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gute|schlechte Medien - Politik Wer nur nach Schuldigen sucht, vertagt Lösungen

Wer ist verantwortlich für den rasanten Aufstieg der AfD? Aus Politik und sozialen Netzwerken schallt es: die Medien. Doch das ist zu einfach. Warum die Suche nach Sündenböcken weder sinnvoll noch zielführend ist.

Der Tenor sagt, die mediale Berichterstattung trägt einen großen Anteil am Wahlerfolg der AfD. Doch eine verzweifelte Suche nach Sündenböcken setzt falsch an. (Fotomontage: Joshua Müller/iStock/Pixabay/AfD)

Deutschland hat gewählt und zum ersten Mal zieht die rechtspopulistische Partei AfD mit fast 13 Prozent der Stimmen in den Bundestag ein. Wie ist es möglich, dass eine Partei, die mit Ängsten und Sorgen der Wähler spielt, einen so hohen Zulauf bekommt? Eine komplexe Frage, doch die Antwort darauf scheint leicht zu sein. Der grüne Bundestagsabgeordnete Hans-Christian Ströbele sagt im ZDF: „Ich empfehle allen, auch Ihnen hier beim ZDF oder auch bei der ARD, nicht jeden Furz oder jeden Spruch, den ein AfDler loslässt, selbst wenn der schlimm ist, tagelang, wochenlang immer wieder zu drehen und zu kommentieren. Sie haben die hochgebracht.“ Auch als die Süddeutsche Zeitung bei Twitter die Frage stellt, ob die Medien Schuld am Aufstieg der AfD hätten, hagelt es einsilbige Antworten – sprich: „Ja“. Von überall sind Schuldzuweisungen zu hören, jeder sagt sich selbst von der Schuld los. Verantwortung wird delegiert, Sündenböcke gesucht. So werden komplizierte Sachverhalte ganz einfach.

Ein klares Sich-Lossagen von der Schuld und das gleichzeitige Abgeben dieser an andere, hat eine lange Geschichte. Das dritte Buch Mose erzählt im sechzehnten Kapitel von einem Ritual des Volkes Israels, bei dem durch einen Priester die Sünden des Volkes auf einen Ziegenbock übertragen wurden. Dieser wurde dann in die Wüste geschickt, wo er, was so nicht direkt in der Bibel steht, wohl umgekommen ist. Daraus entstand eine Redewendung, die bis heute im deutschen Sprachgebrach zu finden ist: „Jemanden zum Sündenbock machen.“ Die Aufgabe eines biblischen Sündenbocks ist es, alle Fehler der Israeliten zu übernehmen, für die er bestraft wird. Das Volk hingegen muss sich keine Gedanken mehr über sein eigenes Fehlverhalten machen. Fehler sind kein Streitthema mehr und die Gemeinschaft ist vereint. Für einen Großteil des Volkes wohl die perfekte Lösung. Nur nicht für den Bock.

Über die Hälfte der Deutschen wünscht eine Obergrenze für Flüchtlinge


Der amerikanische Religionsphilosoph René Girard glaubt, dass eine Gemeinschaft Sündenböcke benötigt, wenn diese innerlich zerrissen ist oder sich von einer Katastrophe bedroht fühlt. Eine Verbindung zwischen Sündenbock und Bedrohung kann das Übel verschieben und die Gemeinschaft stabilisieren. Aber ist Deutschland so „innerlich zerrissen“? Die Mitte-Studie 2016 der Friedrich-Ebert-Stiftung zeigt auf, dass Meinungen der Deutschen weit auseinander liegen - besonders ablesbar etwa in den Einstellungen gegenüber Flüchtlingen. Ganze 20 Prozent äußern eine klare Ablehnung gegenüber Flüchtlingen. Jeder zweite Mensch in Deutschland vertritt eine fremdenfeindliche Meinung – das sind 44 Prozent mehr als noch im Vorjahr. Auch macht die Studie klar, dass über die Hälfte der Menschen eine Obergrenze für Flüchtlinge wünscht. Die Mitte-Studie zeigt also, dass eine Spaltung klar erkennbar ist.

Daran sind die Medien schuld, so ist sich Hans-Christian Ströbele sicher, der mit dieser Meinung keinesfalls allein steht. Diesen Aussagen schließen sich viele Wähler an: Soziale Medien und die Meinungsseiten der Zeitungen sind voller Schuldzuweisungen. Beispiele wie aus dem Bilderbuch für das, was René Girard in seiner Anthropologie als Sündenbock bezeichnet. Wer kennt sie nicht: Die Menschen, die heutzutage „typische AfD-Wähler“ genannt werden. Sie haben einen schlecht bezahlten Beruf – ungeachtet dessen, dass sich Wähler der AfD durch alle Bevölkerungsschichten ziehen – sind unzufrieden mit der Politik und hetzen gegen Ausländer. Vermutlich hat jeder schon einmal einen Satz so oder leicht abgewandelt gehört oder in den sozialen Medien gelesen, bei einer Demonstration mithören müssen oder am Stammtisch mitbekommen: „Flüchtlinge werden im deutschen System besser versorgt als echte Deutsche.“

Schweigen oder konfrontieren?


Es kommt vor, dass zum Beispiel ein Taxifahrer erbost erzählt, dass alle Flüchtlinge in Deutschland privat versichert seien und somit medizinisch bevorzugt würden – er fühlt sich benachteiligt. Natürlich repräsentiert der Taxifahrer hier nicht die Gesamtheit aller Wähler der AfD. Der einzige Grund für dieses Beispiel ist der, dass sich diese Situation kurz vor der Wahl im Braunschweiger Stadtgebiet ereignete. Wie geht man mit so einer Situation um? Zuerst einmal könnte der Taxifahrer einfach in seinem Glauben gelassen werden. Das ist eine Lösung mit einem sehr geringen Aufwand. Die Spaltungen der Gesellschaft, in diesem Beispiel präsent im Taxifahrer und seinem Kunden, können durch ein Stillschweigen aber auch nicht überwunden werden.

