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gute|schlechte Medien - Fotomanipulation Können wir Bildern noch trauen?

Bilder sind die vielleicht wirkungsvollsten Medien überhaupt. Sie können Augenblicke festhalten, Emotionen transportieren, schockieren und als Zeitzeugen fungieren. Doch nicht alle Bilder zeigen die Wirklichkeit. Immer professioneller werdende Fotomanipulationen können eine komplett verfälschte Realität darstellen.

Fake oder Realität? Das ist mittlerweile oft die Frage… Quelle: Dennis Schulten

März 2019, Facebookseite der AfD: Drei Schüler posieren mit ihren Streikplakaten vor der Kamera. Auf den Plakaten kuriose Parolen voller Rechtschreibfehler. Unter dem Bild der Satz: „Diese Kinder kann man nicht mehr retten... endgültig verblödet!“ In den sozialen Medien wurde das Bild zu den „Fridays vor Future“-Demonstrationen hundertfach geteilt und kommentiert. Was viele User nicht wussten – es handelt sich bei dem Bild um eine Fotomanipulation. Die Streikplakate wurden digital retuschiert – für politische Zwecke. Und genau hierbei liegt die Gefahr.

Mit Hilfe von digitalen Bildbearbeitungsprogrammen können Personen, Gebäude oder Gegenstände problemlos verändert werden. Selbst ganze Bildteile werden dem Bild raus- oder hinzuretuschiert.
Bei immer professioneller werdender Software ist es nahezu unmöglich ein gefälschtes Bild von einem echten zu unterscheiden. Dies führt gerade auch im Bereich des Journalismus zu großen Problemen und Unsicherheit.
Ein Fall, der in den Medien für viel Aufsehen gesorgt hat, war die Bearbeitung eines Propagandafotos des Irans. Das Bild zeigt den parallelen Start vierer militärischer Raketen. Veröffentlicht wurde dieses Foto unter anderem durch die Nachrichtenagentur AFP, sowie in der New York Times. Nachdem jedoch eine andere Version des Fotos auftauchte, wurde die Fälschung offensichtlich: Es wurde eine weitere Rakete in das Bild hinzugefügt, um eine vermutlich fehlgezündete Rakete am Boden zu verdecken. In diesem Fall haben die Redaktionen der namhaften Agenturen voreilig gehandelt, ohne eine genaue Überprüfung des Bildmaterials durchzuführen.

Täglich werden Bilder und Fotos für Pressemedien aufbereitet. Dabei gehören Farb- und Helligkeitskorrekturen, sowie die Auswahl des Bildausschnitts zur Standartprozedur. Doch gehört dies bereits zur Verfälschung der Realität? Bis zu welchem Grad sind Bildkorrekturen in der Presseberichterstattung ethisch und rechtlich vertretbar?

Helge Krückeberg, beruflicher Fotograf aus Hannover sieht dort eine klare Grenze:
„Alles das, was damals im Fotolabor mit Negativen möglich war, die Möglichkeiten des Eingriffs in das Bild, das ist heute auch noch erlaubt [...] solang dadurch die Realität, die der Fotograf gesehen hat, nicht verändert wird.“ Alles was darüber hinaus geht, sei nicht erlaubt und sollte der Bildethik eines jeden Fotojournalisten wiedersprechen. Pressefotograf Jörg Scheibe ergänzt dazu: „Sobald Persönlichkeiten in ein falsches Licht gerückt werden, üble Nachrede provoziert wird oder gar manipulierte Nacktbilder veröffentlicht werden, hat dies nichts mehr mit Bildkorrektur zu tun – das ist ein Straftatbestand.“ Ein Fall den der Braunschweiger sehr schwierig zu bewerten fand, war das Handeln des freiberuflichen Fotografen Adnan Hajj, der großen Nachrichtenagentur Reuters. Er bearbeitete die Rauchwolken in seinem international bekannten Kriegsfoto so, dass sie dunkler und größer wirkten, um die Szene dramatischer wirken zu lassen. Als dies Aufflog wurde
Hajj von Reuters gekündigt. „Da ist halt die Frage, ob das legitim ist. Ich denke – ja, nach meinem Standpunkt. So ein Krieg ist sowieso eine schreckliche Sache“, meint Jörg Scheibe im Interview. „Ich würde es jedoch nicht machen, also das ist nicht mein Ding sowas.“. Doch gibt es überhaupt Indizien, an denen ich erkennen kann, ob ein Bild bearbeitet wurde?
Retuschen hinterlassen oft Spuren im Bild, die vom geschulten Auge zu erkennen sind: Zunächst können bearbeitete Bildbereiche unnatürlich verschwommen oder verzerrt wirken. Dies kann entstehen, wenn ein Objekt, aus einem Bild digital „wegradiert“ wird. Das Programm muss dafür den Hintergrund des entfernten Objekts aus den Bildinformationen nachbauen, was oft zu Bildfehlern führt.

