alt ist.

Eine Woche später trifft Tobias die Sportgruppe. Auch Dennis sieht er dort wieder. Sie trainieren gemeinsam in einem kleinen Fitnessclub nahe der Stadt. Klassisches Boxen, MMA, Kickboxen und Muay Thai. Tobias wird von dem Club herzlich aufgenommen. „Ich hatte den Vorteil, dass sie meinen Bruder schon kannten und mochten. Außerdem hat sich Dennis für mich eingesetzt“, erklärt Tobias. Nach dem Training fährt er mit ein paar Mitgliedern zusammen zu Andy. Er wohnt alleine in einer kleinen Ein-Zimmer-Wohnung in Magdeburg. Das Hochhaus sieht renovierungsbedürftig aus. Die Fassade ist brüchig und die Farbe von der Sonne verblasst. Im Wohnzimmer steht eine alte Couch vor einem kleinen Fernseher. In der Mitte ein Glastisch mit Aschenbecher. An den Wänden hängen Flaggen mit NS-Propaganda, direkt neben Fahnen vom 1. FC Magdeburg. Für Tobias ist das nichts Erschreckendes, nichts Neues. In der rechten Szene fühlt er sich wohl.

Die Fenster sind mit Kopfkissenbezügen zugehängt. In der Luft liegt ein muffiger Geruch aus abgestandenem Essen und Rauch. Sie besprechen sich in der Gruppe. Es geht um Abläufe der nächsten Spiele und um das Training. Und dann fällt das Wort Hooligan. Tobias will mehr davon wissen. Die Gruppenmitglieder erklären die Regeln der Gruppe und den Ehrenkodex der Hooligans: Wer am Boden liegt, wird nicht mehr geschlagen, keine Waffen und Unbeteiligten werden nicht mit reingezogen. Tobias ist interessiert und neugierig. Er sieht die Gruppe als einen neuen Freundeskreis: „Rechtsorientiert war ich ja schon und geschlagen habe ich mich auch schon.“ Außerdem könne er gleichzeitig mit der Gruppe zu seinem geliebten Fußballspielen gehen, erklärt er.

Die Hooligan-Gruppe als neue Familie


Als die Jungs Tobias zum nächsten Spiel mit der Hooligan-Gruppe einladen, klingt das wie Musik in seinen Ohren. Er soll sich schwarz kleiden, meint Andy. Bandagen für die Hände und wenn möglich Mundschutz mitnehmen. Die Gruppe trifft sich immer auf einem Parkplatz vor einem Drogeriemarkt. Tobias begrüßt die Gruppe. Sie gehen gemeinsam zum Stadion. Wie immer ist die Spannung groß. Die Fäuste in die Luft strecken und den FCM mit einer großen Stimmgewalt anfeuern. Diesmal verliert der FC Magdeburg allerdings. Die Hooligan-Gruppe ist wütend. Andy fordert die Gruppe auf, sich nach dem Spiel mit den Gegnern zu schlagen, wie besprochen. Tobias ist nervös, als er mit den Hooligans das Stadion verlässt. Dicht folgt er Andy. Er sagt ihm, was zu tun ist.

Draußen wird es dunkel. Etwas abseits vom Stadion steht eine andere Gruppe. Gegner, die lautstark Schlachtrufe skandieren. Langsam nähern sich die Hooligan-Gruppen. Erst Schreie, dann Beleidigungen, die Gruppen provozieren sich. „Das Motto ‚Auswärts asozial‛geht immer“, erläutert Tobias. Er soll seinen Mundschutz auspacken und die Bandagen anlegen, raunt ihm Andy zu. Sein erster Kampf – er muss sich beweisen, um ein respektiertes Mitglied zu werden. Tobias ist aufgeregt, aber bereit zum Schlagen. Wut hat er genug. Tobias verschränkt die Arme im Interview und lehnt sich etwas zurück. Er erzählt davon, dass er seine KFZ-Ausbildung hasste und sie ihn frustrierte. „Mein Ausbilder gab mir immer zu verstehen, dass die Arbeit nichts für mich ist“, ergänzt Tobias. Von Tag zu Tag wachsen in ihm die Aggressionen.

Schon kurz nach Kampfbeginn liegt Tobias am Boden. Er rappelt sich auf und findet in seine Gruppe zurück. Da ist es schon vorbei. Erst dann schmeckt er Blut in seinem Mund, seine Lippen sind aufgeplatzt. Der Adrenalinschub klingt langsam ab. Die Schmerzen sind für ihn Nebensache. Die Gruppe ist stolz auf Tobias. „Ich bekam Anerkennung, das freute mich“, berichtet Tobias, während er nervös an seinen Fingern rumspielt. Das war seine erste Schlägerei als Hooligan.

