Direkt zu den Inhalten springen

gute|schlechte Medien - Casting-Show Und wieder mal habe ich heute leider kein Foto für dich…

Jahr für Jahr sucht Dieter Bohlen nach Deutschlands neuem Superstar. Heidi Klum sucht das neue Gesicht der Cosmopolitan und wir mit der Fernbedienung verzweifelt neue Programme im Fernsehen. Obwohl die Quoten von Casting Shows insgesamt rückläufig sind, gibt es immer neue Casting-Shows. Campus 38 hinterfragt den Casting-Hype.

 

Vor allem junge Leute suchen bei Casting-Shows das ganz große Glück.

Made for TV

Menderes Bagci, Daniel Kübelböck, Pietro Lombardi. Was haben diese drei Herren gemeinsam? Sie sind Produkte der Casting-Welt und werden immer mit dieser in Verbindung gebracht. Auch der Künstler Andy Warhol fasste bereits 1968 die heutige Aufmerksamkeitsökonomie zusammen: „In the future everyone will be world-famous for 15 minutes.“ Jeder hat heutzutage die Möglichkeit 15 Minuten weltberühmt zu sein. Besonders in der Casting-Welt wird dieses deutlich. Die Medienlandschaft produziert Stars und Sternchen am laufenden Band. Woche für Woche flimmern Shows wie „Deutschland sucht den Superstar“, „Germany’s Next Topmodel", „The Voice“ oder „Das Supertalent“ über die Bildschirme zahlreicher Zuschauer. Selbst für Kinder gibt es inzwischen mit „Dein Song“ oder „The Voice Kids“ vergleichbare Angebote. Und die Suche wird immer spezieller: Auf RTL2 wird das neue „Curvy Model“ gecastet. Die öffentlich-rechtlichen suchen den neuen Star für den Eurovision Song Contest und VOX bringt mit „Die Höhle der Löwen“ einen Publikumsliebling an den Start. Die deutschen Fernsehsender buhlen um die Aufmerksamkeit der Zuschauer. Und was eignet sich dafür besser als ein Wettbewerbsformat? Dabei sind Casting-Shows heute nicht mehr nur Talentwettbewerbe, sondern vor allem kommerzialisierte Unterhaltung. Ging es früher zumeist noch darum Amateuren die Chance eines öffentlichen Auftritts zu geben, stehen heute die narrativen Strukturen der Show im Vordergrund. Nicht umsonst wird im Zusammenhang mit Casting- Shows auch häufiger von performativen Reality TV gesprochen. Ereignisse wie das Casting, werden für den Sendungszweck konstruiert. Also „made for TV“. Dabei ist dem Zuschauer bekannt, was ihn erwartet: Meist völlig talentfreie Kandidaten werden durch nachträglich hinzugefügte, audiovisuelle Gestaltungsmittel verspottet und vorgeführt. Dies geschieht zum Beispiel im Rahmen des Song Quiz bei DSDS. Dabei dient vor allem die Inszenierung von Talentfreiheit in den Castings als Unterhaltungsfaktor.

Wer ist das Publikum?

„Heutzutage sind solche Shows ein etabliertes Fernsehformat, dass sich an ein breites Publikum richtet“, so Denise Sommer, aus dem Bereich Medienforschung. Casting Shows werden über alle Altersgruppen hinweg rezipiert, unabhängig vom Bildungsgrad. Besonders auf die Zielgruppe der Heranwachsenden üben Castingformate eine große Faszination aus, da es um öffentliche Anerkennung und Wertschätzung geht. Denise Sommer wirft einen Blick auf die Rezipienten: „Menschen wollen unterhalten werden. Auch mal mit etwas leichtem, was sie zerstreut.“ Sie dienen insbesondere der Herstellung von Gruppenzugehörigkeit. Beinahe täglich werden die Inhalte von Casting-Shows thematisiert oder sogar direkt zusammen geschaut. Es entstehen sogenannte „Rezeptionsgemeinschaften“. Mit den Freundinnen zusammen Germany’s Next Topmodel gucken, Snacks und eine Flasche Wein, wird dann quasi zum wöchentlichen Ritual. Casting-Shows fördern die soziale Zugehörigkeit. Ihnen kann also die Funktion eines gemeischaftsstiftenden Events zugeschrieben werden. Dabei bieten sie vor allem eins: Unterhaltung. Und das ist einigen Studierenden der Ostfalia besonders wichtig. Sie treffen sich wöchentlich, um gemeinsam Casting-Shows zu gucken.

