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gute|schlechte Medien - Terrorismus Journalismus als Terrorhelfer

Das reine Befolgen journalistischer Nachrichtenwerte führt in der Berichterstattung über Extremismus regelmäßig zu ethischen Konflikten. Lösen kann man diese immer nur verantwortungsethisch – im Einzelfall auch dadurch, den AttentäterInnen die große Bühne vorzuenthalten.

Mutter und Tochter gedenken den Opfern von Christchurch (Quelle: iStock)

Während Angehörige der Opfer noch trauerten, beschuldigte der konservative Senator Fraser Anning schon die Muslime. Denn die Immigrationspolitik Neuseelands sei der wahre Schuldige am Blutvergießen in den zwei Moscheen in Christchurch. Fremdenfeindliche und hasserfüllte Aussagen wie diese, schreien geradezu danach von JournalistInnen behandelt zu werden. Ein gefundenes Fressen für alle, die auf die Aufmerksamkeit der Massen angewiesen sind. Gerade bei solchen Statements muss man aber vorsichtig sein. Nur wenn man sich auch kritisch mit ihnen auseinandersetzt, sollte man sie behandeln. Ansonsten sind JournalistInnen nichts anderes als ein Sprachrohr für rassistische PolitikerInnen und Schlimmeres.

Das gleiche gilt natürlich umso mehr für MassenmörderInnen, wie den Terroristen von Christchurch. Ein kritisches Hinterfragen dessen Ideologie ist notwendig. JournalistInnen dürfen solchen Menschen nicht einfach eine Bühne geben. Dem würden die Redaktion der Bild wohl nicht zustimmen. Nicht nur guckte einen von der Titelseite der Ausgabe vom 16. März 2019 das Gesicht des Terroristen an, auch veröffentlichte die Bild ein Video, welches Originalaufnahmen des Täters zeigte. Warum das getan wurde, ist klar. Das Foto und das Video sollen provozieren. Wenn die Kassen klingeln, kann die Ethik schon mal hintenanstehen. Die Hamburger Morgenpost fiel stattdessen mit zurückhaltender Vorsicht auf. Die Titelseite der Zeitung blieb schwarz. Ein Text wies darauf hin, dass man dem Täter nicht die gewünschte Aufmerksamkeit schenken wollte und somit auf ein Bild verzichte. Nicht der einzige Weg, um mit solch einer monströsen Tat umzugehen, aber sicherlich kein schlechter. Deutschlandfunk zeigt einen weiteren. Online-Artikel über den Terroranschlag werden mit einem Absatz eingeleitet, der erklärt, dass weder Bilder des Attentäters gezeigt noch sein Name genannt werden, um dem Täter keine Bestätigung und anderen einen Anreiz zu geben.  Auch große neuseeländische Medienhäuser wollen auf Bilder des Attentäters mit rassistischen Gesten oder Symbolen, sowie entsprechende Äußerungen in ihrer Berichterstattung verzichten. Vor dem nun anstehenden Prozess gegen den Attentäter verpflichteten sich Radiosender, Zeitungshäuser und Onlineportale zu diesem gemeinsamen Kodex der Berichtserstattung. Sie wollen so den rassistischen und terroristischen Parolen des Attentäters keine Plattform mehr bieten. So ist eine Auseinandersetzung möglich, ohne dem Terroristen in die Karten zu spielen.   

Besser nur schwarze Titelseiten?

Sollte so also jede Berichterstattung zu Verbrechen aussehen? Schwarze Titelseiten, keine Bilder, keine Namen? Abweichende Ideologien bloß nicht erwähnen? Nein! Guter Journalismus soll auch gerade solche falschen und rassistischen Überzeugungen thematisieren. Das geht aber nur, wenn man sich mit diesen auch angemessen auseinandergesetzt. Der Tübinger Medienwissenschaftler Bernhard Pöksen verweist dazu auf die Maxime des Qualitätsjournalismus: „Prüfe erst, publiziere dann.“ Denn wer Inhalte, wie das Video, veröffentlicht, folgt damit den Wünschen des Attentäters und verschafft ihm zusätzliche Aufmerksamkeit. JournalistInnen sollten sich also vor der Verbreitung ihrer Inhalte fragen, ob sie damit ein Hinterfragen und eine kritische Auseinandersetzung ermöglichen. Alles andere sei „Attentatspornographie, die niemanden weiterbringt und keinen aufklärerischen Wert besitzt“. Wenn man also über den Attentäter von Christchurch und sein Manifest schreibt, ist es nötig sich mit dessen Überzeugungen zu beschäftigen und die schädlichen Aussagen auch als diese klar zu kennzeichnen. Denn jeder sollte im Hinterkopf behalten, dass der Täter die mediale Verbreitung seiner Worte und Bilder von Anfang an einkalkulierte. Tut man das nicht, spielt man ihm genau in die Karten. Schlimmer noch, man fördert ein Klima, in dem Rassismus und Hass normalisiert werden. Journalismus düngt den Nährboden für weitere Hassverbrechen.