Hauptsache auf die Fresse“

Von da an ist er ein vollwertiges Mitglied der rechtsorientierten Hooligan-Gruppe. Tobias entfernt sich von seinen früheren Freunden. Die Hooligan-Gruppe wird zunehmend wichtiger und vereinnahmt sein Leben immer mehr. Jede Schlägerei macht ihn selbstsicherer. „Gründe gab es nicht immer. Aber man hat sich welche gesucht“, reflektiert Tobias mit zuckenden Schultern. Dabei rückt der Fußball immer mehr in den Hintergrund. „Hauptsache auf die Fresse“, sagt Tobias mit druckvoller Stimme. Unter der Woche macht er seine Ausbildung zuverlässig unauffällig. Am Wochenende findet er sein Ventil. Da ist er voller Wut, hemmungslos und gewaltbereit. Seine Freizeit verbringt er mit den Hooligans beim Kampftraining. Außerdem werden gemeinsam rechte Aktionen verübt. Dabei blieb es nicht nur bei Graffitis sprühen. „Frei, sozial und national“ ist einer der Schlachtrufe. Die rechtsorientierte Hooligan-Gruppe greift Ausländer an, erst mit Worten, dann mit Fäusten. Tobias fällt der Augenkontakt schwer, als er davon berichtet. „Ich weiß nicht, wie ich damals so ein Weltbild haben konnte, aber es fühlte sich richtig an.“

Mit der Zeit wird es schwieriger, nach den Spielen die Gewalt zu suchen. Die Polizei wird präsenter: Videokameras, mehr Beamte. Oft geht die Brutalität der Hooligans dann auch gegen die Polizei. Man wirft mit Steinen und Pyrotechnik. Solange man mit seiner Gruppe in der Überzahl ist, klappt das auch. „Wenn dann mehr Bullen anrücken, muss man halt weg“, erzählt Tobias. Erwischt wird er nie. Stattdessen liebt er das Gemeinschaftsgefühl in der Gruppe: Man ist eine Einheit, eine Familie. Er beweist sich bei den Schlägereien und wird dafür gelobt. Tobias blickt auf den Boden: „Vielleicht habe ich das zu Hause ein bisschen vermisst.“ Mit seiner Familie versteht er sich zwar gut, sein Doppelleben als Hooligan fällt aber niemandem auf. Seine Eltern arbeiten viel. Oft passt Tobias auf seinen achtjährigen Bruder auf – Dankbarkeit von seinen Eltern vermisst er.

Wenn der Frust und die Wut über fehlende Anerkennung zu Hause oder in der Ausbildung groß werden, ist Tobias noch mehr Feuer und Flammemit den Hooligans loszuziehen, erzählt er. Wenn er mit Verletzungen nach Hause kommt, kann er sie gut verstecken. Prellungen, blaue Flecken und Schürfwunden lässt er ohne ärztliche Behandlung abheilen. Bei Brüchen gibt es einen Verband. Seiner Mutter muss er dann jedes Mal eine neue Ausrede auftischen. Tobias Mutter weiß, dass er kein zurückhaltender, ruhiger Junge ist. So lässt sie sich mit Ausreden abspeisen, wie zum Beispiel, dass man sich als Junge beim Feiern schon mal schlägt.

Ungefähr ein Jahr nachdem Tobias Hooligan geworden ist, lernt er über das Internet ein Mädchen kennen. Ihr Name ist Rieke. Sie hat schulterlange hellbraune Haare, die sie meist in einem Zopf trägt. Ihre Augen sind grün, sie trägt ein süßliches Parfüm. Tobias erzählt mit offenen Augen und einem Lächeln auf den Lippen. Bald ist sie Tobias neue Freundin und die einzige Person, die Tobias wirklich nahesteht. Die einzige, die von seinem Doppelleben weiß. Zunächst überdeckt die frische Liebe den Konflikt. Manchmal äußert Rieke Bedenken, wenn Tobias mit den Hooligans loszieht. „Aber sie liebte mich und akzeptierte mich so“, verdeutlicht Tobias. „Pass bitte auf dich auf“ sind ihre letzten Worte vor den Verabschiedungen. Nach einigen Monaten wird es schwieriger. Die rosarote Brille ist weg. Rieke gibt ihm immer mehr zu verstehen, dass sie es nicht mehr aushält, den Freund in so einer Gefahr zu sehen.. Heute ist Tobias 24 Jahre alt und studiert Soziale Arbeit. Auf seinem Rücken hat er einen braunen Rucksack voll mit Aufzeichnungen aus der Universität. Er trägt Turnschuhe, Jeans, einen grünen Kapuzenpullover. Seine schmalen Lippen bringen ein breites Lächeln hervor. Die Haare sind an den Seiten gestutzt und hellbraun. Er hat blaue Augen, zwischen denen sich eine Zornesfalte abzeichnet. Wie schafft Tobias den Absprung?