Der Weg zum Casting

Wer sind die Teilnehmer von Casting-Shows? Was macht sie aus? Und warum machen Menschen bei einem Format mit, das sie öffentlich bloßstellt? Zunächst geht es hierbei vor allem um die Gesellschaftsbilder, die mit Hilfe von Casting-Shows kommuniziert werden. Dabei wird neben dem Wettbewerbsgedanken noch etwas anderes vermittelt. Der amerikanische Traum: Vom Tellerwäscher zum Millionär. Casting-Shows dokumentieren die Metamorphose von Mister Nobody zum gefeierten Star. Für viele bereits ein Anreiz zur Teilnahme. Mit Teilnehmern im Sinne des Beitrags wäre bei einer Musik-Casting-Show ein Kandidat gemeint, der über ein gewisses Gesangtalent verfügt. Also jene, die nicht zu reinen Unterhaltungszwecken dort sind. Häufig sind die Teilnehmer junge Menschen, die mutmaßlich Anerkennung suchen. Besonders Heranwachsende träumen davon, als einzigartiger Mensch wahrgenommen zu werden und verbinden mit einer Teilnahme an Casting-Shows die Hoffnung, prominent zu werden, ein ereignisreiches Leben zu führen und finanziell abgesichert zu sein – und das möglichst schnell und anstrengungsfrei. Eine Teilnahme an einem Castingformat ist immer mit einer gewissen Selbstdarstellung verbunden. Neben der eigentlichen Castingsituation vor einer Jury, wird der Kandidat vorab dem Publikum vorgestellt. Nicht selten werden die Teilnehmer in ihrer gewohnten Umgebung oder in einem beliebigen Moment vor dem Auftritt mit ihren Freunden und der Familie gezeigt. Man erfährt ausschnitthaft, wer die Person ist und was sie mit der Musik verbindet. Durch stereotypische Klischees aus dem eigenen Lebenslauf wird eine möglichst ergreifende Story entwickelt. Damit kommt der Teilnehmer den Bedürfnissen des Formats und den Rezipienten entgegen und fügt sich in das Konstrukt der Casting Show ein. Das in der Sendung präsentierte Image setzt sich dann aus den inszenierten Situationen zusammen. So sagt Ayke Witt, 2. Platzierter der Casting-Show „The Voice of Germany“ 2015: „Casting-Shows sind Fernsehshows. Letztendlich ist das Format Fernsehen auch eigentlich kein Format für Musiker. Deshalb finde ich es wichtig, dass eine Casting-Show, dem Künstler, der dort mitmacht, einen gewissen Freiraum bietet. Wenn eine Casting-Show dem Talent eine gute Basis gibt, sich zu präsentieren und authentisch zu präsentieren, dann ist das schon viel Wert.“ Campus 38 hat den Musiker zu seinen Erfahrungen mit Castingformaten und  seine Motive zur Teilnahme befragt.

Vom Tellerwäscher zum Millionär

„Wir buhlen um Jobs, um die Aufmerksamkeit unserer Lieben, um Facebook Freunde. Im Grunde ist unser ganzes Leben geprägt vom Wettbewerbsgedanken. Deswegen ist diese mediale Inszenierung etwas, das wir als selbstverständlich ansehen und wenig hinterfragen.“ so Denise Sommer. Durch das Werben um gute Quoten und die Zuschauergunst werden Kandidaten öffentlich diffamiert. So liegt ein Risikopotenzial in der befürwortenden Präsentation eines acht- und respektlosen Umgangs mit schwachen Menschen vor. Darüber hinaus haben Casting-Shows einen Einfluss auf Zukunfts- und Berufsvorstellungen. „Vom Tellerwäscher zum Millionär“- Jeder kann es schaffen. „Berühmt sein“ als Zukunftsperspektive. Machen Casting-Shows diese Träume wirklich wahr? Zwar macht es zunächst den Anschein, als würden die Teilnehmer von Casting-Shows zu gefeierten Stars und Sternchen. Stattdessen wird jedoch mit Hilfe von Castingformaten eine neue Art der Prominenz geschaffen: die Medienprominenz. Diese umfasst all jene, die Aufmerksamkeit durch ihre Casting-Show-Teilnahme erlangten. Die sogenannten C- Promis sind dann im Folgejahr beim Dschungelcamp, dem perfekten Promi Dinner oder der Ultimativen Chart Show mit Oliver Geissen. Sie sind also ein Element der Verwertungskette, auf das die Privatsender bauen.

Der ungebremste Casting-Hype

Fest steht: Unterhaltung und Inszenierung lebt von Provokation und Kontroverse. Folglich sind Casting-Shows TV- Formate, durch das Aufmerksamkeit generiert werden kann. Besonders bei Heranwachsenden wecken sie den Wunsch nach Beliebtheit, Berühmtheit, Erfolg und den Anreiz sich mit anderen zu messen. Dabei zeigen sie nur eine Abkürzung auf dem Weg zu vermeintlichen Erfolg und Ruhm. Castingformate gelten als im höchsten Maße inszeniert und klischeebeladen. Das Format Germany’s next Topmodel sah sich schon häufiger mit der Kritik konfrontiert, dass sie übertriebene Körperideale vermitteln und somit besonders bei jungen Mädchen, Unsicherheiten hervorrufen. Kritiker sehen in Casting-Shows eine kulturindustrielle Profitmaschine und gehen sogar soweit diese als Inbegriff „massenmedialen Übels“ zu betiteln. Mit dem Produkt würde zugleich sein Publikum abgewertet. Gleichzeitig sprechen Medienwissenschaftler von einer Rezipientenverantwortung. So bringt es der Autor Uli Jähner auf den Punkt: „Zuschauer heute wollen nicht nur Elend, sondern Glanz und Elend sehen.“ Trotz zahlreicher Beschwerden und Überprüfungen durch die Landesmedienanstalten, hat sich aber im Laufe der Jahre am grundlegenden Konzept der Casting-Shows wenig verändert.