Die logische Alternative scheint eine direkte Konfrontation zu sein. In dem Fall der Taxifahrt sieht die vermutlich so aus, dass erklärt werden kann, was „privat versichert“ für Flüchtlinge tatsächlich bedeutet: Entgegen der Überzeugung des Taxifahrers sind Flüchtlinge nicht bei einer privaten Krankenkasse versichert, durch die sie womöglich bei Ärzten bevorzugt behandelt werden könnten. „Privat“ meint in dem Fall die Übernahme der Kosten durch die Kommunen, bei denen Flüchtlinge untergekommen sind. Dort müssen sie für Arztbesuche Anträge ausfüllen, was besonders bei Fachärzten zu einer langen Wartezeit vor der Behandlung führt. Doch was bringt es, wenn sich die Gesprächspartner nicht von der Stelle bewegen und sich in ihren Positionen festfahren? Beide Seiten haben sich zuvor über einen Zeitraum eine Meinung gebildet, die durch äußere Einflüsse geprägt und gefestigt ist. Wie wahrscheinlich ist es, dass eine Seite ihre Meinung innerhalb einer vielleicht 20-minütigen Fahrt um 180 Grad dreht? Genauso wenig, wie der Kunde sich urplötzlich dazu entscheiden wird, die AfD zu wählen, wird sich auch der Fahrer spontan gegen eine Wahl der Partei entscheiden. Wenn beide Seiten nicht von ihrer Meinung weg wollen, können die Spaltungen nicht überwunden werden. Vielmehr besteht durch Unverständnis und Unzufriedenheit die Gefahr noch weiterer Entfremdung.

Es ist auch möglich, auf einer anderen Ebene anzusetzen, die im ersten Moment etwas absurd aussehen mag. Anstatt zu versuchen, die Meinung des Anderen zu eliminieren, kann sich der Kunde in den Taxifahrer hineinversetzen und versuchen, dessen Sorgen zu verstehen. Das wird wohl kaum in zwanzig Minuten Taxifahrt schaffbar sein. Könnte man komplexe Probleme aber in so kurzer Zeit lösen, wären sie wohl weder Probleme noch komplex. Die Annäherung der gespaltenen Gesellschaft kann nur über in einem langwierigen, komplizierten und hürdenreichen Prozess stattfinden.

Ist tatsächlich der Sündenbock das korrekte Ziel?


Der Taxifahrer beschwert sich also über eine bessere medizinische Versorgung von Flüchtlingen, als sie für Bürger der Bundesrepublik Deutschland gewährleistet sei. Die erste Schlussfolgerung wäre, weniger medizinische Versorgung für Flüchtlinge zu gewährleisten. Das ist für den Kunden keine Option. Was wäre aber, wenn Kunde und Fahrer gemeinsam Kritik am deutschen Gesundheitssystem üben? So wird die Ablehnung von Flüchtlingen auf eine Ursache des Problems übertragen. Wird dieses Prinzip im großen Stil umgesetzt, ist es nicht mehr nötig, Sündenböcke wie Flüchtlinge oder Medien zu suchen und stattdessen als eine Gemeinschaft zu agieren.

Das heißt nicht, dass die Medien grundsätzlich frei von aller Schuld sind. Möglicherweise hat der Sündenbock aus der Bibel selbst einen Fehler begangen. Vielleicht hat er einmal fälschlicherweise so laut geblökt, dass die Frauen, welche das Essen kochten, erschraken und in ihrer Furcht das Essen anbrennen ließen. Vielleicht ist in diesem Moment der Unachtsamkeit das Feuer auf die trockenen Gebäude der Israeliten übergesprungen und einige Hütten gingen in Flammen auf. Selbst wenn der Bock die Frauen erschreckte, ist er nicht daran schuld, dass sich die Israeliten so leicht ablenken ließen, dass der Wind an jenem Tag so ungünstig stand und sich das Feuer besonders schnell ausbreiten konnte, dass der Anführer keine Brandschutzmaßnahmen geplant hat und auch nicht, dass ihr Gott den Israeliten nicht durch Regen half.

Selbst wenn es dem Bock egal ist, ob er alle Sünden auf sich läd oder nicht, auch die gesamte Gesellschaft, hier das Volk Israel, geht ein Risiko ein. Wird der Ziegenbock beseitigt – und mit ihm scheinbar die Sünden – dann wird es nicht lange dauern und die Sicherheit der Gemeinschaft wird erneut gefährdet. Effektiv wäre, wenn sich die Israeliten gemeinsam zusammensetzten und ein Konzept erarbeiten würden, wie diese Gefahren zu vermeiden wären. Ein Teil dessen kann sein, dem Bock beizubringen, nicht mehr zu blöken. Das Problem muss aber auch aus anderen Richtungen beleuchtet werden. Komplexe Sachverhalte lassen sich weder damals noch in der heutigen Zeit einfach beantworten. Da gibt es nicht nur schwarz oder weiß, schuldig oder unschuldig. Wer Sündenböcke sucht – egal, ob in biblischen Geschichten oder in der Politik der Bundesrepublik Deutschland – der setzt sich neuer Gefahr aus. Wer Sündenböcke sucht, liebe Wähler, liebe Politik und liebe Medien, der vertagt Lösungen.