Das Doppelleben kippt


Mittlerweile ist Tobias mehr als ein Jahr bei den Hooligans. Es ist Wochenende und ein Fußballspiel vom 1. FC Magdeburg steht an. Wie gewohnt schlagen die Hooligans nach dem Spiel auf eine andere Hooligan-Gruppe ein. Tobias steckt ein blaues Auge ein. Wie immer schmerzt sein schon oft geprelltes Jochbein. Es folgt ein Tritt in die Niere. Er fällt auf die Knie und fasst sich mit schmerzverzerrtem Gesicht an seinen Beckenbereich. Plötzlich wird Tobias von hinten am Hals gepackt und zu Boden gerissen. Bevor er realisieren kann, dass die meisten anderen schon geflüchtet sind, nimmt er eine Stimme wahr. „Liegen bleiben, Hände auf den Rücken!“ Es ist ein junger Polizeibeamter. Tobias bekommt Stadionverbot. Als die Gang davon erfährt, ist die Aufregung groß: „Scheiß Bullen, das lassen wir uns nicht gefallen.“

Eines Tages liegt im Briefkasten ein Umschlag von der Polizei – Anzeige. Die Eltern erfahren davon. Es kommt immer mehr zusammen, was ihn zum Nachdenken bringt. Die Beziehungsprobleme mit Rieke. Die Enttäuschung der Eltern. Drohende Ermittlungen. So paradox wie es klingen mag, sind ihm sein Führungszeugnis und seine Zukunft trotz des Hooligan-Daseins immer wichtig, versichert Tobias. Mit dem Brief der Polizei in der Hand weiß er, dass sich etwas ändern muss. Er erinnert sich an die Zeit, in der ihm mal der Fußball wichtig gewesen ist und nicht die Schlägereien danach. An dem Punkt beschließt Tobias, seiner Mutter von seinem Doppelleben zu erzählen. „Ich konnte es einfach nicht länger geheim halten.“ Zurückhaltend und mit leiser Stimme erzählt er ihr von seinen vielen Verletzungen und den Lügen, die er erfinden musste. Seine Mutter sitzt ihm am Küchentisch gegenüber. „Als ich ihr die Wahrheit erzählte, saß sie mir gefühlte fünf Minuten sprachlos gegenüber“, erinnert sich Tobias. Vielleicht ist sie schockiert, da Tobias nicht den Anschein macht, so eine Gewalt freiwillig auszuleben. Zum ersten Mal erwähnt Tobias gegenüber seiner Mutter, wie schlecht es ihm mit seiner Ausbildungssituation geht. Seine Mutter steht hinter ihm. Sie schlägt ihm vor, die Ausbildung abzubrechen und sich ein neues Ziel zu suchen. Auch Rieke erfährt von seinen neuen Plänen. Er ist dankbar, dass sie ihn in eine neue Richtung gelenkt hat. „Mehr und mehr hinterfragte ich mein Dasein als Hooligan.“ Ihm wird bewusst, dass er seine Beziehung zu Rieke damit gefährdet. Tobias will Rieke nicht verlieren als Freundin. Hier kann er sich ausleben, er lernt über Frust auch mal zu sprechen. Bei den Treffen mit seiner Hooligan-Gruppe verspürt er zunehmend Unbehagen.

Er erinnert sich daran, dass er mit 14 Jahren die Sechs- bis Achtjährigen im Fußball trainierte. „Da fing eigentlich schon mein Interesse an, mich mit Menschen zu beschäftigen.“ Langsam erholen sich die Knochen. Bandagen und der Mundschutz verschwinden tief in einer Schublade. Tobias ist sich nicht hundertprozentig sicher, ob er etwas Soziales studieren soll. Er will es einfach ausprobieren. Also holt er sein Abitur nach, immatrikuliert sich. Der Studiengang gefällt ihm, er schreibt gute Noten. Ein neuer Freundeskreis entsteht. Der Wunsch, Sozialassistent zu werden, festigt sich. „Endlich hatte ich ein richtiges Ziel“. Auch wenn sein heutiger Berufswunschangesichts seiner Vergangenheit fragwürdig klingt, wirkt Tobias selbstsicher, es zu schaffen. „Viele, die mich heute kennenlernen, können nicht glauben, was ich früher getan habe. Aber ich bin froh, dass ich heute ein komplett anderer Mensch bin.“

Einmal noch trifft er sich mit Andy, Dennis und zwei anderen Hooligan-Mitgliedern. Mit Zigarette in der Hand sitzen sie bei Andy auf der alten Couch. Tobias hat ein flaues Gefühl im Bauch. Zögernd erklärt Tobias den Jungs seine Gründe für den Ausstieg. Der ganze Ärger nur wegen der Gang. Für Tobias sind es auch Freunde geworden, die er mit dem Ausstieg nicht verlieren will. Deren Reaktion auf seinen Ausstieg ist kurz und deutlich. „Okay dann bist du raus. Lass dich im Stadion ja nicht mehr blicken“, warnt Andy. Zuerst ist Tobias sprachlos, wieder enttäuscht. Als er gerade die Worte wiederfindet, zeigt Andy zur Tür. Rausschmiss. Mit einem Knall fällt die Tür in das Schloss. Aus und vorbei. „So ist das in dieser Szene“, sagt Tobias trocken, „man ist austauschbar. Einfach ein Mitglied der Kampfeinheit.“