Achtung: Verschwörungstheorie

Ein gutes Beispiel hierfür ist „The Great Replacement“ oder „Der Große Austausch“. Dahinter verbirgt sich der Gedanke, dass  muslimische EinwanderInnen durch höhere Geburtenquoten weiße EuropäerInnen verdrängen würden. Für sich genommen klingt das zunächst nach reinen Bevölkerungsstatistiken. Dahinter verbirgt sich aber eine Verschwörungstheorie, die rassistische Ängste wecken will. Wenn ImmigrantInnen als Gefahr dargestellt werden, ist es nicht ausgeschlossen, dass einige, wie der Terrorist von Christchurch, gewaltsam gegen solche vermeintlichen Probleme vorgehen. Dem sollten JournalistInnen mit ihrer Berichterstattung entgegenwirken.

Als Antwort gegen solche Legenden helfen JournalistInnen Fakten – etwa solche des Pew-Forschungsinstitut in Washington DC. Das Institut hat für Deutschland prognostiziert, dass der Anteil von Muslimen in Deutschland 2050 gerade einmal zwischen elf und 20 Prozent liegen werde. Die Forschungsgruppe Weltanschauung Deutschland weist aus Daten des statistischen Bundesamtes nach, dass die Geburtenrate türkischer Mütter mit Migrationshintergrund bereits in der zweiten Generation von 3,3 Kinder pro Frau auf 2,4 Kinder pro Frau sank. Mit ein paar Informationen ist das Feindbild der schleichenden Verdrängung weit weniger bedrohlich.

Werther-Effekt vermeiden

Werden die Verschwörungstheorien verblendeter AttentäterInnen hingegen ungefiltert verbreitet, kann das noch weitere Folgen haben. Bei Suiziden wird schon lange auf den sogenannten Werther-Effekt Acht gegeben. So soll verhindert werden, dass die eigene Berichterstattung NachahmerInnen inspiriert. Bei Anschlägen gibt es solche Überlegungen nicht. Noch nicht. Der Kriminologe Mark S. Hamm und der Soziologe Ramón Spaaij beschreiben in ihrem Buch The Age of Lone Wolf Terrorism das Phänomen des stochastischen Terrorismus. Dieser Begriff beschreibt Sprache, wie Massenkommunikation in sozialen Medien, die zufällig und indirekt EinzeltäterInnen zu Gewalt- oder Terrorakten anstiften könnte. Attentate werden demnach zwar statistisch vorhersehbar, jede Tat für sich genommen bleibe jedoch unberechenbar. Mit anderen Worten: Man weiß nicht, wo und von wem Anschläge verübt werden. Man weiß nur, dass sie passieren werden. AttentäterInnen sind dabei  „einsame Wölfe“. Angestachelt durch „stochastische TerroristInnen“, die über Massenmedien ihre Ideologien verbreiten. In unserem Fall tragen auch JournalistInnen, die dem Anschein nach bedenkenlos über die Ideologien rassistischer AttentäterInnen berichten, Verantwortung.

JournalistInnen haben einen klaren Auftrag in unserer demokratischen Gesellschaft. Sie müssen RezipientInnen informieren und der Verbreitung von Rassismus, Hass und Falschinformationen entgegenwirken. Sie müssen die Inhalte durch Hintergründe, Zahlen und Fakten unvoreingenommen einordnen. Denn werden Bilder und der Attentäter zu breit in den Fokus genommen, gedenkt niemand mehr der Tat und der Opfer. Dem Täter die Aufmerksamkeit zu verweigern, die er sucht, ist womöglich der einzige Weg ihn wirklich zu strafen. Leider haben sich dieser Verantwortung bisher zu viele JournalistInnen entzogen.


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