Genauso können sich einige Bildbereiche von der Auflösung vom Rest des Bildes unterscheiden. Wenn beispielsweise eine Person vor ein Gebäude retuschiert werden soll, so kann es sein, dass das Gebäudefoto von geringer Auflösung ist, als das Foto der Person. Würde man jetzt die Person vor das Gebäude platzieren, wäre ein deutlicher Qualitätsunterschied zwischen den beiden Bildelemente zu erkennen.
Ein weiterer häufiger Fehler liegt beim uneinheitlichen Schattenfall. Jedes Bild hat eine individuelle Beleuchtung. Fügt man nun mehrere Fotos zusammen, erkennt man an den unterschiedlichen Lichteinfällen die Manipulation – so kann zum Beispiel ein Schatten, der in die falsche Richtung fällt, ein Indiz für einen Fake sein. Auch kommt es nicht selten dazu, das vergessen wird überhaupt einen Schatten einzufügen.
Doch mit immer besser werdender Software können bereits Amateure täuschend echte Ergebnisse erzielen, bei denen selbst das professionelle Auge auf eine harte Probe gestellt wird. Und genau deshalb sei es umso wichtiger, dass man es nicht macht, erzählt Krückberg im Interview.

Doch können wir uns überhaupt noch sicher sein, dass die Bilder in journalistischen Medien frei von Manipulationen sind? „Ungedingt!“ meint der hannoversche Fotograf. „Das ist genau das, was niemals angetastet werden darf.“ Wenn es erstmal losgehen würde und die Leute den Stern oder die Zeit aufschlagen und den Bildern nicht mehr glauben könnten, sei dies das Ende des Bildjournalismus.
Dennoch bereiten aktuelle politische Entwicklungen und neueste technische Möglichkeiten vielen Menschen Sorgen, das dies in Zukunft noch so bleibt. Wer sich einmal auf YouTube mit dem Thema „Deepfakes“ auseinandergesetzt hat, konnte mit Erschrecken feststellen, wie einfach es ist, auch Bewegtbilder zu manipulieren. Beispielsweise wurden dort Weltpolitikern falsche Wörter in den Mund gelegt, Mimik und Gestiken angepasst und ließen sie gar ganze Sätze sprechen, die sie nie selbst ausgesprochen haben. Nach Meinung von Jörg Scheibe könnten diese Entwicklungen zukünftig für den Journalismus eine Gefahr darstellen.

Realität oder Fake?

„Besonders unter der Leitung von Trump ist es wirklich schon ein Kampf.“ Seriöse Journalisten kämen dadurch immer mehr ins Unterliegen solcher Mächte. Das Schlimmste sei jedoch, dass viele Menschen einfach nicht hinterfragen würden, ob das Bild in der Zeitung oder das Video in den Nachrichten der Realität entspricht.
Fotograf Krückeberg sieht hingegen zunächst keine Gefahr für den Journalismus. In erster Linie glaubt er weiterhin an eine ehrliche und sorgfältige Arbeit der Journalisten, Fotografen und Bildredakteure. Besonders auch, da so viel Verantwortung auf den Fotografen und Redakteuren laste. Krückeberg wiederholt, dass das Vertrauen in die journa- listische Arbeit niemals verloren gehen darf. Es sei nicht falsch kritisch der Berichterstattung gegenüberzustehen, es dürfe aber nicht hinter jedem Bild in der Presse eine Manipulation vermutet werden. Dann sei „der Hopfen im Malz verloren“.

Wichtig und gefährlich zugleich

Schlussendlich bleibt zu sagen, dass wir den Bildern, in Presseberichterstattungen seriöser Medien generell Vertrauen schenken sollten. Besonders in Deutschland wird darauf Wert gelegt, vor der Veröffentlichung alle Bilder und Fotos absichernd zu überprüfen, um einen 100-prozentigen Wahrheitsgehalt zu gewährleisten. Dennoch ist es wichtig sich noch einmal vor Augen zu halten das Bildmanipulationen existieren und das es zahlreiche Möglichkeiten gibt, Bilder so zu verändern, dass sie eine komplett andere Realität darstellen. Wir sollten vielleicht nicht gleich jedem Bild Glauben schenken, die im Web oder in den Sozialen Medien kursieren. Gerade dann, wenn etwas besonders reißerisch und provozierend dargestellt wird. Am Ende bleiben Bilder ein Medium wie kein anderes – sie sagen mehr als tausend Worte beschreiben können. Und genau darum sind Bilder in den Medien so wichtig und gefährlich zugleich.